Page 1Page 1 CopyGroupGroupPage 1Combined ShapePage 1Combined ShapePage 1Triangle Page 1 VNVorarlberger Nachrichten Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1 Rectangle 9 Combined ShapeCombined ShapePage 1Page 1Page 1Page 1Page 1AAAAPage 1 Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1

München: Alter Nazi oder nur alter Mann?

Ladislav Niznansky (86) soll für die Massaker der Spezialgruppe "Edelweiß" im Jänner und Februar 1945 in der Slowakei verantwortlich sein. Bei seiner Verhandlung vor Gericht streitet er jedoch jegliche Verantwortung ab.

Fast 60 Jahre nach ihrer Ermordung wurden ihre Namen noch einmal in Erinnerung gerufen: Die Toten der Familie Zubek, die Toten der Familie Pavlik, die Toten der Familie Hudicek und anderer Einwohner von Ostry Grun und Klak in der Slowakei. Name für Name las Staatsanwalt Konstantin Kuchenbauer die Liste mit 164 Toten vor, darunter ein drei Monate altes Mädchen und ein 78 Jahre alter Greis.

Der, dem die Worte galten, konnte Kuchenbauer nicht so recht folgen. Ladislav Niznansky ist schwerhörig, der 86-Jährige musste die Anklage mitlesen. Und so schwierig wie beim Prozessauftakt die Kommunikation war, so schwierig scheint auch die Aufklärung der Verantwortung von Niznansky für die Massaker aus dem Jänner und Februar 1945 zu werden.

„Rechtsanwalt Ufer, bitte wiederholen Sie die Frage“, sagte Richter Manfred Götzl mit leicht genervtem Unterton, nachdem er zum x-ten Mal den Verteidiger von N., Steffen Ufer, als Mittler ansprechen musste. Selbst die fünf Meter zwischen Richter- und Anklagebank waren zu weit, um die geschwächten Gehörgänge des früheren Radio-Journalisten zu erreichen. Doch sobald der seit 1957 in München lebende gebürtige Slowake die Fragen über seinen Verteidiger verstanden hatte, sprudelte es nur so aus ihm heraus. Die Botschaft seiner Worte: Ja, ich war ein Kommandant der NS-Spezialeinheit „Edelweiߓ zur Partisanenabwehr in der Slowakei. Nein, ich habe mit den angeblich von „Edelweiߓ-Leuten verübten Massakern von Ostry Grun, Klak und Ksinna nichts zu tun.

Niznansky baute seine Verteidigung auf seiner eigenen Geschichte auf: Demnach war er 1944 unfreiwillig zur NS-Einheit „Edelweiߓ gekommen. Als slowakischer Offizier habe er sich in dem Jahr am Volksaufstand gegen die deutsche Besatzung und das Regime in der Slowakei von Hitlers Gnaden beteiligt. Nach dessen Scheitern sei er in die Fänge der Deutschen geraten und vor die Wahl gestellt worden:
Entweder sollte er als Hauptmann bei der Partisanenbekämpfung mitmachen, oder er würde ins KZ kommen. Niznansky entschied sich zum Mitmachen. Dabei sei er nie gegen Frauen und Kinder, die vor allem Opfer der Massaker waren, vorgegangen, sagte Ufer und verwies auf das seiner Meinung nach fehlende Motiv. „Das waren seine eigenen Landsleute. Außerdem war er zu keinem Zeitpunkt von irgendeiner Ideologie, sei sie nun nationalsozialistischer oder kommunistischer Art, verblendet.“ Die Massaker versuchte Niznansky der SS zuzuschreiben.

Staatsanwalt Kuchenbauer wollte sich nach dem ersten Prozesstag noch nicht festlegen, ob Niznansky ein nur zufällig in die Fänge der Deutschen geratener Soldat gewesen ist, oder ob er letztlich doch selbst ein alter Nazi ist. „Das muss die Beweisführung ergeben“, sagte der Staatsanwalt. Nachdem der Fall erst auf Grund einer slowakischen Anfrage im Jahr 2001 wieder ins Rollen gekommen ist, leben von den wichtigsten möglichen Zeugen nur noch wenige. Ein als Hauptzeuge geltender „Edelweiߓ-Soldat, der gesehen und gehört haben will, wie Niznansky 20 Menschen selbst tötete und den Hinrichtungsbefehl für die weiteren gab, ist für die Verteidigung unglaubwürdig. Insgesamt sollen aber noch 23 weitere Zeugen gehört werden, um Licht in dieses dunkle Kapitel kurz vor Ende des Weltkriegs zu bringen.

Vor allem in der Slowakei sorgt der Fall des mittlerweile mit der deutschen Staatsbürgerschaft ausgestatteten Niznansky für großes Interesse, mehrere slowakische Berichterstatter waren zu Prozessbeginn in München. Trotz zweier erst vor einem Jahr erlittener Schlaganfälle und seines schlechten Gehörs machte der Angeklagte gesundheitlich einen für sein Alter guten Eindruck. Laut Ufer leidet sein seit Jänner in Untersuchungshaft sitzender Mandant vor allem unter der Trennung von seiner Frau. Die verfolgte den Prozessauftakt in der ersten Reihe der Zuschauerbank im Gerichtssaal. Am Ende des ersten Prozesstags fielen sich die beiden kurz in die Arme. Gespannt wird das Paar auf den derzeit für den 29. Oktober geplanten letzten Prozesstag blicken: Dann wird entschieden, ob Niznansky im Gefängnis bleiben muss oder bald zu seiner Frau zurückkehren kann.

  • VIENNA.AT
  • Chronik
  • München: Alter Nazi oder nur alter Mann?
  • Kommentare
    Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.