"Nudlaug" und "Vollkoffa": "Palais Kabelwerk" startete Spielbetrieb

Ensemble: Mein Wien
Ensemble: Mein Wien ©Joachim Kern
"Palais Kabelwerk" nennt sich Wiens neuestes Kulturzentrum, doch der Theatersaal verströmt den Charme einer adaptierten Tiefgarage. Davon konnte man sich gestern, Donnerstag, bei der Eröffnung des Etablissements in Wien-Meidling , mit dem gleichzeitig der diesjährige "Rote Oktober" der Wiener Wortstätten gestartet wurde, überzeugen.
Neues Kulturzentrum
Wehmütig erinnert man sich an die einstige morbide, doch stimmungsvolle Atmosphäre des devastierten Geländes der ehemaligen KDAG Kabelwerke, wo Hubsi Kramar den “Großinquisitor”-Monolog aus Dostojewskis “Die Brüder Karamasow” ebenso in Szene setzte wie Peter Stein seinen “Faust”-Marathon. Nun ist auf dem ehemaligen Fabriksgelände ein neuer Stadtteil entstanden, und es ist nur würdig und recht, wenn dabei auch “ein dauerhaftes Stadtlabor” mit “niederschwelligem Zugang” zu Kunst und Kultur (Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny) gebaut wurde. Die Errichtung des Gebäudes mit zwei Sälen und Künstlerwohnungen wurde mit 3,4 Mio. Euro gefördert. Für den Betrieb gibt es bis 2013 insgesamt 1,6 Mio. Euro.

Gespannt kann man darauf sein, wie weit es künftig gelingen wird, im großen Saal vielgestaltiges Leben zum Blühen zu bringen. Regisseur Hans Escher (gemeinsam mit Bernhard Studlar Initiator des interkulturellen Autorentheaterprojekts “Wiener Wortstätten”) hat mit Ausstatter Renato Uz beim Auftakt nur den nackten Raum hergezeigt: Sichtbeton, verkleidet mit grauen Akustik-Paneelen. Unter der hohen Decke hängen im Gewirr von Kabeltrassen, Lüftungs-Schläuchen und Scheinwerfer-Aufhängungen aus Lichtschlangen geformte liebevolle Wiener Slang-Ausdrücke: “Nudlaug”, “Vollkoffa”, “Fut” oder “Hurnbeidl” machen gleich einmal klar, wie es um das goldene Wiener Herz bestellt ist. Als eine US-Touristin in einem der Stücke really “grumpy” (missmutig) wird, kommentiert ihr Gegenüber erfreut: “Schau’, jetzt is’ an’kommen…”

Dramatische Episoden

Die vier gezeigten – und in der eben in der edition exil erschienenen vierten Wortstätten-Anthologie abgedruckten – Einakter beschäftigen sich mit Klischee-Situationen, ohne sie wirklich aufzubrechen. Ana Bilic lässt “Im Prater” eine bürgerliche Wienerin und einen im Supermarkt arbeitenden Bosnier als Hundehalter aneinandergeraten. “Gute Besserung” wünscht Jasmina Eleta zwei Herzpatienten im Wiener AKH, während Ursula Knoll in “netz/nest” eine amerikanische Touristin in winterlicher Kälte in der S-Bahn-Station Zentralfriedhof auf zwei Schwestern treffen lässt. Rhea Krcmarová lässt schließlich in “Aus dem Fenster” die Freundschaft einer jungen Frau zu einer Kammersänger-Witwe an deren Vergangenheit als Antisemitin und Arisiererin zerbrechen.

Regisseur Escher lässt die vier Kurz-Stücke nicht hintereinander spielen, sondern hat sie miteinander verschnitten. Das Darsteller-Quintett (Claudia Kottal, Gundula Rapsch, Katharina Vana, Christoph Baumann, Alexander Braunshör) wechselt zwischen ihren Figuren und im Raum verteilten Simultan-Schauplätzen, doch ansonsten reduziert Escher das Spieltempo, so dass der Abend nicht nur ein wenig verwirrend wirkt, sondern auch ordentliche Längen bekommt. Die stärksten Momente hat da einer, dessen Rolle nicht im Textbuch steht: Trompeter Franz Hautzinger sorgt nicht nur für hinreißende musikalische Intermezzi und Stimmungsmache, sondern auch für schräge, launige Wienerlied-Interpretationen mit dem Ensemble.

Nächster Höhepunkt des “Roten Oktober” ist am 15. Oktober ein “Theaterplanquadrat” im Palais Kabelwerk: Gezeigt werden Ergebnisse eines theatralen Rechercheprozesses im neuen Stadtteil.

“Mein Wien” – Vier dramatische Episoden von Ana Bilic, Jasmina Eleta, Ursula Knoll und Rhea Krcmárová.

Palais Kabelwerk, Oswaldgasse 35A, 1120 Wien, U6-Station Tscherttegasse.
Weitere Vorstellungen: 3., 4., 5., 9., 16., 17., 21., 27. und 28. Oktober, 19.30 Uhr; Karten: 0699 / 1915 6767
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