Premiere: "Gut gegen Nordwind"

Alexander Pschill als "Leo"
Alexander Pschill als "Leo" ©APA
Daniel Glattauers Bestseller bewährt sich in den Wiener Kammerspielen: Der Bestsellerroman "Gut gegen Nordwind" wird auch auf der Bühne ein Hit. Der Jubel war groß, das Medieninteresse beachtlich.

Schon nach fünf Minuten weiß man: Die Geschichte funktioniert auch auf dem Theater. Nach einer Stunde hat man den Verdacht: Mit E-Mail-Kommunikation hat diese Romanze nicht mehr viel zu tun. Und am Ende, nach zwei Stunden zwanzig Minuten, kann man sich des Gefühls nicht erwehren: Weniger wäre mehr gewesen. Diese Stimmungen konnte man gestern, Donnerstag, Abend als Besucher der Premiere von “Gut gegen Nordwind” in den Wiener Kammerspielen durchlaufen.

Die beiden Darsteller, Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill, strahlten bei ihren Verbeugungen zu Recht: Mit großem Charme und vielen Facetten spinnen sie die Beziehung zwischen der verheirateten Homepage-Expertin Emmi Rothner und dem beziehungsgeschädigten Kommunikationswissenschafter Leo Leike – vom ersten, zufälligen Kennenlernen dank eines Schreibfehlers, dem Knüpfen eines regelmäßigen Kontaktes und dem Keimen zärtlicher Sympathie bis hin zur Verliebtheit in das nur schriftlich bekannte Gegenüber. “Ich bin süchtig nach E-Mails von Leo”, bekennt Emmi, und der Wunsch, das Traumgebilde durch einen Dimensionssprung in die Realität auf den Prüfstand zu stellen, wird immer größer.

Der elektronische Briefverkehr, von Glattauer und der Dramaturgin Ulrike Zemme in bühnentaugliche Dialoge umgewandelt, ist brillant formuliert, ein Tändel- und Sehnsuchtsspiel auf hohem Niveau, voller Bauchflattern und Herzklopfen. Das Klopfen in die Keyboard-Tasten vermisst man jedoch gänzlich. Regisseur Michael Kreihsl und sein Ausstatter Hugo Gretler haben in ihrer Inszenierung, der das Streichen der Pause und eine leichte Straffung gut tun würde, Ästhetik und Technik der E-Mail-Kommunikation nahezu gänzlich beiseite geschoben. Mit dem Beschreiben von Overhead-Folien arbeiten sie sogar bewusst dagegen.

In den zwei nebeneinander aufgebauten Singles-Wohnhöhlen (die Familie von Emmi, immerhin ein Mann und zwei Kinder, ist akustisch und optisch nie präsent, dafür räkelt sie sich auffallend oft und ungezwingen in mauvefarbener Unterwäsche), deren Grenzen Emmi und Leo immer wieder überschreiten, werfen zwar Notebook-Screens ihr mattes Licht, die gegenseitigen Neckereien, Komplimente und Vertrautheiten erinnern aber mehr an eine Telefon- als an eine Mail-Beziehung. “Wie Telefonsex ohne Telefon und ohne Sex”, sei ihre Beziehung, klagt Emmi einmal. Einzig der Dialog-Rhythmus ist ein Echo darauf, dass hier nicht das Gegenüber, sondern einzig der Bildschirm angestarrt werden kann, dass sich Buchstaben in Gefühle verwandeln und zwischen den beiden Gesprächspartnern nicht nur räumliche Distanz, sondern auch die Enter-Taste liegt.

Gerade aber diese relativ konventionelle Umsetzung macht sicher, dass sich der Erfolgslauf des 2006 erschienenen Romans auch auf den Theaterbühnen fortsetzen wird. Diese Liebesgeschichte wird auch wesentlich kühlere, unkonventionellere Versionen aushalten. Das weniger experimentierfreudige Publikum der Wiener Kammerspiele zeigte sich von den beiden Wesen aus Fleisch und Blut, die Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill auf die Bühne bringen, jedoch überaus angetan. Bei dieser zarten, quirligen Emmi und diesem selbstbewussten, charmanten Leo blieben keine Sehnsuchtsräume offen. Die Realität ist der Virtualität klar überlegen. Vielleicht eine starke Ansage. Vielleicht aber auch einfach eine Themaverfehlung.

“Gut gegen Nordwind” von Daniel Glattauer,
Bühnenfassung: Daniel Glattauer und Ulrike Zemme, Kammerspiele Wien.
Nächste Vorstellungen: 8., 16., 17., 24., 28., 31.5.;
Regie: Michael Kreihsl; Ausstattung: Hugo Gretler, Mit Ruth Brauer-Kvam (Emmi), Alexander Pschill (Leo).
Karten: 01 / 42 700 – 300, http://www.josefstadt.org

 

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