Retrospektive zu Thomas Heise im Filmmuseum

"Raus aus der Blase!" - Retrospektive zu Thomas Heise im Filmmuseum
"Raus aus der Blase!" - Retrospektive zu Thomas Heise im Filmmuseum ©Filmmuseum
Die Umgebung, in der man sich sicher fühlt, interessiert Thomas Heise am allerwenigsten. "Ich glaube an Konflikte, sonst glaub ich an gar nix", zitiert er gern Heiner Müller und ruft im Gespräch in Wien dazu auf, sich in Widersprüche zu verwickeln:

“Man muss raus, raus der Blase!” Ab Montag ist dem deutschen Dokumentaristen im Österreichischen Filmmuseum eine ausgiebige Retrospektive gewidmet. “Wozu denn über diese Leute einen Film?”, fragte Heise, 1955 in Ostberlin geboren, in seinem Debüt an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg in den 1980er Jahren. Das Porträt über zwei kleinkriminelle Brüder und ihre Mutter wurde damals als Provokation aufgefasst und verboten, nahm aber schon den Zugang des Regisseurs vorweg: vorurteilslos, zugewandt, beobachtend. “Ich muss immer versuchen etwas kennenzulernen, das ich nicht begreife”, sagt er heute.

Nach dem Zusammenbruch der DDR ist Heise einer der wenigen, der rasch im Kino erfolgreich ist. Seine Filme “Eisenzeit” (1991) und “STAU – Jetzt geht’s los” (1992), ein Porträt rechtsradikaler Jugendlicher in Halle, machen ihn bekannt. Acht Jahre später sucht er die damaligen Protagonisten noch einmal auf (“Neustadt”), nochmals sieben Jahre später wieder (“Kinder. Wie die Zeit vergeht”). “Deutlich wird über die Jahrzehnte, wie sich das rechte Denken in der Mitte der Gesellschaft festsetzt”, formuliert das Filmmuseum in seinem Text zur Retrospektive.

Retrospektive in WIen

Insgesamt 18 Filme werden bis 3. Dezember gezeigt, zum Auftakt läuft die jüngste Arbeit “Städtebewohner”, die auch schon im Rahmen der Viennale präsentiert wurde. Der Film wurde in einem Jugendgefängnis in Mexiko gedreht, das schwarz-weiße Bild verleiht der Doku etwas Zeitloses. “Ich wollte vermeiden, dass was Folkloristisches entsteht”, erklärt Heise den fast ungewohnt stilisierten Zugang, der auch Orchestermusik und Brecht-Gedichte umfasst.

Vom Gefängnis selbst bleibt ein ambivalenter Eindruck: Hinter den hohen Mauern und den vielen Gittern läuft ein Resozialisierungsprojekt, die Jugendlichen sollen kulturell beschäftigt werden. “Der Direktor entscheidet immer, wie der Knast geführt wird – ob lockerer oder weniger locker.” Aktuell ist das Gefängnis etwa nicht mehr zugänglich, bedauert Heise im Gespräch. Der Regierungswechsel in Mexiko hat die Gangart wieder verschärft.

Thomas Heise im Filmmuseum

Den jugendlichen Mördern, Dieben und Schlägern begegnet Heise mit dem für ihn typischen Interesse am Alltag der jungen Marginalisierten. “Ich kann die natürlich alle nur für Mörder und Terroristen halten, aber ich werde das nicht lösen, in dem ich nur draufhaue und mit dem Finger auf sie zeige”, zieht Heise auch Parallelen zu aktuellen politischen Konfliktlösungsansätzen. “Ich muss doch erstmal mit denen reden. Wie soll man das denn sonst lösen? Dann müsste ich ja alle massakrieren.”

Den Film hat Heise – wie schon viele seiner Dokus zuvor – aus eigenen Mitteln finanziert. Nach den schönen Kamerafahrten im Film gefragt, antwortet er nur lapidar: “Das war in einer halben Stunde fertig, aus dem fahrenden VW-Bus raus, da ist der Fahrer vom Goethe-Institut genau 5 km/h gefahren”, lächelt er und macht seinen Zugang noch einmal deutlich, den er seit heuer auch auf der Akademie der bildenden Künste in Wien lehrt. “Schienen und Dollys wären doch nur rausgeschmissenes Geld, da muss man improvisieren.”

(Das Gespräch führte Daniel Ebner/APA)

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