Respekt gegenüber Alten

"Das beste Fett findest du beim alten Huhn", sagt ein ägyptisches Sprichwort. Gemeint ist damit, dass man die Erfahrung und Weisheit des Alters hoch schätzen soll.

Tatsächlich bringt man den Alten in der arabischen Welt bis heute großen Respekt entgegen. Der im Westen verbreitete Jugendkult ist zwar in Libanon schon angekommen, wo sich viele ältere Frauen Schönheitsoperationen unterziehen und Männer ihre Haare färben. Doch die meisten Araber genießen jenseits der 60 das Altern in Würde.

Wenn sich die Alten selbst nicht mehr versorgen können, kümmern sich meist Töchter und Schwiegertöchter um sie. „Das Leben in der Familie ist der Unterbringung in einer Institution in jedem Fall vorzuziehen“, meint der Sozialwissenschafter Professor Raschad Abdullatif von der Kairoer Helwan-Universität. Während es ihnen in den Golfstaaten zumindest finanziell an nichts mangelt, müssen sich Senioren in ärmeren Ländern wie Ägypten oft auch finanziell auf ihre Kinder verlassen, was diese nicht immer begeistert. Laut Abdullatif leben nur rund 35 Prozent der Ägypter im Alter ausschließlich von ihrer Pension. Die meisten von ihnen sind ehemalige Beamte. Das große Heer der Tagelöhner, Gemüseverkäufer, Parkwächter, Fahrer und Putzfrauen hat dagegen keine Rentenversicherung.

Auf Grund der hohen Geburtenraten gibt es in den arabischen Ländern bisher kein Problem mit den Pensionsbeiträgen. In Ägypten sind nur 6,3 Prozent der Bevölkerung älter als 60 Jahre. Doch da vor allem die Mädchen dazu erzogen werden, sich später einmal um ihre pflegebedürftigen Eltern zu kümmern, hat derjenige schlechte Karten, der nur Söhne hat. So wie der glatzköpfige 90-Jährige, der seine Tage im Eingang eines Hochhauses im Kairoer Innenstadtviertel Garden City auf einer schmutzigen gemauerten Bank verbringt. Onkel Ahmed hört und sieht nicht mehr richtig und kann sich kaum noch artikulieren. Die Kinder eines Hausmeisters kümmern sich um ihn. Dessen jüngste Tochter stellt ihm mittags einen Teller mit Reis und Gemüse hin.

Der Sohn des Hausmeisters führt ihn zur Gebetszeit am Arm zur Moschee. An guten Tagen kommt abends einer von Onkel Ahmeds Söhnen, um ihn nach Hause zu bringen. An schlechten Tagen schläft er auf der Bank. In Ägypten, das mehr als 70 Millionen Einwohner hat, gibt es nur rund 20 Altenheime. Die meisten dieser Heime sind staatlich. Nur in Kairo und Alexandria gibt es jeweils ein kleines privates Seniorenheim mit Monatsgebühren von umgerechnet rund 500 Euro. Kaum ein Ägypter hat so viel Geld zur Verfügung.

In Syrien hat sich die Einstellung zu professioneller Betreuung für pflegebedürftige Alte in den vergangenen Jahren gewandelt. Hier gibt es inzwischen zahlreiche Altenheime, und einige Senioren ziehen die Unterbringung in einer dieser Einrichtung sogar dem Leben in der Großfamilie vor. In Jordanien ist es dagegen immer noch ein Tabu, seine Eltern im Heim wohnen zu lassen. Da oft beide Ehepartner arbeiten, gibt es jedoch in vielen Familien niemanden mehr, der Zeit hat, sich zu Hause um die Alten zu kümmern.

In Saudi-Arabien, wo nur sehr wenige Frauen arbeiten, existiert dieses Problem nicht. Deshalb gibt es im gesamten Land auch nur zehn Altenheime, in denen fast ausschließlich Menschen leben, die keine Familie mehr haben. Die Kosten trägt der Staat, der ihnen auch ein bescheidenes Taschengeld zahlt. In den Altenheimen des islamischen Königreichs leben Männer und Frauen voneinander getrennt.

Im Nachbarland Jemen, dem Armenhaus der arabischen Halbinsel, haben viele keine Pension. Es gibt landesweit nur ein einziges Altenheim. Das Seniorenstift für Frauen in der Hauptstadt Sanaa finanziert sich durch Spenden. Seine Eltern im Alter nicht selbst zu versorgen, gilt bei den Jemeniten als große Schande.

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