Polen stimmt sich auf "WM-Revanche" ein

Drei Tage vor der zum "Schlüsselspiel" erklärten EURO-Auftaktpartie gegen Deutschland stimmt sich Polen auf das Aufeinandertreffen mit dem bisher ungeschlagenen Erzrivalen ein. Zeitungs-Skandal

Ähnlich wie in Österreich gilt das Duell mit dem Nachbarland trotz einer bemerkenswerten Negativserie gegen deutsche Teams als vorgezogener Höhepunkt der Gruppenphase. Besonders in den Boulevardmedien ist der Schlagabtausch bereits voll ausgebrochen.

Unter dem Titel “Leo, gib uns ihren Kopf” zeigte die Zeitung “Super Express” eine makabre Foto-Montage. Teamchef Leo Beenhakker hält darauf die blutigen und offensichtlich vom Körper getrennten Köpfe des deutschen Teamchefs Joachim Löw in der linken und von Kapitän Michael Ballack in der rechten Hand. “Egal mit welcher Aufstellung, mit welchen Methoden oder mit welchem Stil. Wir müssen die Deutschen schlagen!”, meinte das Blatt.

Deutschlands Kapitän sowie der niederländische Coach scheinen überhaupt beliebte Motive sein: Die Zeitung “Fakt” zeigte Beenhakker in Anspielung auf die Schlacht in Grunwald, als ein polnisches Heer 1410 den deutschen Ritter-Orden schlug, mit einem Schwert bewaffnet auf Ballack losgehend. Auch Polens Ex-Teamchef Zbigniew Boniek preschte in der polnischen Ausgabe der “Times” vor: “Die polnischen Spieler sind 16 Mal intelligenter als die deutschen”. Sollte das polnische Team gewinnen, werde er vor Freude eine Runde um den Häuserblock laufen, kündigte der WM-Dritte von 1982 an. DFB-Präsident Theo Zwanziger winkte darauf angesprochen ab: “Darüber will ich mich nicht unterhalten.”

Für Polen wäre ein Erfolg gegen Deutschland eine Premiere. In 15 Spielen setzte es bisher 11 Niederlagen und nur 4 Remis. Nach dem letzten Vergleich, einer durch ein Tor von Oliver Neuville in der 93. Minute besiegelten 0:1-Niederlage in Dortmund, verabschiedete sich die “Kadra” 2006 endgültig aus dem WM-Turnier.

Auch die Spieler selbst kennen neben dem damit verbundenen, erfolgreichen EM-Auftakt das Prestige, das der historische erste Sieg bringen würde. Auch wenn Beenhakker (“Wenn ich allem Bedeutung zumessen würde, was vor dem Spiel geschrieben wird, würde ich verrückt werden.”) beteuert, keine Emotionen aufkommen lassen zu wollen, geben sich die Spieler motiviert.

“Wir werden es den Deutschen heimzahlen, damit die Fans an uns glauben”, meinte Kapitän Maciej Zurawski, der wie Jacek Bak, Ebi Smolarek oder Jacek Krzynowek schon vor zwei Jahren im Einsatz war. Der bis 2007 bei Borussia Dortmund spielende Smolarek ist optimistisch: “Warum sollten wir die Deutschen nicht besiegen? Wir haben keine Angst und das ist wichtig”.

Dass sich Deutschland vor dem Auftakt fürchtet, glaubt man in Polen nicht. “Newsweek” meinte: “Sie haben noch nie gegen uns verloren. Kein Wunder also, dass sie die Begegnung mit dem Beenhakker-Team wie einen Gang zum Zahnarzt nehmen – es muss halt sein, aber besonders vorbereiten braucht man sich darauf nicht.”

Löw: “Nicht repräsentativ”

Bundestrainer Joachim Löw hat vor dem EM-Auftakt besonnen auf die geschmacklosen polnischen Zeitungsschlagzeilen reagiert und sieht darin eher einen Einzelfall. “Ich glaube nicht, dass das repräsentativ ist, was da in einer Zeitung geschrieben worden ist”, sagte Löw am Donnerstag in Tenero.

Löw glaubt auch nicht, dass in Polen auf breiterer Ebene eine Anti-Deutschland-Stimmung herrscht und erinnerte an die WM vor zwei Jahren in Deutschland. “Ich kenne persönlich einige Polen sehr gut und ich habe das noch in Erinnerung, was 2006 in Dortmund war. Da hatte ich das Gefühl, dass auch die polnischen und deutschen Fans zusammen die Spannung vor dem Spiel genossen haben”, ergänzte Löw.

Auch der Kontakt zu Polens Trainer Leo Beenhakker, der sich für die Berichterstattung mittlerweile entschuldigt hat, sei gut. “Ich habe eine sehr hohe Meinung von ihm. Er hat bei allen seinen Stationen bewiesen, dass er nicht nur kompetent ist, sondern auch menschlich sehr zugänglich und offen”, betonte der 48-Jährige.

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