Prozess um entführten Vorarbeiter muss wiederholt werden

Der Chef blieb 3 tschetschenischen Bauarbeitern den Lohn schuldig, worauf sie zu Selbsthilfe griffen. Der Freispruch wurde nun wegen eines Irrtums der Geschworenen ausgesetzt.

Weil drei Bauarbeiter keinen Lohn sahen und ihr Chef einfach nicht mehr zu erreichen war, griffen die Tschetschenen zur Selbsthilfe: Sie bemächtigten sich am 19. November 2008 des Vorarbeiters und zwangen ihn, mit dem Chef Kontakt aufzunehmen, um auf diesem Weg an die offenen 3.000 Euro heranzukommen. Am Donnerstag hatten sich die drei 26-Jährigen vor einem Wiener Schwurgericht zu verantworten, wo sie von den Geschworenen überraschend freigesprochen wurden

Die drei Berufsrichter setzten jedoch den Wahrspruch wegen Irrtums der Geschworenen aus. Der Prozess muss damit in neuer Zusammensetzung – Berufs- und Laienrichter werden ausgetauscht – wiederholt werden. Die allesamt 26 Jahre alten Bauarbeiter bleiben bis auf weiteres in U-Haft.

Die Anklage hatte auf erpresserische Entführung gelautet. Strafdrohung: Zehn bis 20 Jahre Haft. “Mein Mandant ist fast vom Stuhl gefallen, als er das erfahren hat”, stellte Verteidiger Rudolf Mayer fest.

Als der Gesetzgeber 1975 den inkriminierten Tatbestand ins Leben rief, habe er dies unter dem Eindruck des terroristischen Überfalls auf israelische Athleten während der Olympischen Sommerspiele in München getan. “Er hat damit ganz sicher nicht an eine Geschichte wie die gedacht, über die wir jetzt hier sprechen”, sagte Mayer.

Die Angeklagten hatten ihr in den Tschetschenien-Kriegen schwer in Mitleidenschaft gezogenes und politisch instabiles Heimatland verlassen, um in Österreich um Asyl anzusuchen. Im Flüchtlingslager Traiskirchen hielten sie es nicht lange aus, weil sie in keine ethnischen Konflikte und Gewalttätigkeiten verwickelt werden wollten. Für eine winzige, abgehauste Wohnung in der Bundeshauptstadt waren ein paar 100 Euro pro Monat zu bezahlen. Um sich diese mit ihrer geringen Sozial-Unterstützung leisten zu können, verdingten sich die Männer am Wiener “Arbeiterstrich”.

Wochenlang schufteten sie für undurchsichtige Baufirmen zu einem mickrigen Stundenlohn illegal auf diversen Baustellen und erhielten ihr Geld meistens erst dann in die Hand gedrückt, wenn das Projekt abgeschlossen war. Als Ende September ihre Arbeit auf einer Baustelle in Wien-Währing zu Ende ging, bekamen sie gar nichts. Der Firmeninhaber vertröstete sie stattdessen immer wieder und war schließlich gar nicht mehr greifbar, weil er seine Handy-Nummer gewechselt hatte.

“Irgendwann ist ihnen der Geduldsfaden gerissen”, stellte Staatsanwalt Leopold Bien fest. Die Tschetschenen hatten in ihrer Not einen Vorarbeiter angerufen und um ein Treffen gebeten, zu dem jener mit einem zweiten Mann erschien. Die Arbeiter verlangten von der “rechten Hand” ihres Chefs ihr Geld und forderten, jener möge diesen sofort anrufen. Dieser Forderung kamen sie mit Faustschlägen ins Gesicht nach. Auch zeigten sie ein Messer her und drohten dem Vorarbeiter und seinem Begleiter, sie “aufzuschlitzen”.

Damit gelang es ihnen tatsächlich, an den Chef heranzukommen, der fernmündlich noch für denselben Tag eine Geldübergabe an der U-Bahn-Station Pilgramgasse zusicherte. Die Tschetschenen brachten ihre zwei Geiseln darauf in die Wohnung eines Freundes, indem sie diese mit der Straßenbahn in den zehnten Bezirk entführten. Einer bewachte dort die beiden, während die zwei anderen die 3.000 Euro entgegennehmen wollten.

Stattdessen klickten jedoch die Handschellen: Der Firmeninhaber hatte längst die Polizei eingeschaltet, die in weiterer Folge auch die Geiseln befreien konnte.

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