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Neuer Wien-Krimi

Der Diebstahl der Saliera war ein anarchischer Streich von vier Kunst-Freunden, von denen einer als Aufseher im Kunsthistorischen Museum arbeitete.

Als besonderer Coup hätte die Kleinskulptur später auf die Bühne des Akademietheaters geschmuggelt werden sollen, wo sie beim Aufgehen des Vorhangs plötzlich wieder aufgetaucht wäre. – So steht es jedenfalls in „Das Schweigen des Lemming“, dem als rororo-Taschenbuch erschienenen neuen Krimi des Friedrich-Glauser-Preisträgers Stefan Slupetzky, der morgen, Donnerstag, im Rahmen der zweiten Wiener Kriminacht im Café Stein unter musikalischer Begleitung des „Kollegium Kalksburg“ vorgestellt wird.

Slupetzky, 1962 geborener Wiener, der an der Kunstakademie studierte und danach als Musiker und Kunstlehrer arbeitete, hatte sich im Frühsommer 2005 dazu entschlossen, die 2003 gestohlene Saliera in seinen dritten Roman rund um den Ex-Kommissar Leopold Wallisch (alias „Lemming“) einzubauen, „also allseits bekannte Fakten so miteinander zu verknüpfen, dass sie zu einer – wohlgemerkt fiktiven, aber immerhin möglichen – Lösung des Kriminalfalls führen“, wie der Autor in einer Nachbemerkung schreibt. Kurz vor Fertigstellung des Manuskriptes erfolgte mit der Verhaftung von Robert Mang „der Paukenschlag, mit dem sich die Realität der Fiktion zu entziehen versuchte“.

Slupetzky entschloss sich, sein Manuskript dennoch in Druck zu geben. Schwer zu glauben, dass dies gänzlich ohne kleinere Änderungen geschah, denn wenn etwa das wertvolle Stück in einer Wohnung aus einem Instrumentenkoffer geholt wird, dann kommt einem die Szene doch sehr bekannt vor. Die fiktive Variante eines reales Kriminalfalls kommt allerdings erst sehr spät ins Spiel. Macht nichts, denn den eigentlichen Reiz bezieht der Krimi, der mit einem erhängten Pinguin im Schönbrunner Tiergarten beginnt, im gekonnt gezeichneten Wien-Flair, im augenzwinkernden Einbeziehen so mancher stadtbekannter Persönlichkeiten und Vorkommnisse sowie in seiner nicht immer glaubwürdigen, aber meist unterhaltsamen Verbindung von Kunstbetrieb, Stadtpolitik und Verbrechermilieu.

Den harmlosen Kunst-Anarchisten entgleitet schließlich ihr Streich mit dem begehrten Salzfass, und als Menschen davon Wind bekommen, die wesentlich weniger zimperlich vorgehen, heißt es ebenso kryptisch wie bedrohlich „Salz oder Tränen“. Am Ende ist die Saliera wieder verschwunden, aber es gibt einen sehr hübschen, sehr fiesen Vorschlag, wie die Sache ausgehen könnte, damit alle Beteiligten zufrieden sind. Und so gelingt es Slupetzky am Ende, der Realität, die ihn eingeholt hat, doch noch ein Schnippchen zu schlagen.

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