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Produktive Bildteppichverleger

Visuals. Im Club, im Konzert, im Theater und nicht zuletzt auf Festivals. Was früher oft nur als fades Beiwerk – gestaltet von ein paar wenigen Freaks - galt, mausert sich immer mehr zu einer eigenständigen Kunstform. Und das vollkommen zu Recht.

Das Auge isst mit
Wie untrennbar Bild und Ton in unserer Wahrnehmung sind, lässt sich simpel überprüfen. Der Actionkracher im Fernsehen hat ohne Ton plötzlich weder Sinn noch Nachhaltigkeit, lauscht man nur den Soundeffekten präsentiert sich das Gehörte als mindestens genauso langweilig. Visuelle und akustische Eindrücke potenzieren sich gegenseitig. Eigentlich unverständlich, warum Visuals – und auch deren Produzenten – so lange mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen hatten. Kruder & Dorfmeister kennen wohl fast alle, ihren Haus und Hof-VJ (Video Jockey) Fritz Fitzke allerdings die wenigsten.

Burgenländische Pioniere
Das Urban Art Forms Festival im burgenländischen Wiesen untermauert auch bei der diesjährigen Ausführung seine Sonderstellung unter den zahlreichen Festivals, gerade und vor allem hinsichtlich der Visuals. So wird die Hauptbühne dieses Jahr in ein neues Licht getaucht und der Schwerpunkt des Projektionsdesigns liegt in der Objektgestaltung. Während anderenorts dieses Thema eher stiefmütterlich behandelt wird, sorgen in Wiesen insgesamt über 40 VJ-Crews für stimmungsvolle Bildteppiche. Masse UND Klasse, weltweit absolut einzigartig und Garant dafür, dass das partyhungrige Publikum mit garantiert originellen und auf die jeweiligen DJs – respektive Live-Acts – abgestimmten Visuals verwöhnt wird. Als Beispiel seien hier nur Lichtfront aus Köln, VJ Anyone aus London oder Eisnecker aus Wien genannt.

Eva Bischof-Herlbauer, ihres Zeichens weiblicher Part der international höchst erfolgreichen Wiener Crew 4youreye (Bookings in Ibiza, beim Formel1 Grand-Prix in Malaysien oder Kooperationen mit Künstlern wie Coldcut sprechen für sich) und fürs VJ Booking am UAF zuständig, dazu: „Es gibt international eigentlich kein Festival, das sich so was leistet, auch nicht die ganz Großen. Das Urban Art Forms ist diesbezüglich tatsächlich eine Ausnahmeerscheinung.“ Nirgendwo sonst werden derart weder Kosten noch Mühen gescheut, alleine der Aufbau der Videotechnik nimmt eine Woche in Anspruch. „Am Urban Art Forms spielt außerdem jeder VJ zu einem eigenen Act, das heißt man kann sich auf das, was da audio-mäßig kommt, voll und ganz konzentrieren.“

4youreye – eine kleine Ewigkeit dabei
4youreye wurde bereits in den frühen 1990er Jahren gegründet und basiert auf der Rave-, Ambient- und Clubkultur dieser Zeit. Die Crew – bestehend aus Eva Bischof-Herlbauer und Gerald Herlbauer – steht für schnelle Schnitte und unkonventionelle Bildfolgen, reißt Bilder aus dem Zusammenhang, um sie in einem anderen Kontext wieder völlig neu entstehen zu lassen. Klingt in der Theorie nach abstrakt-chaotischem Kunstfilm, ergibt jedoch im Club in Fusion mit dem Sound ein hervorragendes Gesamtpaket. Gute DJs und VJs inspirieren sich gegenseitig, Nutznießer dieser Kombination sind in jedem Fall die impressionswütigen Partygänger.

Rein technisch gesehen generieren VJs Filme aus Videoschnipseln und Animationen, die mit Projektoren, Monitoren oder auch Fernsehern präsentiert werden. „Hier geht´s hauptsächlich darum, die Inhalte unserer Projektionen dem Sound anzupassen. Wenn wir Sound hören entsteht ja immer gleich ein Bild in unserem Kopf, und das greifen wir dann als Thema auf und setzen es um.“ Ebenso wird Eva Bischof-Herlbauer gemeinsam mit ihrem Partner beim DJ-Set von Chris Liebing am Urban Art Forms vorgehen, der in diesem Rahmen obendrein eine DVD produzieren lässt. Bei Vorbestellungen um die 5.000 Stück kann man sich vorstellen, in welchen Ligen hier bereits gespielt wird.

Partytechnik aus der Kaiserstadt
Technisch möglich machen solch hoch stehende Visuals Produktionen direkt aus dem Herzen Wiens, von VideoMovingSystem (VMS), die mit den Schwerpunkten videobasierte Technologien, Content und Anwendungen auch international den Ton – beziehungsweise das Bild – angeben. Das Herzstück der VideoMovingSystem Technologie ist die VideoMirrorUnit (VMU), eine ebenso einfache wie grandiose Entwicklung, die Scanner und Videoprojektor zu einer Einheit formt. Dank dieser Technologie wird der Video Content unabhängig von einer bestimmten Projektionsfläche überall im Raum projizierbar.

Der Vorteil dieser Beschaffenheit liegt darin, dass Videos und Visuals auch als stimmungsgebende Lichtquelle genutzt und in jede beliebige Fläche des Raums gesteuert werden können. Klingt durchaus kompliziert, ist es aber gar nicht. Einfacher ausgedrückt werden statt herkömmlichen Scheinwerfern Videostrahler genutzt. Das Ergebnis ist eine bisher nicht gekannte hochästhetische Bilder- und Lichtsprache, die nicht zuletzt im Bereich Raumgestaltung und Architektur neue Akzente setzen kann. Die Nutzung dieser neuen Ästhetik der Bildersprache lässt das Partypublikum gänzlich in visuelle Erlebniswelten eintauchen und selbst ein Teil der Inszenierung werden. Und da soll noch einer sagen, in Wien passiert zu wenig Progressives.

Alleine das Hauptzelt bekommt 16 VMS-Systeme ab
Beim Urban Art Forms wird die gesamte Zeltkonstruktion der Mainstage als Projektionsfläche genutzt und stellt mit einem neuen Stage-Design eine Einheit dar.

Insgesamt werden auf das schwebende Pyramidenobjekt 16 VMS Systeme projizieren, zwei Laser werden zusätzlich seitlich auf der Bühne positioniert. Auch jene Party Crowd, die sich außerhalb des Zeltes im Open Air Bereich entspannt – nach 3 wachen Tage sollte das durchaus erlaubt sein – wird mit großen Screens mitten ins Geschehen geholt. Auch die sonst recht lieblose Gastrohalle wird dank der VMS-Technik und den gewohnten Breakbeats in einem ganz anderen Licht erstrahlen. Und genauso die Freunde des Psytrance – heuer erstmals am UAF vertreten – werden sich dank der Projektionen noch ein Stückchen näher an Südindien fühlen dürfen. Bleibt nur zu hoffen, dass wegen der vielen imposanten Visuals die Festivalbesucher nicht ganz aufs Tanzen vergessen. Diese Sorge darf jedoch getrost in die Kategorie „vollkommen unbegründet“ abgelegt werden.

Infobox:

Urban Art Forms
http://www.uaf-festival.com/

4youreye
http://www.4youreye.at/

VideoMovingSystem
http://www.vms-at.com/

VJ Network eye|con
http://www.eye-con.tv/

VJ Camp Kreta
http://www.myspace.com/vjcampcrete

Buchtipp
Frederick Baker: The Art of Projectionism, ISBN 978-3707602357

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