Nobelpreisträger Yunus in Wien: "Armut gehört ins Museum"

Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus
Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus © EPA (Archiv)
"Armut gehört ins Museum", sagte Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus am Donnerstag bei seinem Vortrag zu "Armut besiegen - Social Business" an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien.

Dazu muss es seiner Auffassung nach eine Zweiteilung des Wirtschaftssystems geben – in Unternehmen zur Profitmaximierung und sogenannten “Social Business”, der zum Wohl der Menschen und nicht für den Profit arbeitet.

Als erfolgreiches Beispiel für ein solches “Social Business” nannte der das Unternehmen “Danone Grameen Food” in Bangladesch. Dieses stellt eine Zusammenarbeit zwischen Danone und den vier “Grameen”-Unternehmen “Grameen Byabosha Bikash”, “Grameen Kalyan”, “Grameen Shakti” und “Grameen Telecom” dar, deren Name auf die von Yunus gegründete Mikrokredite-Bank “Grameen” zurückgeht. Ziel des Unternehmens ist es, Kinder mit Nährstoffen zu versorgen, die ihnen ansonsten in der ärmlichen Ernährung fehlen. Auf diese Weise wird ein wichtiger Beitrag zur Armutsbekämpfung geleistet und kein Profit erwirtschaftet. Für ein “Social Business” sei es unerlässlich, dass es einen Nutzen für die Allgemeinheit hat, im Besitz der Gemeinschaft der armen Bevölkerung ist, und kein Profit in Form von Dividenden aus dem Unternehmen gezogen wird.

Die Profitmaximierung bezeichnet Yunus als Fehler des modernen Wirtschaftssystems, da es “nicht menschlich” sei. Jeder Mensch sei “selbstsüchtig, aber auch selbstlos”. Damit begründet er die von ihm geforderte Zweiteilung des Wirtschaftssystems in Unternehmen zur Profitmaximierung und “Social Business”. Man müsse die wirtschaftliche Brille absetzen und die soziale aufsetzten, dann ändert sich die Betrachtungsweise grundsätzlich, forderte der Nobelpreisträger. Darin sieht er die Chance, Armut von der Welt “ins Museum” zu verbannen.

Als Beispiel zur Veranschaulichung nennt er den Bonsai. “Pflanzt man einen Samen in einen Blumentopf, wird aus dem Samen ein sehr kleiner Baum. Allerdings ist der Grund dafür, dass der Baum nicht sehr groß wird, nicht der Samen. Der Grund ist, dass der Samen in einen Blumentopf gepflanzt wurde. Dasselbe gilt für arme Menschen und die Gesellschaft beziehungsweise das System. Daher nenne ich sie auch Bonsai-Menschen.” Das Ziel müsse immer sein, den “Samen” zu entwickeln, sprich die armen Menschen zu befähigen, sich ein Geschäft aufzubauen, mit dem sie sich selbstständig zumindest über die Armutsgrenze zu heben.

Muhammad Yunus erhielt 2006 den Friedensnobelpreis zusammen mit der von ihm gegründeten “Grameen”-Bank für Mikrokredite. Wie er selbst sagt, kam ihm die Idee dazu “zufällig”, aus “tiefer Verzweiflung und Frustration”. Er erstellte eine Liste von Kredithaien in Bangladesch, die Zinsen in Höhe von bis zu 500 Prozent verlangten. Er fand in einem Dorf 42 Menschen, die Kredite über insgesamt 27 Dollar aufgenommen hatten und nicht wussten, wie sie diese jemals zurückbezahlen sollten. Yunus beglich die ihm lächerlich erscheinende Summe, und die Idee für die “Grameen”-Bank war geboren.

Mehr als 70 Prozent der Kreditnehmer sind Frauen, so dass die Idee in der islamischen Gesellschaft Bangladeschs auch zu einer Stärkung der Position der Frauen geführt hat. Dabei musste er zunächst einiges Unverständnis überwinden: “Die Frauen haben immer gesagt, sie hätten keine Ahnung, wie man mit Geld umgeht, deshalb solle es der Mann bekommen”, sagte Yunus. Doch die Kreditvergabe an Frauen habe klare Vorteile, da diese das Geld oft sparten, um die Kinder in die Schule zu schicken, und zudem die Kredite verlässlich zurückzahlten, während die Männer das Geld meist verprassen, so Yunus. Somit profitiere die ganze Familie davon, wenn der Kredit an die Frauen vergeben werde und nicht nur an die Männer. Um diese intensive Beteiligung der Frauen zu erreichen, musste er allerdings gegen einige Widerstände aus religiösen Kreisen der Gesellschaft und die historische Stellung der Frau ankämpfen.

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