Per Anruf: Stille!

Für die Stille muss man nicht mehr weit gehen – jetzt gibt es eine Hotline für stille Momente zwischendurch!
Für die Stille muss man nicht mehr weit gehen – jetzt gibt es eine Hotline für stille Momente zwischendurch! ©Regina Kail-Urban
Die einen gehen in den Wald, die anderen ziehen die Vorhänge zu und legen sich nieder, extrem Mutige schalten das Handy nicht nur auf „lautlos“ sondern komplett ab, wieder andere schießen sich am Wochenende weg, damit sie danach zu hören ist – die Stille. Jetzt gibt es auch eine „Hotline Stille“  für ruhige Momente zwischendurch. Regina Kail-Urban hat dort angerufen!
Bilder zum Thema

Es läutet. Ein Mann hebt ab: „Hotline Stille, Sascha Tscherni. Du hast die Erklärung im Internet auf unserer Seite gelesen?“ Ja, hab ich. „Welches  Paket möchtest du?“ Das erste. „Also komplette Stille.“ Ja, bitte. „Dann lass uns beginnen, ich sag Dir dann wenn es zu Ende ist!“ Ok. Ich bin bereit. Ich starre ins Leere, das Handy an meinem Ohr und verziehe ungläubig mein Gesicht. Ich denke daran, dass ich jetzt wohl besser nicht denken sollte. Der Mann am anderen Ende der Leitung sagt tatsächlich: nichts! Ich lache  – ohne Ton natürlich. Dafür höre ich das Baby in der Nachbarwohnung schreien, die Waschmaschine rennt zur Untermalung im Badezimmer. Noch immer das Nichts am anderen Ende der Leitung. Ich konzentriere mich. Ich höre wie der Mann atmet, sich räuspert. Aha. Zwei Minuten sind locker vergangen. Ich versuche das  Angebot der Hotline ernst zu nehmen und „die Stille“ wirken zu lassen. Es geht. Jetzt bin ich in Fahrt. Es ist still. Daran könnte ich mich gewöhnen. Jemanden anrufen und gemeinsam schweigen, das ist irgendwie sexy . Macht sicher nicht jeder. Mein Puls ist langsam, ich atme langsam. Cool. „So, die Zeit ist vorbei. Danke – wie geht es Dir?“ Interessant, sage ich, hab ich so noch nie gemacht. Mit einer fremden Person die Stille erlebt. Lass uns mit dem Interview beginnen.(Kleiner Exkurs in eigener Sache: Liebe Freunde, ja, ich hatte Geburtstag, ja ich bin wieder ein Jahr älter geworden – aber ich bin noch ganz die Alte. Ich hab nicht vor die nächsten Jahre mit expressivem, nacktem Ausdruckstanz auf einer Insel zu verbringen, einen Töpferkurs zu machen oder meine Beine nicht mehr zu rasieren. Das folgende Interview ist kein Selbstfindungstripp. Ich finde es einfach spannend womit sich Menschen so beschäftigen, was sie anbieten und verbreiten wollen und wofür sie sich einsetzten. So bin ich auf  die Hotline Stille  gekommen und auf Sascha Tscherni…)

Sascha Tscherni (siehe Fotos in der Diashow)  mit dem ich gerade gemeinsam eine Runde geschwiegen habe, ist u.a. Yogalehrer, hat als jugendlicher Langstreckenläufer richtig tolle Siege eingefahren, als Deutschlehrer am Goetheinstitut gearbeitet und außerdem kann er auf zwei abgeschlossene Studien verweisen. Seine Leidenschaft: die Stille. Die Idee dazu genauso simple, wie effizient: die Stille-Hotline. Er will also die Stille mit vielen Menschen teilen. Das ist kein Widerspruch: „Stille ist sexy“, will Sascha vermitteln. „Stille kann sowas von spannend und aufregend sein und Stille kann wunderbar gemeinsam erlebt werden, daher habe ich die Hotline Stille erfunden!“

Hotline Stille

„Hotline Stille“ ist Saschas aktuelles Projekt. Die Hotline ist (da er noch am Anfang des Projekts steht) kostenlos und nur per Anmeldung im Internet zu erreichen. Einfach anmelden und Sascha, oder ein anderer Stille-Coach, meldet sich noch am selben Tag bzw. einen Tag später. „Und schon gehen wir gemeinsam in die Stille und man wird mit seinem Innersten zwischendurch wieder verbunden“, erklärt der Stille-Experte. Zwei Modelle stehen zur Auswahl. Entweder komplette Stille  oder begleitete Stille, Ja, das geht auch. Wie? „Das hat nichts mit Therapie oder Hypnose zu tun“, klärt er gleich mal ab, „beim letzten Modell  frage ich nicht die ganze Zeit nach,  sondern wir gehen im Gespräch von den Kopfgefühlen zu den Empfindungen. Was fühlt die Person? Immer wieder mit Pausen dazwischen.“ Auch so könne es sehr still werden. Sascha philosophiert (was er by the way auch studiert hat): „Stille ist mehr als die Abwesenheit von Lärm“ und „Stille kann so spannend und kraftvoll sein.“  Dafür hat er auch ein Beispiel:

Die Szene der Stille-Aktivisten

„Es hat sich bereits ein wunderbares Netzwerk auch über die Landesgrenzen ergeben – rund um die Stille. Es gibt zum Beispiel eine Gruppe von Menschen in Wien, die sich regelmäßig trifft, um gemeinsam im öffentlichen Raum Stille zu erleben.“  Hardcore. Wie kann ich mir das vorstellen?  „An bestimmten Tagen treffen sich die Stille-Aktivisten und fahren zum Beispiel gemeinsam mit einer U-Bahn Linie bis zur Endstation – in Stille. Quasi eine Meditation, an der auch Anfänger teilnehmen können. Man lernt den Lärm sein zu lassen und plötzlich wird es still.“ Außerdem erzählt Sascha von einem geplanten Stille-Flash-Mob in der Kärntner Straße im ersten Bezirk. Ja, irgendwann wollen wir mal Stille in die Wiener Innenstadt bringen. „Das kann natürlich viel bewirken bei den Teilnehmern und den Passanten. Von Beifall, über Beschimpfungen und Staunen ist da alles möglich.“ Das wär mal was für ATV Life, solange es die Sendung noch gibt – Andi Moravec nimmt an einem Stille-Flash-Mob teil.… Sascha lacht. „Ja, Stille ist großartig. Und wenn sie nur ein paar Minuten dauert – wie bei meiner Hotline…“

 Das Interview ist zu Ende. Ich lege auf. Es ist still, das Baby hat aufgehört zu schreien und die Wäsche ist auch fertig. Ich sitze da und denke mir – lässig die Stille. Und falls ihr mich mal in der U -Bahn trefft und ich habe Kopfhörer auf , ich habe zum langsamen Einüben sicher „Stille“ laufen.  

Danke Sascha! : )

Alle Infos zur „Hotline Stille“ von Mag. Sascha Tscherni auf seiner Seite: www.so-sein.at

Artikel einer Bloggerin und noch ein Link zum Thema Stille in der U-Bahn

http://www.imeditatevienna.org/

and now to something completely different: Da geht die Post ab – was für ein Text, was für ein Mann, was für ein Lied – wirkt vor allem bei voller Lautstärke – enjoy!  

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