Pünktlich vor der Himmelstür

"Ein Verstorbener braucht einen Internationalen Leichenpass und eine Reihe anderer Papiere. Alle sollen denselben Regeln folgen", Christian Fertinger
"Ein Verstorbener braucht einen Internationalen Leichenpass und eine Reihe anderer Papiere. Alle sollen denselben Regeln folgen", Christian Fertinger
Vor Allerheiligen reisten Wiens Chef-Bestatter nach Brüssel, um ein Zusammenrücken des europäischen Bestattungs- und Friedhofswesens anzuregen.
Friedhof St. Marx: Requiescat in Pace

In Wien musst erst sterben, bevor sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst lang.“ Helmut Qualtinger hat des Wieners ambivalentes Verhältnis zum Tod erkannt: Keine andere Stadt der Welt kokettiert so offensiv mit der eigenen Vergänglichkeit und huldigt gleichzeitig lieber Verstorbenen als Lebenden. Um der lebendigen Internationale die Wiener Morbidität zu erklären und einen gemeinsamen, europäischen Weg in Sachen Bestattung und Friedhofskultur vorzuschlagen, sind die drei Geschäftsführer des Wiener Totenreichs rechtzeitig vor Allerheiligen nach Brüssel gereist.

Abkommen veraltet und kompliziert

Im Rahmen eines Arbeitsbesuchs haben Christian Fertinger (Bestattung & Friedhöfe Wien), Jürgen Sild (Bestattung Wien) und Markus Pinter (Friedhöfe Wien) der Kommission der Europäischen Union eine neue Richtlinie vorgeschlagen, die innereuropäische Überführungen von Verstorbenen erleichtern, beschleunigen und entbürokratisieren soll. Im Moment ist eine schnelle Rückreise in das Ursprungsland im Todesfall nicht gesichert: Die Modalitäten der Sargüberführung sind im „Internationalen Abkommen über Leichenbeförderung“ (Berliner Abkommen) von 1937 und im Straßburger Abkommen von 1973 geregelt. Im Gegensatz zu vielen anderen EU-Ländern ist Österreich beiden Abkommen beigetreten, und: „Jedes Dörfchen hat eigene Regelungen und Zusatzregelungen.

Manche Länder sind keinem Abkommen beigetreten, und die Abkommen sind inhaltlich teilweise veraltet“, sagt Fertinger. „Wir wollen eine einheitliche Regelung der Rückführung von Verstorbenen.“ So soll es eine Checkliste verschiedener benötigter Dokumente geben: „Ein Verstorbener braucht einen Internationalen Leichenpass und eine Reihe anderer Papiere der Gesundheitsbehörde. Mit Hilfe einer neuen EURichtlinie sollen sich alle an dieselben Regelungen halten, auch die, die bis jetzt nicht dabei waren“, sagt Fertinger. Als Chef des Konzernbereichs Bestattung & Friedhöfe weiß Fertinger um die Wichtigkeit eines reibungslosen Ablaufs im Todesfall Bescheid. Ein solcher ist auch für das Unternehmen selbst, als größtes im Bestattungs- und Friedhofswesen in Österreich, unabdingbar. Aus diesem Grund gehören Bestattung und Friedhöfe als Töchter der Wiener Stadtwerke seit vergangenem Jahr zusammen. „Das hat strategische und administrative Gründe“, sagt Fertinger. Bislang war die Bestattung den Friedhöfen übergeordnet. Durch die Neustrukturierung agieren beide Bereiche gleichrangig nebeneinander – und ab 2012 auch im selben Gebäude auf dem Zentralfriedhof.

Europäische Route der Friedhöfe

Die innerstädtisch enge Zusammenarbeit der beiden Bereiche soll nun auch auf die europäische Gemeinschaft ausgeweitet werden – nicht nur durch die neue EU-Richtlinie, sondern auch durch die „Europäische Route der Friedhöfe“. „Hier gibt es mit der ASCE (Association of Significant Cemeteries in Europe) eine Zusammenarbeit auf europäischer Ebene“, sagt Pinter. Die Route erstreckt sich über 28 europäische Friedhöfe. Sie soll die Rolle der Friedhöfe als Erbe der Menschheit unterstreichen und die Bevölkerung für die Bedeutung der Friedhöfe in Europa sensibilisieren. Zudem sollen Nekropole künftig Unterstützung bei der Aufnahme in Kulturprogramme bei Städtereisen erfahren. In Wien ist das bei Touristen bereits jetzt beliebte Praxis. Rund 500.000 Gräber reihen sich auf über 50 Totenstätten in Wien nebeneinander. Die weitaus größte Totenstadt in Europa ist der Zentralfriedhof. Seit 1874 wurden hier drei Millionen Menschen begraben – weit mehr, als Wien lebende Einwohner hat. Das passt – schließlich sehnt man sich in Wien nach üppigen Grabstätten, prächtigen Mausoleen und vor allem: einer „schönen Leich’“.

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