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Ostermontag: Papst ließ Mittagsgebet ausfallen

Erstmals seit seinem Amtsantritt im Jahr 1978 hat Papst Johannes Paul II. am Ostermontag laut Kathpress das gemeinsame Mittagsgebet mit den Gläubigen ausfallen lassen.

Auch wenn der Ostermontag (in Italien „Pasquetta“, kleines Ostern, genannt) kein kirchlicher Feiertag ist, hatte der Papst bisher an diesem Tag stets das österliche „Regina caeli“-Gebet gesprochen.

So hatten sich mehrere Hundert Gläubige auf dem Petersplatz in Erwartung des Papstes versammelt, die Fenster zu seiner Wohnung blieben jedoch geschlossen. Die Ärzte hatten dem am Kehlkopf operierten Papst dringend geraten, sich zu schonen. Am Ostersonntag war es Johannes Paul II. nicht gelungen, die Segensformel zum Segen „Urbi et orbi“ zu sprechen.

Am Ostermontag hatte der Papst das Mittagsgebet meist in Castel Gandolfo gebetet, wohin er früher in der Regel direkt nach den Osterfeierlichkeiten fuhr. Anders als in den vergangenen Wochen beauftragte er am Ostermontag auch nicht einen Mitarbeiter, um an seiner Stelle mit den Gläubigen auf dem Petersplatz das Gebet zu sprechen.

Rom: “Der Thron ist leer”

Es war vermutlich der bewegendste, der emotionalste Augenblick seines Pontifikats – und wie immer bei Johannes Paul war es ein Medienereignis globalen Zuschnitts. Niemals zuvor hat der Pole das Glaubensvolk so sehr erschüttert wie an diesem Ostersonntag. Der alte Mann wirkte hilflos, für Worte fehlte ihm die Kraft, doch die Botschaft war klar: Das Ende ist nah. Die Gläubigen auf dem Petersplatz waren hin und her gerissen: Manche brachen ob der Leiden ihres Oberhirten in Tränen aus, manche spendeten für seine Willenskraft Beifall. Ostern 2005 in Rom – das Fest wird in die Kirchengeschichte eingehen. Der Papst, der nicht mehr sprechen konnte.

Schon am Karfreitag, beim Kreuzweg am Kolosseum, nahm das Fest eine ungewöhnliche Wende. Per Video ließ sich der Papst zuschalten. Ein „Medienpapst“ war der Pole immer schon, ein Naturtalent vor der Kamera, „großer Kommunikator“ nannten ihn noch kürzlich Kardinäle. Doch Freitagnacht bekam der TV-Auftritt einen Zug ins Eigenartig- Bizarre: Millionen Zuschauer sowie die Gläubigen am Kolosseum konnten dem Papst zusehen, wie er im Fernsehen den Kreuzweg verfolgt – doch sie bekamen nur den gebeugten Rücken des 84-Jährigen zu sehen. Das Gesicht blieb verborgen. Das wirkte eher wie ein Verstecken vor den Medien und der Welt. „Ich habe einen Kloß im Hals“, kommentiert der ratlose Sprecher im italienischen Fernsehen die beklemmende Szene. Ist es wirklich noch der Papst selbst, der hier Regie führt?

Ratlos und verstört reagieren auch die Gläubigen am Sonntag. Auf ein bewegendes Ereignis hatten sie sich eingestellt. Dem Papst geht es schlecht, es geht ihm immer schlechter, er kann kaum noch reden – das alles ist ihnen bekannt. Doch das Drama, das sich dann kurz nach 12.00 Uhr mittags am Fenster des apostolischen Palastes in Rom vor aller Augen abspielt, übersteigt die schlimmsten Erwartungen.

70.000 Menschen auf dem Petersplatz und Millionen TV-Zuschauer rund um den Globus werden live zum Zeugen größter Qual eines hinfälligen Greises. Er ringt nicht um Worte, er ringt verzweifelt darum, seinem Atem die notwendige Kraft zu geben, um die Worte hinauszustoßen in die Welt. Vergeblich, alles was die Gläubigen auf dem weiten Platz und an den TV-Apparaten in 74 Ländern vernehmen, ist ein leises Röcheln und Stöhnen. Ostern ist für Christen das Fest des Leidens, des Todes und dessen Überwindung. Immer wieder sprechen flinke Kommentatoren vom „ganz persönlichen Kreuzweg des Papstes“. Doch viele Menschen am Fernsehapparat fragen sich auch: Muss er sich das antun?

Ein „stummer Papst“ – das galt noch vor ein paar Wochen, als Karol Wojtyla Anfang Februar erstmals in diesem Jahr ins Krankenhaus musste, als eine Schreckensvision für die katholische Kirche und Gläubige. Heute wagen nicht einmal die größten Optimisten im Vatikan zu sagen, ob und wann er wieder richtig sprechen kann. „Neben den Atemproblemen hat nun auch die allgemeine Entkräftung eingesetzt“, verlautet inoffiziell. „Der Thron ist leer“, meinte dieser Tage die römische Zeitung „La Repubblica“.

Immer wieder streuen die Kardinäle, Bischöfe und Prälaten, auch ein stummer Papst könne die Kirche führen, könne sich verständlich machen, sich dem Glaubensvolk mitteilen. Es fragt sich nur, ob das auch der „große Kommunikator“ das so sieht. Bisher hatte er mit seinen Worten Millionen Menschen Hoffnung gegeben – diesmal erschüttert er das Glaubensvolk mit seinem Schweigen.

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