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Onkologietagung in Wien: Zelltherapien bei Krebs erst am Anfang

In Wien dreht sich dieser Tage bei der Onkologietagung alles um die Krebsbehandlung.
In Wien dreht sich dieser Tage bei der Onkologietagung alles um die Krebsbehandlung. ©APA/Helmut Fohringer
In Wien haben sich rund 6.000 Spezialisten zur Onkologietagung getroffen. Alles dreht sich um das Thema Krebs.

Derzeit macht vor allem bei Blutkrebs die CAR-T-Zelltherapie Schlagzeilen. Doch Langzeitergebnisse liegen bei der Hälfte der Anfangserfolge. Die Nebenwirkungen können tödlich sein. Die Wissenschaft steht noch ein einem frühen Stadium, betonte am Samstag die Mailänder Expertin Chiara Bonini beim Jahreskongress der deutschsprachigen Gesellschaften für Hämatologie und Onkologie in Wien.

6.000 Teilnehmer beim Kongress in Wien

“Die Zelltherapie mit der gentechnischen Veränderung von weißen Blutkörperchen sind natürlich infolge medizinischen Bedarfs entstanden. Die Basis bildete die Transplantation von (Knochenmark-)Stammzellen”, sagte Chiara Bonini vom Forschungsinstitut San Raffaele in Mailand bei dem Kongress mit rund 6.000 Teilnehmern.

Eine Stufe bildete die Entwicklung und Marktzulassung der CAR-T-Zelltherapie von zwei internationalen Pharmakonzernen (Novartis und Gilead) in den USA und in der EU für die Behandlung von pädiatrischen Patienten und jungen Erwachsenen mit therapieresistenter und durch Rückfälle gekennzeichnete akute lymphatische B-Zell-Leukämie bzw. für die Behandlung von erwachsenen Patienten mit großzelligem B-Zell-Lymphom (therapieresistent bzw. nach Rückfällen). Das alles erfolgt auf der Basis von vom einzelnen Patienten gewonnenen und gentechnisch veränderten weißen Blutkörperchen.

Kein realistisches Bild nach Studie

Doch die Situation ist komplex. Die anfänglich euphorisch gefeierten Ergebnisse an extrem wenigen Studienpatienten – oft nur einige Dutzend pro Studie – weichen einem realistischeren Bild. Chiara Bonini sagte: “Bei der Chronisch Lymphatischen Leukämie erreicht man ein komplettes Ansprechen (Verschwinden der Krankheitszeichen; Anm.) bei 30 bis 40 Prozent der Patienten, bei Non-Hodgkin-Lymphomen bei 50 bis 70 Prozent und bei Akuter Lymphatischer Leukämie bei 80 bis 90 Prozent. (…) Die Hälfte der Patienten wird mit der Zeit einen Rückfall erleiden.”

Dem stehen einmalige Behandlungskosten auf der Basis publizierter US-Daten von umgerechnet rund 400.000 Euro für die Infusion der gentechnisch veränderten Zellen allein gegenüber. Hinzu kommen die Begleitkosten. Die Nebenwirkungen, zum Beispiel die massive Freisetzung von Immunbotenstoffen (“Zytokinsturm”) bzw. die Toxizität auf das Gehirn bedingen oft eine Aufnahme in die Intensivstation, können lebensbedrohlich sein oder tödlich enden.

Arbeit an neuen Konzepten

“Bei der extremen Potenz von CAR-modifizierten T-Zellen und einem ähnlichen Wirkungsmechanismus birgt die Anwendung (…) häufige Toxizität in sich, die so ‘böse’ oder sogar ‘böser’ als die Grunderkrankung sein und letal enden kann”, stellten Autoren wie Ping-Pin Zhen (Erasmus Medical Center/Niederlande), Johan M. Kros und Jin Li in der Fachzeitschrift “Drug Discovery Today” im Juni 2018 fest.

Nicht zuletzt deshalb arbeiten die Wissenschafter bereits an neuen Zelltherapie-Konzepten, die weit über das Konzept der reinen CAR-T-Zellen hinausgehen. So werden bei der gentechnischen Veränderung der Zellen auch “Suizid”-Gene eingefügt. Das ist zum Beispiel Erbinformation aus Herpes simplex-Viren. Beim Auftritt von schweren Nebenwirkungen sollen die betroffenen Patienten ein hoch wirksames Herpes-Medikament bekommen, was die CAR-T-Zellen in den Suizid treibt.

Bonini und ihr Team entwickeln aber auch Zelltherapien, bei denen in vom Patienten gewonnenen T-Lymphozyten spezifisch auf Tumor-Antigene reagierende T-Zell-Rezeptoren eingefügt werden. Sie erkennen nicht nur typische Oberflächenmerkmale von bösartigen Zellen, sondern auch charakteristische Teile von Tumorzellen aus deren Inneren.

“Diese Merkmale, welche die genetisch veränderten Abwehrzellen mit ihrem neuen T-Zell-Rezeptor erkennen sollen, sind Antigene, die von den Tumorzellen stark produziert werden, in gesunden Zellen nicht vorhanden sind und relevant für die Bösartigkeit und das Fortschreiten des Tumors sind”, sagte die Expertin.

Steigende Anzahl an Krebspatienten

Das Gesundheitswesen muss sich auch in den kommenden Jahren auf eine wachsende Zahl von Krebs-Neuerkrankungen einstellen. Hinzu kommt, dass immer mehr Betroffene länger leben werden, hieß es Samstagmittag beim deutsch-österreichisch-schweizerischen Hämatologen- und Onkologenkongress in Wien.

Die deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) hat eine Bedarfsrechnung für die Versorgung von Krebspatienten im Vergleich der Jahre 2014 und 2025 angestellt. Der Vorsitzende der Fachgesellschaft, Carsten Bokemeyer, stellte bei einer Pressekonferenz die Hauptergebnisse dar: “Es wird in Deutschland eine Zunahme der jährlichen Neuerkrankungen bei Krebs von plus 15 Prozent bei den Männern und plus acht Prozent bei den Frauen geben.”

Überalterung könnte Problem werden

Frühere Diagnosen und bessere Therapien führen zu einer höheren Heilungsrate, gleichzeitig können auch Patienten mit primär unheilbaren Krebserkrankungen länger stabil gehalten werden. Das Ziel geht dahin, aus mehr Krebsleiden chronische Krankheiten zu machen. Diese Entwicklung führt auch “automatisch” zu mehr mit solchen Krankheiten lebenden Patienten.

Bokemeyer sagte: “Diese Prävalenz (Zahl der mit Krebs lebenden und langfristig zu versorgenden Kranken, Anm.) wird bei den Männern um 13 Prozent und bei den Frauen um sechs Prozent steigen.” Gemeinsam mit der zunehmenden Konzentration der Bevölkerung in Ballungszentren und der Überalterung (mit mehr Krebspatienten) in ländlichen Regionen kann das ein erhebliches Problem werden.

Österreichische Kliniken bei Studien dabei

Der geschäftsführende Vorsitzende der DGHO, Michael Hallek, betonte bei der Pressekonferenz den Wissenszuwachs, den man durch die neuesten Entwicklungen, zum Beispiel durch die Einführung der Therapie von Blutkrebspatienten ohne sonstige Behandlungsalternative mit Strategien wie CAR-T-Zellen bekommen hätte. Langzeit-Überlebensraten von 40 bis 60 Prozent bei Kranken, für die sonst keine Alternativen mehr bestanden hätten, würden einen bedeutsamen Hinweis auf den Wert solcher Therapien geben.

Kongresspräsidentin Hildegard Greinix (MedUni Graz) verwies angesichts bisher vorliegender Studienergebnisse zur CAR-T-Zelltherapie aus kleinen Studien auf die nächste Zukunft: “Es laufen derzeit randomisierte große Studien mit großen Patientenzahlen an.” Durch die zufällige Zuteilung von Patienten zu unterschiedlichen Therapieformen (“randomisiert”) soll ein umfassenderes Bild über die Wirksamkeit der Behandlung von Blutkrebserkrankungen mit von Patienten gewonnenen und gentechnisch veränderten Abwehrzellen gewonnen werden. An den Untersuchungen nehmen auch mehrere österreichische Kliniken teil.

Als eine der besten wissenschaftlichen Studien bei dem Kongress wurde eine Untersuchung von Klaus Geissler (Krankenhaus Hietzing) beurteilt. Auf der Basis von 359 Blutproben von Patienten mit chronisch myelomonozytärer Leukämie (CMML), die bei manchen Patienten in eine akute myeloische Leukämie übergeht, konnte das Wissenschafterteam zeigen, dass bei einem hohen Anteil der Betroffenen Mutationen im RAS-Gen dafür verantwortlich sein dürften. Das könnte ein möglicher Zielpunkt für medikamentöse Therapien sein.

Kongress in Wien: Zeitgeschichtliches Projekt vorgestellt

Die DGHO hat in Wien auch ein großes zeitgeschichtliches Projekt vorgestellt: Eine Biografie des jüdischen Arztes und Schriftstellers mit altösterreichisch deutschen und böhmisch-tschechischen Wurzeln Josef Löbel (1882 bis 1942). Der Kurarzt (Franzensbad), in der Zwischenkriegszeit Verfasser des von den Nazis arisierten Medizin-Bestsellers “Knaurs Gesundheitslexikon”, der mit Josef Roth befreundet war, nahm sich 1942 in Prag das Leben. Seine Frau war kurz zuvor nach Theresienstadt deportiert worden. Sie starb im Konzentrationslager Auschwitz. Die medizinische Fachgesellschaft hat die Patenschaft über das Buch “Dr. Josef Löbel – Botschafter eines heiteren deutschen Medizin-Feuilletons in Wien-Berlin-Prag” von Peter Voswinkel übernommen.

(APA/Red)

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