Mr. Turner - Meister des Lichts - Trailer und Kritik zum Film

Auf den ersten Blick erscheint der Ausflug von Mike Leigh, Meister von Sozialstudien der englischen Arbeiterschicht, ins frühe 19. Jahrhundert ungewohnt.

Tatsächlich hat sich der englische Starregisseur mit “Mr. Turner – Meister des Lichts” ein Herzensprojekt erfüllt – und Timothy Spall mit der Darstellung des Malers William Turner die Rolle seines Lebens verschafft. Ab Freitag im Kino.

Frei von einer narrativen Erzählung widmet sich Leigh in lose zusammenhängenden Episoden den letzten 25 Jahren des exzentrischen, als Genie verehrten und doch von vielen verhassten Malers Joseph Mallord William Turner (1775-1851). Der Alltag des großen Romantikers ist geprägt von Reisen, die ihn zu seinen vorrangig Meer, Schiffe und Naturspektakel zeigenden Landschaftsmalereien inspirierten, und von Weggefährten aller Schichten, die ihn bewunderten oder verdammten.

Mr. Turner – Meister des Lichts: Geschichte

Da ist allen voran der hingebungsvolle, liebenswerte Vater William Turner (Paul Jesson), der seinen Sohn stets mit neuen Farben versorgt; die von einer Hautkrankheit geplagte, buckelige Haushaltshilfe Hannah (Dorothy Atkinson), die ihrem Chef lediglich zum gelegentlichen, emotionslosen Lustabbau dient; die wütende Ex-Frau Sarah (Ruth Sheen), die erfolglos an die Menschlichkeit des Vaters ihrer Kinder appelliert; und die besonnene Pensionsbesitzerin Mrs. Booth (Marion Bailey), die Turners gefühlvolle Seite zum Vorschein bringt. Mit ihr bezieht Turner in seinen letzten Lebensjahren ein kleines Haus im Londoner Stadtteil Chelsea an der Themse, führt ein Doppelleben – und stirbt hier schließlich im Alter von 76 Jahren. Seine letzten Worte: “Die Sonne ist Gott.”

Leigh geht mit “Mr. Turner” über die reine Künstlerbiografie hinaus, vielmehr zeigt der Regisseur den Visionär in einer Gesellschaft im Übergang zur Moderne – misstrauisch gegenüber Neuem, geprägt von Armut und Krankheiten. Während Turner mittlerweile bereits anerkanntes Mitglied der Royal Academy ist und ein gutes Leben führt, kämpfen Künstlerkollegen um ihre Existenz. Dem Maler Benjamin Robert Haydon (Martin Savage) leiht er erst Geld, bescheinigt ihm dann aber vor Mitgliedern der Royal Academy wenig Erfolgsaussichten. Und seinen Rivalen John Constable verhöhnt er gekonnt bei der jährlichen Ausstellung der Academy, in dem er schelmisch einen roten Farbklecks auf das eigene Bild malt und so von dem von Rottönen dominierten Gemälde seines Konkurrenten ablenkt. “Er war hier und hat ein Gewehr abgefeuert”, sagt Constable gekränkt und stürmt aus dem Raum. Großartig auch der Moment, in dem Turner vor dem ersten Modell einer Kamera sitzt. Warum diese keine Farbe aufnehme, fragt Turner skeptisch. “Das ist ein Rätsel”, sagt der Fotograf. “Möge es noch lange so bleiben”, erwidert Turner – fürchtend, dass seine Zunft mit der Erfindung dieses tatsächlich die Wirklichkeit darstellenden Geräts gefährdet ist.

Mr. Turner – Meister des Lichts: Kritik

Leigh inszeniert viele dieser skurrilen Momente – macht es dem Zuseher ohne Vorbildung mit dem Verzicht auf Orts- und Zeitangaben oder Erklärungen aber mitunter schwer. Wer sich davor über Turner informiert, entdeckt die Bedeutung, die in Auseinandersetzungen mit dem Kunstkritiker John Ruskin, den Experimenten mit der Naturwissenschafterin Mary Somerville oder dem Angebot des Millionärs Joseph Gillott liegen. Letzterer bot Turner einst 100.000 Pfund für sein Gesamtwerk – doch der schlug die Summe aus, um seine Gemälde der britischen Nation zu vermachen und sie an einem Ort, öffentlich zugänglich und kostenlos, zu wissen.

Wer will, kann sich auch zweieinhalb Stunden zurücklehnen und jene bildgewaltigen Momente genießen, in denen Leigh das unvergleichliche Schaffen Turners würdigt. Kameramann Dick Pope fängt die ungewöhnlich schnelle, wahnhafte Arbeitsweise des Vorreiters der Moderne ebenso intensiv ein wie atemberaubende Kulissen, die – in Sonnenstrahlen getaucht – wie Gemälde anmuten. Gleich die erste Einstellung des Films könnte ein Gemälde Turners sein: Vor dem rot gefärbten Himmel steht eine Mühle an einem plätschernden Bach, zwei Damen in traditionell holländischem Gewand gehen vorbei – die Kamera folgt ihrem Schritt, und zeigt einen gebückten, in sein Skizzenbuch vertieften Mann mit Hut: JMW Turner.

Timothy Spall haucht dieser so ambivalenten Figur dabei eindrucksvoll Leben ein. Die Brauen stets zusammengezogen, die Mundwinkel nach unten ziehend, immer wieder Grunzer und Murren von sich gebend, die Leinwand anspuckend, ist er ein leidenschaftlicher Griesgram par excellence, der Turners Missmut ebenso übermittelt wie seine Obsession für die Kunst. Zwei Jahre lang hat Spall für “Mr. Turner” – seinem bereits fünften Film mit Regisseur Leigh nach u.a. “Topsy-Turvy – Auf den Kopf gestellt” (1999) und “All or Nothing” (2002) – den Pinselstrich Turners geübt. Seine erste wirkliche Hauptrolle hat dem 57-jährigen Engländer, der einem breiten Publikum als Peter Pettigrew in den “Harry Potter”-Verfilmungen bekannt ist, den Darstellerpreis bei den Filmfestspielen in Cannes eingebracht. Und auch der Oscar scheint nicht weit.

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(APA)

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