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"Papa hat sich erschossen": Tochter verarbeitet Suizid des Vaters mit Buch

Saskia Jungnikl und ihr Buch "Papa hat sich erschossen"
Saskia Jungnikl und ihr Buch "Papa hat sich erschossen" ©S. FISCHER Verlag GmbH / Foto: Rafaela Pröll
Der Vater einer jungen Frau greift zur Pistole und setzt seinem Leben ein Ende. Was danach kommt, ist ein schmerzhafter und langwieriger Prozess des Trauerns - und die große Frage nach dem Warum. VIENNA.at hat das berührende Buch von Saskia Jungnikl gelesen.
Studie zu U-Bahn-Suiziden
1.300 Suizide pro Jahr

Am 6. Juli 2008 erhält Saskia Jungnikl, 27, einen Anruf, der ihr für Monate den Boden unter den Füßen wegziehen und ihr Leben in ein Vorher und ein Nachher unterteilen soll: Ihr Vater hat sich das Leben genommen.

Aufarbeitung einer Familiengeschichte

Das Buch “Papa hat sich erschossen”, das sechs Jahre später erscheint, ist vieles – ein betroffen stimmender, aber unsentimentaler Tatsachenbericht, die Aufarbeitung des Verlusts eines Elternteils, der freiwillig aus dem Leben geschieden ist, ein Manifest für einen respektvollen medialen Umgang mit dem schwierigen Thema Suizid abseits von reißerischen oder heroisierenden Schlagzeilen.

Auf sehr persönliche Weise lässt Jungnikl in dem Werk an ihrer Familiengeschichte teilhaben, die schon vor dem Suizid des Vaters ein anderes dunkles Kapitel zu verzeichnen hatte: den plötzlichen Tod ihres älteren Bruders Till.

Tod des Bruders von Saskia Jungnikl

Als Till unbemerkt an einem epileptischen Anfall stirbt, während er sich in der Obhut des Vaters befindet, ist das für die harmonisch beschriebene Familie einen erster, schwer zu begreifender und noch schwerer zu verarbeitender Schlag.

Für Jungnikls Vater kommen zudem noch massive Selbstvorwürfe über eine etwaige Mitschuld hinzu. Der Vater, der schon zuvor zu Depressionen neigte, sollte über den Tod des Sohnes niemals ganz hinwegkommen. Als er sich Jahre später das Leben nimmt, fragt sich Jungnikl, wie sehr sein Suizid dem Verlust des eigenen Kindes zuzuschreiben ist.

Vielseitige Persönlichkeit

Als schillernde Persönlichkeit beschreibt die zum Zeitpunkt des Todes in Wien lebende Jungnikl ihren Vater Erhard – als Literaten, Musiker, Landwirt, Theologe, Regisseur, Künstler mit vielen Interessen, Hansdampf in allen Gassen, der zig Sprachen spricht und jedes Instrument erlernen kann, der eine Meinung hat, diskutieren kann, sich als Autodidakt beibringt, was immer ihn interessiert. Der seiner Familie im südlichen Burgenland ein schönes Zuhause geschaffen hat und mit seinen knapp 70 Jahren mitten im Leben stand. Aber auch als einen rastlosen Charakter, jemanden, der vieles konnte, vieles wusste, aber am Leben zerbrochen ist, und den die ganze Liebe seiner Frau und Kinder, die ihm entgegengebracht wurde, nicht retten konnte.

Was nach seinem Tod bleibt, sind bange Fragen und widersprüchliche Gefühle: “Bei einem Suizid ist da einmal die Wut auf denjenigen, der einen im Stich gelassen hat. Aber da ist auch die Wut auf sich selbst, dafür, dass man vielleicht etwas übersehen hat, etwas überhört hat, oder dafür, dass einen vielleicht ein Teil der Schuld trifft. Bin ich schuld, dass mein Vater tot ist?”

Gefühlschaos nach Tod des Vaters

Der Tod des Vaters stürzt die junge Frau nicht nur in ein tiefes Loch, sondern auch in ein Gefühlschaos aus Wut, Trauer, Hilflosigkeit, Ängsten und Unverständnis und zieht einen langwierigen Prozess der Bewältigung voller Rückschläge nach sich. An diesem zerbricht unter anderem auch die Beziehung zu Jungnikls Partner, der nicht mit der veränderten Persönlichkeit und dem vollkommenen sozialen Rückzug seiner Freundin nach dem Tod des Vaters zurechtkommt. Trotz Unterstützung von Freunden und Familie lässt sich Jungnikl gehen, kann ihren Beruf nicht mehr ausüben, verkriecht sich daheim oder schlägt sich die Nächte mit wechselnden Männern um die Ohren, um zu verdrängen und vergessen. Lange dauert es, bis sie langsam wieder Licht sieht.

“Trauer gibt einen Dreck auf meine Ungeduld”, stellt Jungnikl fest, und an anderer Stelle: “Mein Papa wird immer tot sein, von jetzt an bis zu dem Moment, in dem ich sterbe (…). Ich will kein Leben haben, in dem ich nicht genau weiß, warum mein Vater tot ist. Ich will überhaupt kein Leben haben, in dem er nicht mehr da ist.”

Vom Umgang der Medien mit dem Thema Suizid

Was für die Autorin von “Papa hat sich erschossen” zum persönlichen Schmerz hinzukommt, ist die Schwierigkeit, über das Tabuthema Suizid zu sprechen oder zu erklären, warum sie keinen Vater mehr hat. Jungnikl gibt deshalb in ihrem Buch auch Anregungen zu einem möglichen richtigen Umgang mit hinterbliebenen Angehörigen von Suizidopfern, wovon jeder, der sich das Leben nimmt, im Schnitt drei bis fünf hinterlässt. Für Betroffene beinhaltet das Buch auch Adressen von Selbsthilfegruppen und Anlaufstellen für Gefärdete und Hinterbliebene. Weiters begann Jungnikl, sich im Zuge der Recherche für das Buch auch mit dem Thema Suizid im wissenschaftlichen und medialen Kontext zu beschäftigen und äußert sich über die Wichtigkeit eines behutsamen Umgangs der Presse mit dem Thema.

Dieser beginnt ihrer Meinung nach schon mit der Wahl des richtigen Begriffs dafür. Sie spricht sich klar für den wissenschaftlichen Terminus “Suizid” aus. “Freitod” verurteilt sie als zu heroisierend und dadurch möglicherweise für potentiell Gefährdete zur Nachahmung anregend. “Selbstmord” beinhaltet das Wort “Mord” und damit Jungnikl zufolge eine Schuldzuweisung, wo sich die Frage nach einer Schuld nicht stellen sollte.

Werther-Effekt vs. Papageno-Effekt

Sie erläutert den Werther-Effekt – dass es im Jahr 1774 nach dem Erscheinen von Goethes “Die Leiden des jungen Werther”, dessen Hauptfigur Suizid beging, eine Welle von Nachahmern gab – gegenüber dem Papageno-Effekt. Letzterer bezieht sich auf die Figur aus Mozarts “Zauberflöte”, der es gelingt, eine suizidale Krise erfolgreich zu überwinden und wieder neuen Lebensmut zu schöpfen.

Jungnikl thematisiert die große Verantwortung von Medien durch den Umstand, dass die Berichterstattung über Suizid einiges dazu beitragen kann, gefährdete Menschen in die eine oder die andere Richtung zu beeinflussen und erwähnt als Beispiel die Einführung der U-Bahnen in Wien, die zunächst zu einem extremen Anstieg der Suizid-Rate führte – und die Berichterstattung darüber zu einem weiteren Anstieg, bis man gemeinsam mit Ärzten und Psychologen Richtlinien für den medialen Umgang damit und damit eine erfolgreiche Deeskalationsstrategie entwickelte.

Positiver Blick nach vorn

“Der Weg zur Versöhnung ist lang.” Doch am Ende des Buches “Papa hat sich erschossen” steht eine Hoffnung, ein positives In-die-Zukunft-Sehen. Jungnikl hat – soweit überhaupt möglich – ihren Frieden mit dem Geschehenen gemacht. Die Familie ist näher zusammengerückt, was auch ein Interview mit der Mutter illustriert, das in dem Werk enthalten ist. Der neue Partner an ihrer Seite ist verständnisvoll und fängt sie in ihrer Trauer genau so auf, wie sie es braucht.

Sie beschreibt, eine tiefe Dankbarkeit für die vermeintlich ganz banalen Dinge, die kleinen Freuden des Lebens in sich zu finden. “Vielleicht bin ich schon deswegen zeitweise so glücklich, weil ich mich so sehr darüber freue, dass ich nicht mehr so unglücklich bin”, so Jungnikl.

Saskia Jungnikl: Papa hat sich erschossen. Fischer Verlag. Paperback. Preis € (D) 14,99 | € (A) 15,50 | SFR 21,90, ISBN: 978-3-596-03072-9

(DHE)

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