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Mladic: Gericht erlaubt Überstellung an UN-Tribunal

Der erste Schritt im Auslieferungsverfahren von Ratko Mladic (69) an das UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ist absolviert.
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Das Belgrader Sondergericht für Kriegsverbrechen hat am Freitag nach der zweiten Anhörung des früheren Militärchefs der bosnischen Serben beschlossen, dass die Voraussetzungen für dessen Auslieferung an das UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien gegeben seien. Dies erklärte Milos Saljic, der Anwalt der Familie Mladic nach der Anhörung. Für Montag kündigte Saljic eine Berufung gegen die Gerichtsentscheidung an. Der wegen Völkermordes während des Bosnien-Krieges angeklagte Mladic war am Donnerstag nach jahrelanger Flucht festgenommen worden.

“Wir werden schriftlich beantragen, dass Mladic am Montag in das Belgrader Militärkrankenhaus versetzt wird”, präzisierte Saljic. Die Familie des Haager Angeklagten will durch Berufung auf seinen Gesundheitszustand eine Überstellung an das UNO-Tribunal hinauszögern. Tribunalssprecherin Nerma Jelacic hatte zuvor erklärt, dass das UNO-Tribunal“absolut in der Lage ist, für Angeklagte mit Gesundheitsproblemen Sorge zu tragen”.

Mladic-Anklage: Genozid und Vebrechen gegen die Menschlichkeit

Mit einiger Verspätung war am Freitag in Belgrad kurz vor 13.00 Uhr die am Donnerstag begonnene Anhörung des jahrelang gesuchten Angeklagten des UNO-Tribunals fortgesetzt worden. Entsprechend dem gesetzlichen Auslieferungsverfahren musste von einem Ermittlungsrichter des Belgrader Sondergerichts für Kriegsverbrechen die Identität des Festgenommenen offiziell bestätigt werden, was bereits am Donnerstag passierte. Im Anschluss musste Mladic die Anklage des UNO-Tribunals verlesen werden, die ihm in elf Punkten Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnien-Krieg (1992- 1995) anlastet.

“Es ist wichtig, dass seine Identität feststeht. Alles hängt nun von seiner Verteidigung ab, ob sie Berufung einlegen wird. Die maximale Frist (für die Überstellung an das UNO-Tribunal, Anm.) sind sieben Tage”, versicherte der Vize-Sonderstaatsanwalt für Kriegsverbrechen, Bruno Vekaric, am Freitag.

Mladic erkennt Haager Tribunal nicht an

Er erkenne das Haager Tribunal nicht an, ließ Mladic am Donnerstagabend während der einstündigen ersten Anhörung wissen. Sie wurde abgebrochen, weil der Angeklagte um eine bestimmte Zeit angeblich Medikamente einnehmen musste. Vekaric hielt dies für eine Verzögerungstaktik der Verteidigung. Auf einer Aufnahme, die serbische TV-Sender brachten, konnte man den mutmaßlichen Kriegsverbrecher sehen, wie er sich in Begleitung von mehreren Polizisten in Richtung des Gerichtssaals langsam und schwer bewegte.

Der Anwalt der Familie Mladic, Saljic, berichtete auch am Freitag über einen äußerst schlechten Gesundheitszustand des Angeklagten. Er habe sich am Donnerstag nicht einmal zu seinen Personaldaten äußern können und habe auf Fragen unzusammenhängende Antworten gegeben, so Saljic. Die Familie Mladic’ forderte nach einem ersten Besuch beim Angeklagten am Freitagvormittag seine Einlieferung in ein Krankenhaus. Er solle dort von “unabhängigen Ärzten” untersucht werden, erklärte Mladic’ Sohn Darko. Zwei russische Ärzte habe die Familie bereits kontaktiert. Nach seinen Worten würde sein Vater schwer reden können und dessen rechte Körperhälfte sei gelähmt.

In der Nacht auf Freitag wurde Mladic im Gefängnis des Sondergerichtes von Ärzten untersucht. Dabei wurde ein EEG angefertigt, auch Kopfaufnahmen wurden gemacht. Darko Mladic zufolge waren darauf zwei Narben von früheren Gehirnschlägen Mladic’ sichtbar.

Mladic: “Was, ihr befürchtet, dass ich mich umbringe?”

Wesentlich weniger dramatisch wurde der Gesundheitszustand von Vize-Sonderstaatsanwalt Vekaric geschildert. Mladic, dem er nie zuvor begegnet sei, habe ihn erkannt. Wohl dank seiner häufigen TV-Auftritte in den vergangenen Jahren. Laut Vekaric sei Mladic so, wie man ihn aus den 1990er Jahren in Erinnerung habe. Im Gefängnis habe er keine besonderen Forderungen gestellt, befinde sich jedoch unter ständiger ärztlicher Aufsicht. Auf den Entzug von Brillen in der Gefängniszelle, eine Sicherheitsvorkehrung, reagierte Mladic mit Spott: “Was, ihr befürchtet, dass ich mich umbringe? Mladic wird nicht gegen Mladic vorgehen.”

Auch mit dem Wachdienst, der ihn vor den Ermittlungsrichter brachte, hatte der Angeklagte laut Medienberichten am Donnerstag kommuniziert. Er sei auch bemüht gewesen, Befehle zu erteilen, wie etwa: Gebt mir einen Stuhl, berichtete die Tageszeitung “Blic”. Dem Wachdienst galt auch die Bemerkung, “Wie meine Truppen”, berichtete “Danas”.

Die zehn Millionen Euro, die der Staat im Vorjahr für die Ergreifung von Mladic ausgelobt hatte, werden nach Beteuerung der Behörden nicht ausbezahlt. Die Festnahme sei im “Rahmen der normalen operativen Arbeit der serbischen Sicherheitsorgane” erfolgt, einen Tipp für die erfolgte Festnahme, habe es nicht gegeben, versicherte der Staatssekretär im Justizministerium Slobodan Homen.

Ex-Militärchef wurde monatelang observiert

Medienspekulationen, wonach an der Festnahme auch ausländische Nachrichtendienste beteiligt waren, wurden unterdessen von Innenminister Ivica Dacic zurückgewiesen. Nur die serbische Polizei und der Nachrichtendienst BIA hätten daran teilgenommen. Laut Dacic wurden die Verwandten Mladic’ in dem Vojvodina-Dorf Lazarevo mehrere Monate lang observiert. Die ersten Hausdurchsuchungen seien erst am Donnerstag vorgenommen worden, als im Haus eines Cousins auch der Haager Angeklagte aufflog. “Allerhand, ihr habt denjenigen gefunden, den ihr gesucht habt”, soll Mladic die Frage eines Polizisten, der als erster sein Haus betrat, erwidert haben. Dacic zufolge hatte sich Mladic unter “sehr schwierigen Bedingungen” versteckt.

Augenzeugenberichte, wonach sich Mladic’ Sohn erst vor wenigen Tagen in Lazarevo aufhielt, wurden vom Familienanwalt Saljic bestätigt. Allerdings soll der Sohn keine Ahnung gehabt haben, dass auch sein Vater, Ratko Mladic, im Dorf sei, so der Anwalt. (APA)

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