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Österreich: "Einwanderungsland ohne Willkommenskultur"

Die Journalistin spricht das problematische Integrationsproblem an.
Die Journalistin spricht das problematische Integrationsproblem an. ©pixabay.com
Bei einer Podiumsdiskussion am Mittwoch bezeichnete die Journalistin Melisa Erkurt Österreich als ein "Einwanderungsland ohne Willkommenskultur".

“Österreich hat sich nie für die Leistungen der Gastarbeiter bedankt”, sagte sie am Mittwoch im Rahmen einer Podiumsdiskussion in Wien. Stattdessen würden den Menschen mangelnde Deutschkenntnisse, fehlender Integrationswillen und die damit verbundene Bildung von Parallelgesellschaften unterstellt.

Erkurt schrieb “Story des Jahres” 2016

Dies gelte auch für Menschen aus Kriegsgebieten, die in Österreich Asyl ansuchen. “Diese Menschen fragen wir, warum sie kein Deutsch können”, fuhr die Österreicherin mit bosnischen Wurzeln fort, die sich besonders mit Jugendlichen und Migranten in Österreich auseinandersetzt. Ihr Artikel “Generation Haram” wurde 2016 bei den Österreichischen Journalismustagen als Story des Jahres 2016 ausgezeichnet.

Laut Erkurt ist diese Diskriminierung vielen nicht einmal bewusst. Sie äußere sich beispielsweise darin, dass österreichische Staatsbürger mit Migrationshintergrund gefragt würden, wo sie den “wirklich” herkommen. Für sie ist es irrelevant, ob man die Frage “böse gemeint” sei, oder nicht: “Darum geht es nicht, sondern darum, dass es nicht mehr passiert”, sagte Erkurt. “Das muss den Menschen peinlich sein, sonst kommen wir als Gesellschaft nicht weiter”, erläuterte sie.

Was sind typische Österreicher?

Für den deutschen Sozialaktivisten Ali Can, der aus einer türkisch-kurdisch alevitischen Familie stammt, kaschiert diese Frage das eigentliche Problem. “Viele werden nicht als typischer Österreicher oder Deutscher wahrgenommen”, erklärte er. Darum müsse man das Österreichische und Deutsche mit einer neuen Bedeutung aufladen.

Der Politik rief Erkurt zu, mehr in die Bildung zu investieren, um die Integration voranzutreiben. “Das sagen die Experten seit Jahren”, sagte sie. Zudem müssten Migranten in der Öffentlichkeit sichtbarer sein, denn die Kinder benötigten Vorbilder. Generell vertrat sie die Ansicht, “fremde Lebenskonzepte zu akzeptieren und empathisch (zu) sein”. “Das klingt naiv, ist aber das Realistischste”, fügte sie hinzu. Can fügte hinzu, dass das Wichtigste im Umgang mit Migranten die Besinnung auf die Menschenrechte sei.

#MeTwo-Kampagne für Menschen mit Migrationshintergrund

Cans “#MeTwo”-Kampagne richtet sich darum an Menschen mit Migrationshintergrund, die – in Anspielung auf die “#MeToo”-Kampagne, die sexuelle Angriffe gegen Frauen aufgreift und anprangert – mit Diskriminierung und Rassismus konfrontiert waren. Anstoß dafür war die öffentliche Debatte um den deutschen Fußball-Nationalspieler Mesut Özil, der nach einem Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan scharf kritisiert wurde. Seine Aktion sei zwar “naiv” gewesen, aber dennoch sei der Fall bezeichnend. “Özil war ein Musterbeispiel für gelungene Integration”, sagte Can. Trotzdem hätten sich Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft gegen ihn gewandt.

“Wer diskriminiert wird, wird sich verschließen und nicht integrieren”, erklärte Can. Die Rolle der Medien sei dabei auch nicht immer hilfreich: “Manchmal bin ich froh, dass junge Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund keine österreichischen Medien konsumieren, denn sie werden zumeist nicht darin bestärkt, in Österreich willkommen zu sein”, sagte Erkurt.

Hotline für besorgte Bürger

Für die Integration sei vor allem die “direkte Begegnung” wichtig, um Vorurteile abzubauen. Aus diesem Grund habe er die “Hotline für besorgte Bürger” geschaffen, sagte Can. Hier spreche er besonders mit Menschen, die Migration und Menschen mit Migrationshintergrund eher skeptisch gegenüberstehen. “Besonders wichtig ist es, da zuzuhören und Fragen zu stellen”, berichtete er. Man müsse ein “wertschätzendes Gespräch auf Augenhöhe” suchen, das auch die “richtigen Rahmenbedingungen” habe.

Dass die Diskussion über Menschen mit Migrationshintergrund überhaupt geführt werde, sei jedoch ein positives Zeichen. “Wir sind langfristig auf einem guten Weg, da diskriminierte Gruppen sich tendenziell emanzipieren”, sagte Can und verwies auf den Ansatz des Soziologen Aladin El-Mafaalani, der die Debatte über Integration bereits als Indiz dafür sieht, dass diese funktioniere. “Streitkultur ist Leitkultur”, unterstrich er.

(APA/red)

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