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Otto Schenk wird 90: Eine Wiener Legende wird gefeiert

Otto Schenk feiert am 12. Juni 2020 seinen 90. Geburtstag
Otto Schenk feiert am 12. Juni 2020 seinen 90. Geburtstag ©APA/HERBERT NEUBAUER
Ein Publikumsliebling feiert runden Geburtstag: Regisseur, Schauspieler und Theaterdirektor Otto Schenk blickt auf eine über 70-jährige Karriere zurück. Der ORF widmet ihm einen Programmschwerpunkt.
Otto Schenk wurde Doyen
Platin-Romy für Schenks Lebenswerk

Mehr als 70 Jahre stand Otto Schenk auf der Bühne. Er ist ein Unermüdlicher, das ist sicher. Er scheint auch ein Unverwüstlicher zu sein. Vielleicht ist er ja auch ein Unsterblicher. Am 12. Juni feiert der Schauspieler, Regisseur und Theaterdirektor seinen 90. Geburtstag. Corona-bedingt ist die Festvorstellung von "Der Kirschgarten" samt Feier im Theater in der Josefstadt jedoch abgesagt.

Unvergessliche Rollen in der Josefstadt und Co.

Der alte Kammerdiener Firs in Amelie Niermeyers unkonventioneller Tschechow-Inszenierung ist die vielleicht letzte große Rolle des Josefstadt-Doyens an dem Theater, das er von 1988 bis 1997 geleitet hat. Als Relikt vergangener Zeiten irrt er dabei immer wieder verloren durch das hektische Bühnentreiben, ein Gespenst, das im Begriff ist, sich zu entmaterialisieren.

Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger hat versprochen, die Inszenierung im September wieder aufzunehmen, und wird dem "Otti" an seinem Geburtstag wohl einen Besuch abstatten - in jener Dachwohnung in der Wiener Innenstadt, wo Schenk in seiner beeindruckenden Bibliothek (gut bestückt auch mit Büchern von oder über Schenk) Journalisten zu empfangen pflegt, und wo auf der Dachterrasse kürzlich Barbara Stöckl und Klaus Eberhartinger für die ORF-Talksendung "Stöckl." zu Gast waren. Mit einem Pflaster auf der Wange improvisierte der Gastgeber dort auf die Frage nach der Ursache der Verletzung eine hoch dramatische und detailreiche Szene seines Schlafzimmer-Sturzes, die deutlich machte, wie viel theatrale Gestaltungskraft in diesem angeschlagenen Körper noch steckt.

Otto Schenk: Kokettieren mit der eigenen Trägheit

"Ich bin ein schwerer, träger Mühlstein, und immer wieder hat es Leute gegeben, die dieses Mühlrad bewegt haben", kokettierte Schenk einmal mit der eigenen Trägheit, die so schlimm nicht sein konnte, wenn er im Rückblick auf rund 170 Inszenierungen kommt, die er im Laufe seiner langen Karriere geschaffen hat. Einer jener, die dieses Rad noch immer in Schwung halten, ist der Regisseur Michael Kreihsl. Er konnte Schenk kürzlich noch zu einer Hauptrolle für einen Fernsehfilm überreden. In "Vier Saiten" spielte er einen grantigen ehemaligen Star-Cellisten, der sich für einen talentierten jungen Syrer, der sein Schüler wird, einsetzt. Rauhe Schale, weicher Kern - eine der typischen Schenk-Rollen, mit denen er zum Publikumsliebling wurde.

Werdegang eines Wiener Publikumslieblings

Geboren wurde Otto Schenk am 12. Juni 1930 in Wien als Sohn eines Notars und einer aus Triest stammenden Verkäuferin und Geschäftsleiterin. Sein Bühnendebüt feierte er bereits 1947 als Gendarm in Karl Schönherrs "Karrnerleut" im Theater der Jugend, das damals in der Urania untergebracht war. Beim Vorsprechen am Max-Reinhardt-Seminar als Zettel überzeugte er u.a. die große Helene Thimig. Mit einer Gruppe gleichgesinnter Theater-Enthusiasten übernahm er in dieser Zeit auch das Parkring-Theater und landete mit Erich Neubergs Inszenierung von Becketts "Warten auf Godot" einen großen Erfolg. Aus den Kellertheatern wechselte er Mitte der 50er über das Volkstheater ans Theater in der Josefstadt.

Den Durchbruch als Regisseur feierte Otto Schenk 1960 mit seiner Josefstadt-Inszenierung von Eugene O'Neills "O Wildnis!". Es folgten Horváth-Inszenierungen an den Münchner Kammerspielen ("Geschichten aus dem Wiener Wald", 1966, und "Kasimir und Karoline", 1969), Regiearbeiten am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, bei den Salzburger Festspielen - u.a. Shakespeares "Was ihr wollt" (1972) und "Wie es euch gefällt" (1980) sowie die Nestroy-Stücke "Der Talisman" (1976) und "Der Zerrissene" (1982, mit sich selbst als Gluthammer) - und an der Burg. Sein Schauspieldebüt am Burgtheater gab er erst 1996 als Hohes Alter in Raimunds Zaubermärchen "Der Bauer als Millionär".

Weltkarriere als Opern-Regisseur

Als Opern-Regisseur machte Otto Schenk, der sich vorzugsweise an den Salzburger Irrsee zurückzieht, Weltkarriere. Seine erste Oper inszenierte er mit Mozarts "Zauberflöte" bereits 1957 am Salzburger Landestheater. Den endgültigen Durchbruch in dieser Sparte schaffte Schenk 1962 mit Bergs "Lulu" an der Wiener Staatsoper. Bei den Salzburger Festspielen (wo er 1986-88 Direktoriums-Mitglied war) inszenierte er u.a. die Uraufführung von Cerhas "Baal" (1981). Der neue Staatsopern-Direktor Bodgan Roscic behält die legendäre "Rosenkavalier"-Inszenierung Schenks aus dem Jahr 1968 im Repertoire und lässt sie lediglich musikalisch auffrischen.

Die New Yorker Met, wo Schenk 1970 mit "Fidelio" debütierte und 2009 noch einmal seinen "Ring des Nibelungen" (1986-88) auf die Bühne brachte, wurde seine zweite Heimat. Hier brach er für eine Zusammenarbeit mit Anna Netrebko 2006 auch seinen Eid, sich endgültig von der Regie zurückzuziehen, und inszenierte Donizettis "Don Pasquale".

Unvergessene Rollen von "Bockerer" bis "Theatermacher"

Schenk hat sich mit unzähligen Rollen in das Gedächtnis des Publikums gespielt, etwa als "Bockerer" (1984 im Münchner Volkstheater bzw. 1993 in der Josefstadt), als Fortunatus Wurzel in "Der Bauer als Millionär" (Salzburger Festspiele, 1987), als "Volpone" (1989), als Salieri in Shaffers "Amadeus" (1991), als Zauberkönig in "Geschichten aus dem Wiener Wald" (1994), als Molieres "Der Geizige" (1995), als Rappelkopf in Raimunds "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" (Salzburger Festspiele, 1996), in Turrinis "Josef und Maria" (1999) oder als Thomas Bernhards "Theatermacher" (2006).

Er ist ebenso Kammerschauspieler wie Ehrenmitglied von Wiener Staatsoper und Theater in der Josefstadt, zum 80er wurde er auch "Bürger von Wien". "Die Kunst, zum Lachen zu bringen, ist Otto Schenk wie kaum einem anderen gegeben. Weil dieses Lachen aber mit dem geheimen Erkennen menschlicher Fehlbarkeit verbunden ist, lieben ihn die Menschen", hieß es 2000 in der Begründung für den Lebenswerk-"Nestroy". "Otto Schenk hilft ihnen, im Lachen für Augenblicke ihre Ängste aufzulösen. Und tröstet sie damit über eigenes Missgeschick, eigene Schwächen hinweg. So ist er zum populärsten Schauspieler Österreichs geworden."

Auf Bühnen omnipräsent: Otto Schenk

Seine Popularität in Österreich verdankt Schenk, der seit 1956 mit seiner Frau Renée verheiratet ist und mit ihr einen Sohn (den Dirigenten Konstantin, geb. 1957) hat, auch seiner regen Bildschirm-Präsenz und seinen zahlreichen Lesungen und Solo-Abenden, die nach der derzeitigen Corona-Zwangspause erst im Herbst fortgesetzt werden. Mit Kabinettstücken wie "Die Sternstunde des Josef Bieder" (seit 1992) oder "Othello darf nicht platzen" (ab 1990) hat er sich vor allem als Komiker ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben.

"Es war nicht immer komisch", hat er dagegen ein Erinnerungs-Buch genannt, "Ich war nie darauf aus, dass es komisch wird. Ich war darauf aus, dass man mir glaubt." Zum Geburtstag ist ein weiteres Buch über Otto Schenk erschienen. "Schenk - Das Buch" zeichnet anhand vieler Fotos von Michael Horowitz "ein intimes Lebensbild", wie es im Untertitel heißt. Schenk outet sich in dem Buch als "Menschenfresser" und schließt mit einem Ausblick auf das unweigerlich kommende Lebensfinale: "Würde man mich fragen, ob ich Angst vor dem Tode habe, so würde ich antworten: Fragt mich das später!"

Otto Schenk wird 90: Programmschwerpunkt im ORF

Der ORF würdigt Otto Schenk anlässlich seines 90. Geburtstags mit einem bis 14. Juni reichenden umfangreichem Programmschwerpunkt, der schon heute Dienstag (2. Juni, 22 Uhr, ORF 1) fortgesetzt wird: Der Publikumsliebling, der als Opernregisseur Weltkarriere machte und mit Soloabenden noch immer die Säle füllt, besucht Stermann und Grissemann in "Willkommen Österreich".

"Otto Schenk hat als einer der berühmtesten und populärsten Schauspieler der Republik nicht nur das Theater- und Film-Leben Österreichs maßgeblich geprägt, sondern mit seinem Werk auch jahrzehntelang das Programm-Bouquet des ORF außerordentlich bereichert", meint ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz. "Wir feiern die ORF-Ikone mit einem umfangreichen Schwerpunkt aus Filmen, Sketches, Theateraufführungen, Opern und Operetten, Porträts und Gastauftritten in allen unseren Medien und sagen Danke für 70 Jahre Verbundenheit mit dem ORF." - "Mein ganzes Leben begleitest Du mich schon mit Deinem Humor, Deiner Weisheit, Deiner Beobachtungsgabe, Deiner Darstellungskraft und Deinem Kunstverstand", meint ORF-Programmdirektor Kathrin Zechner und versichert: "Dich gibt's nur einmal."

Klassiker: "Mein Opa ist der Beste" und viele mehr zum Wiedersehen

Am 6. Juni zeigt ORF 2 zunächst um 9.55 Uhr den 1995 unter der Regie von Helmuth Lohner gedrehten Spielfilm "Mein Opa ist der Beste" und dann um 14.20 Uhr die 1999 aufgenommene Aufzeichnung des Bühnenklassikers "Sonny Boys" mit Otto Schenk und Helmuth Lohner aus den Kammerspielen. Zu Fronleichnam, am Donnerstag, dem 11. Juni, zeigt ORF 2 die 1996 entstandene Fortsetzung "Mein Opa und die 13 Stühle" (9.05 Uhr), "Ein Herz wird wieder jung" (10.35 Uhr) von Heide Pils aus dem Jahr 1997, "Zwei unter einem Dach" (13.55 Uhr) von und mit Peter Weck aus dem Jahr 2000, die Premiere des von Michael Meister gestalteten TV-Porträts "Der Menschendarsteller - Otto Schenk zum 90. Geburtstag" (22.00 Uhr) und schließlich Joseph Vilsmaiers 2002 produzierte Tragikomödie "August der Glückliche" (22.45 Uhr). Am 12. Juni besuchen die "Seitenblicke - Sommerfrische", um 18.20 Uhr in ORF 2, Otto Schenks Urlaubsrefugium am Irrsee.

"Insgesamt viertägige Schenk-Festspiele in ORF III"

Während im Kulturradio Ö1 am 11. Juni die von Kurt Reissnegger gestaltete Sendung "Literatur am Feiertag" (14.05 Uhr) Ausschnitte aus alten Leseabenden von Otto Schenk bringt, kündigt ORF-III-Programmgeschäftsführer Peter Schöber "insgesamt viertägige Schenk-Festspiele in ORF III" an - "mit beliebten Stücken aus den Wiener Kammerspielen, einem Porträt, Spielfilmen, Höhepunkten seiner humorvollen Sketches und Programme sowie Werken aus Oper und Operette, bei denen Schenk Regie führte."

Gestartet wird am 7. Juni mit "Die Sternstunde des Josef Bieder" (20.15 Uhr), eine Aufzeichnung aus dem Stadttheater Klagenfurt 1992, und Schenks Inszenierung von Beethovens "Fidelio" (21.40 Uhr) aus der Wiener Staatsoper 1978 unter der musikalischen Leitung von Leonard Bernstein. Der 12. Juni steht im Zeichen der Kammerspiele-Produktionen "Othello darf nicht platzen" (20.15 Uhr) und "Der verkaufte Großvater" (22.35 Uhr), gefolgt von der Sketch-Parade "Oft passiert es unverhofft" (0.30 Uhr). Am 13. Juni beginnt der Schenk-Marathon um 8.15 Uhr mit einer 2014 aufgezeichneten Ausgabe der Gesprächsformats "Aus dem Archiv" und reicht über Etappen wie "Selten so gelacht" (10.35 Uhr) oder "Otto Schenk - So ein Theater" (15.55 Uhr) bis zu "Perlen des Humors" (21.50 Uhr) und "DENK mit Kultur" (23.00 Uhr).

Letzte große Staatsopern-Inszenierung von Otto Schenk

Noch intensiver wird schließlich der 14. Juni, der um 7.45 Uhr mit Schenks letzter großer Staatsopern-Inszenierung "Das schlaue Füchslein" beginnt, und u.a. neben der letzten Regiearbeit von Helmuth Lohner (13.05 Uhr: "Schon wieder Sonntag") und Schenks Staatsopern-Inszenierung von "Die Fledermaus" (16.45 Uhr) mit sich selbst als Frosch auch die 2018 aufgezeichnete Feier zum 88. Geburtstag Otto Schenks aus den Wiener Kammerspielen bietet: "Alles Gute Otto Schenk! - Die Geburtstagsgala mit Michael Niavarani" (20.15 Uhr).

(apa/red)

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