AA

"Online-Gebetsfeier" im Parlament sorgt weiter für Kritik

Die NEOS stellen eine parlamentarische Anfrage an Sobotka.
Die NEOS stellen eine parlamentarische Anfrage an Sobotka. ©APA/ROLAND SCHLAGER
Am Dienstag wurde im Parlament eine "Online-Gebetsfeier abgehalten. Diese sorgte nicht nur im Vorfeld sondern auch zwei Tage danach noch für Kritik.
Parlament betet online gegen Coronakrise an

Die im Parlament am Dienstag abgehaltene Gebetsstunde sorgt weiter für Kritik. Ex-NEOS-Abgeordnete Irmgard Griss will aus Protest gegen die Nichteinladung von Muslimen das Komitee verlassen. Die NEOS kündigten eine Anfrage an Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) an, der zu dem Gebet geladen hatte. Die SPÖ bezeichnete den Event als "nicht akzeptabel", Verfassungsexperte Heinz Mayer als "deplatziert".

Griss will das Komitee aus Protest verlassen

Griss erklärte gegenüber der "Kleinen Zeitung", sie werde das "Komitee des Nationalen Parlamentarischen Gebetsfrühstücks" verlassen. "Ich will damit nichts mehr zu tun haben. Wenn man eine öffentliche Veranstaltung macht, müssen alle Religionen vertreten sind. Sonst verbindet man nicht, man spaltet."

Empört über die Gebetsstunde äußert sich laut "Standard" SPÖ-Vizeklubchef Jörg Leichtfried: "Ich habe schon letzte Woche in der Präsidialkonferenz den Protest der SPÖ gegen die Form dieser Veranstaltung deponiert. Denn dass auf Betreiben des ÖVP-Nationalratspräsidenten via Livestream aus dem Parlament erzkonservativen katholischen Religionskreisen eine Bühne geboten wird und sich ÖVP-Politiker dabei in Szene setzen, ist nicht akzeptabel und läuft der Trennung von Kirche und Staat eklatant zuwider."

NEOS mit parlamentarischer Anfrage an Sobotka

Der stellvertretende Klubobmann der NEOS, Nikolaus Scherak, hat zu dem Thema laut "Standard" eine parlamentarische Anfrage an Sobotka verschickt. Unter anderem will er wissen, ob Mitarbeiter der Parlamentsdirektion ihre Arbeitskraft für die Gebetsfeier aufgewendet haben und ob es zu Mehrkosten aufgrund der Abhaltung der Veranstaltung an einem Feiertag gekommen sei. "Jede und jeder soll beten dürfen, wann und wie sie oder er es möchte. Was aber gar nicht geht, sind Gebetsveranstaltungen im Parlament. Das Parlament ist ja keine Kirche. In einer demokratischen Gesellschaft gibt es eine strikte Trennung von Staat und Religion", so Scherak.

Für den Verfassungsjuristen Heinz Mayer hätte die Gebetsstunde im Parlament nicht stattfinden dürfen, zumal diese klar gegen die Trennung von Staat und Religion gerichtet gewesen sei. "Das hat in einer säkularen Demokratie nichts verloren", sagte Mayer zum "Standard". "Wenn man es lustig nimmt, war es albern, wenn man es aber ernst betrachtet, war es deplatziert."

"Online-Gebetsfeier" im Parlament via Livestream übertragen

Zu der Veranstaltung am 8. Dezember hatten Sobotka und das "Komitee des Nationalen Parlamentarischen Gebetsfrühstücks" geladen. Der Titel der "Online-Gebetsfeier" lautete: "Hoffnung in der Krise". Teilgenommen hatten neben Sobotka und Bundesrat-Präsidentin Andrea Eder-Gitschthaler (ÖVP) Abgeordnete von ÖVP und FPÖ. Vertreter von SPÖ und NEOS, die zunächst zugesagt hatten, sprangen im Vorfeld und nach Kritik in Sozialen Medien wieder ab. Auch die Grünen nahmen nicht teil. Gegenüber dem "Standard" hieß es dazu aus dem grünen Klub, es stehe einzelnen Fraktionen und Abgeordneten frei, die Räumlichkeiten des Parlaments auch für Veranstaltungen im Sinne ihrer eigenen politischen Anliegen zu nutzen. "Deshalb handelt es sich noch nicht um eine Veranstaltung des Parlaments. Wir Grüne wollen keine politische Instrumentalisierung von Religion und stehen für eine klare Trennung von Staat und Religion. Jeder Anschein einer Vermischung muss vermieden werden."

Video-Grußbotschaften gab es bei der Gebetsstunde u.a. von Kultusministerin Susanne Raab (ÖVP), auch die ehemalige steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic sowie der Gründer der Loretto-Gemeinschaft, Georg Mayr-Melnhof, nahmen teil. Kardinal Christoph Schönborn überbrachte Grußworte, der evangelische Bischof Michael Chalupka sprach ein Gebet, auch Wiens Oberrabbiner Jaron Engelmayer sowie Vertreter der orthodoxen Kirche, der Altkatholiken und der Kopten waren vertreten. Nicht eingeladen als Mit-Beter war die Islamische Glaubensgemeinschaft, so die "Kleine Zeitung".

Kritik auch von katholischer Jungschar und Jugend

Verwunderung über die Einladungspolitik herrschte laut "Standard" auch bei der katholischen Jungschar. Diese sei zunächst nicht eingeladen gewesen und habe am Freitagabend dann eine Einladung zum Livestream erhalten. Man empfinde es als "sehr schade", dass nicht "wesentlich breiter konfessionsübergreifend eingeladen wurde", sagte deren Vorsitzender Martin Hohl. Auch die Katholische Jugend schloss sich laut "Standard" dieser Kritik an.

VP-Abgeordnete Kugler weist Kritik an Gebet zurück

Unverständnis an der Kritik an der im Parlament abgehaltenen Gebetsstunde äußerte ÖVP-Abgeordnete Gudrun Kugler in einem schriftlichen Statement gegenüber der APA. Es sei "unverständlich", dass in einem pluralistischen Land nicht auch eine Gebetsfeier im Advent stattfinden darf, sagte sie. "Wir sind hier nicht versammelt im Namen von Parteien, auch nicht im Namen des Parlaments oder irgendeiner Institution, sondern als Abgeordnete mit einem persönlichen Glauben."

Auch verwies Kugler darauf, dass Österreich international gesehen mit diesem Gebetskreis kein Einzelfall sei: "Es gibt weltweit rund 130 parlamentarische Gebetstreffen. Die prominentesten sind z.B. im Europäischen Parlament, bei der UNO, in den USA - dort nehmen seit über sechzig Jahren immer die Präsidenten teil, in Deutschland, im Vereinigten Königreich, Australien, in den baltischen Staaten, usw." In Österreich bestehe diese Einrichtung jetzt im vierten Jahr. "2019 konnten wir Vertreter von 20 Konfessionen im Parlament begrüßen. Ganz wichtig ist für dieses Format in allen Ländern der Welt die Überfraktionalität und Interkonfessionalität, sowie die Teilnahme von Gästen aus anderen Religionen."

Auch betonte Kugler, dass es "rund um das Parlament" "unterschiedlichste Events" gebe: "Kunst, Kultur, Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, Benefiz-Veranstaltungen, wir haben sogar ein Fussballteam. So gibt es auch für jene, die das wollen, eine Gebetsfeier."

Kugler zu Nichteinladung von Muslimen

Zur Kritik der Nichteinladung von Muslimen sagte Kugler gegenüber der "Kleinen Zeitung", sie verstehe die Aufregung nicht. Dahinter stecke keine Absicht, leider säßen derzeit keine Muslime im Parlament.

Gegenüber der APA betonte die ÖVP-Abgeordnete, Religion spiele im Leben "von sehr vielen Menschen in Österreich eine große Rolle". Sieben Millionen Österreicher seien Mitglieder einer Religionsgemeinschaft. "Darin liegt eine starke verbindende Kraft." Und Religion spiele auch in der Integration eine große Rolle, so Kugler. "Die Vielfalt der Beiträge der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften hat das auch unterstrichen. Viele haben durch die gemeinsame Gebetsfeier erstmals Kirche und Gebet von Vertretern anderer Konfessionen gesehen. Diese Vielfalt haben wir sichtbar gemacht."

Zum Unverständnis der katholische Jugend über die Nicht-Einladung, sagte Kugler, diese war "wie alle anderen Interessenten" eingeladen, zuzusehen. "Sie waren als Katholiken prominent durch Kardinal Schönborn vertreten." Von den acht aktiv mitwirkenden Religionsgemeinschaften seien keine weiteren konfessionellen Jugendvertreter nochmals eigens vertreten gewesen.

Derzeit keine Muslime im Komitee

Hinsichtlich der Frage der Nicht-Einladung der Muslime präzisierte Kugler, dass Muslime derzeit nicht im Komitee des Nationalen Parlamentarischen Gebetsfrühstücks vertreten sind, selbstverständlich aber im Parlament. Sie sei in einem Interview missverständlich zitiert worden, sagte sie.

(APA/Red)

  • VIENNA.AT
  • Österreich
  • "Online-Gebetsfeier" im Parlament sorgt weiter für Kritik
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen