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"Punch and Judy": Groteske im Kasperlformat an Kammeroper

"Punch and Judy": Horrorgroteske im Kasperlformat an Kammeroper Wien
"Punch and Judy": Horrorgroteske im Kasperlformat an Kammeroper Wien ©Kammeroper
Kann einem eine Oper Schauer über den Rücken jagen? Durchaus, wie am Donnerstagabend "Punch and Judy" von Harrison Birtwistle in der Wiener Kammeroper unter Beweis gestellt hat.

In bester Splattermanier schafft Regisseur Leonard Prinsloo in der Produktion der Neuen Oper Wien ein monströses Kasperltheater. Die scheinbare Jahrmarktunterhaltung wird bei ihm zur postapokalyptischen Groteske.

Punch and Judy in Wien

Damit findet der gebürtige Südafrikaner die stimmigen Bilder für das aus 1967 stammende Stück Birtwistles, dessen Grundkonzept auf den beiden britischen Kasperlfiguren Punch und Judy aufbaut und die ungeschönte Gewalt des Puppentheaters für die Opernbühne transponiert. Punch quält und verbrennt bereits in den ersten Minuten ein Baby und ersticht seine Freundin Judy. Am Ende wird er inklusive dem Conferencier Choregos nahezu jede der Figuren auf der Bühne ermordet haben – mit Ausnahme seiner angebeteten Pretty Polly. Er verrichtet auf der Bühne seinen Stuhlgang und isst dessen Produkt. Der Doktor und der Anwalt reißen ihm im Gegenzug die Augäpfel aus und essen sie genüsslich.

Letztlich bewegen sich hier Menschen in den moralischen Parametern eines Kasperlspiels – mit den verzerrten Schminkmasken eines derangierten Unterhaltungstheaters. Der Bezug zu Horrorfilmklassikern wie “Es” oder “Saw” ist im dunklen Industriesetting evident. Dabei hat Birtwistle, der Mitte Juli seinen 80. Geburtstag feiert, auch die narrative Struktur des Kasperltheaters mit seinen kurzen Sequenzen übernommen. Jede szenische Ankündigung zerfällt mit der nächsten musikalischen Phrase bereits wieder, alles ist Spiel, kein Toter, der im Stroboskoplicht ermordet wird, bleibt dauerhaft leblos.

Horrorgroteske im Kasperlformat an Kammeroper

Zu dieser hochstilisierten, infernalischen Groteske hat Birtwistle eine stark rhythmisch akzentuierte Musik geschaffen, gespickt mit musikalischen Zitaten von Webern oder Strawinski, die vom amadeus ensemble unter Walter Kobera mit wahrem Furor interpretiert wird. Auch die Sängerriege beeindruckt nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch. Wenn man während des Stücks lache, müsse man kein Eintrittsgeld zahlen, lautet die Ankündigung zu Beginn. Sein Kartengeld hat wohl keiner im Publikum zurückgefordert.

“Punch and Judy” von Harrison Birtwistle (Musik) und Stephen Pruslin (Libretto) als Produktion der Neuen Oper Wien in der Kammeroper, Fleischmarkt 24, 1010 Wien.

  • Musikalische Leitung: Walter Kobera am Pult des amadeus ensemble wien,
  • Regie: Leonard Prinsloo
  • Ausstattung: Monika Biegler.
  • Mit Jennifer Yoon (Pretty Polly/Witch), Manuela Leonhartsberger (Judy/Fortuneteller), Lorin Wey (Lawyer), Richard Rittelmann (Punch), Till von Orlowsky (Choregos/Jack Ketch), Johannes Schwendinger (Doctor) und Evamaria Mayer (Tänzerin).
  • Weitere Aufführungen am 25. und 28. Mai sowie am 3. und 5. Juni.

(APA)

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