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Psychiatrie-Kommission: Experte für Patientenanhörung

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Der Psychotherapeut und Rektor der Sigmund Freud Privatuniversität, Alfred Pritz, hat am Donnerstag in der Psychiatrie-Untersuchungskommission des Wiener Gemeinderats dafür plädiert, auch Betroffene zu Wort kommen zu lassen - allerdings in einem geschützten, nicht-öffentlichen Rahmen.

Grüne und ÖVP fühlten sich bestätigt, die SPÖ verwies erneut auf die Funktion des Patientenanwalts.

Im Laufe der Sitzung wurde eine Angehörige eines Patienten vom Vorsitzenden Dieter Baumgartner des Saales verwiesen. Sie hatte lautstark über die “traurige, verachtende” Situation in der Wiener Psychiatrie geklagt und den Anwesenden vorgeworfen, nicht zu wissen, wovon sie redeten. “Das, was diese Dame sagt, ist wichtig”, betonte Pritz: “Sie braucht einen Raum, sich zu äußern. Sie hat aber keinen, außer dem, wo wir uns gestört fühlen.”

Psychiatriepatienten seien “die Ärmsten”, so Pritz: “Diese Gruppe hat keine Lobby. Sie befinden sich in einem Leidenszustand, der unmittelbar sozial durchschlägt. Sie leiden darunter, dass sie sich nicht äußern können.” Er glaube, dass diese Aussagen der Kommission nützen würden. Allerdings: “Ich würde es nicht in einer offenen Sitzung machen. Da kommen starke Emotionen hervor, die einen Schutz herum brauchen.”

Bei der SPÖ fühlte man sich dadurch bestätigt. “Ich will durchaus zustimmen, dass Patienten und Angehörige Gehör finden sollen, jedoch bei einem geschulten Ohr”, meinte Gemeinderätin Sonja Ramskogler, selbst Psychotherapeutin: “Das geschulte Ohr ist hier nicht vorhanden.” Karin Praniess-Kastner von der ÖVP wertete den Umgang der SPÖ mit jenen, die ihre Stimme erheben wollten, als “skandalös”. Ähnlich Sigrid Pilz von den Grünen. “Die Stimme der Patienten wird gehört werden, da werden wir uns was überlegen”, meinte sie in einer Sitzungsunterbrechung vor Journalisten.

Pritz kritisierte auf Nachfrage der FPÖ, dass die Patienten unter den Personaleinsparungen in der Psychiatrie leiden müssten. Der unmittelbare menschliche Kontakt sei essenziell, speziell wenn es um freiheitsbeschränkende Maßnahmen gehe. “Es ist schon für einen normalsinnigen Menschen unerträglich, wenn er angeschnallt, in ein Gitterbett gesperrt wird”, sagte er. Als diskussionswürdig bezeichnete er das in Lübeck angewandte Modell: Für Beschränkungsmaßnahmen gebe es dort ein Behandlungszimmer mit Medizinwache. Es sei also immer jemand zur Betreuung anwesend.

Nach Pritz war Psychiatrie-Professor Heinrich Kunze aus Deutschland am Wort. Er berichtete von der dortigen Psychiatriereform. In der nächsten Sitzung am 24. April soll Verfassungsrechtler Heinz Mayer für Klarheit sorgen, ob Angehörige oder Betroffene unter Berücksichtigung von Persönlichkeitsrechten in den Zeugenstand der Kommission geholt werden können.

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