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Mit Schläuchen gegen Hungerstreik in Guantanamo

Zwei Mal täglich werden Abdul Rahman Jalabi und Said Salim Suhair Ahmed auf Stühlen festgeschnallt, dann wird ihnen ein gelber Schlauch durch die Nase geführt, durch den Nahrungsergänzung direkt in ihre Mägen fließt.

Jalabi und Ahmed, beide Insassen des US-Gefangenenlagers Guantanamo, sind seit fast zwei Jahren im Hungerstreik, um gegen die Haftbedingungen und ihre unbefristete Inhaftierung zu protestieren. Von der Lagerverwaltung werden sie mit Hilfe von Schläuchen zwangsernährt.

Die Zahl der Guantanamo-Gefangenen im Hungerstreik ist in den vergangenen Monaten auf zwei Dutzend angewachsen. Das US-Militär ernährt derzeit 20 dieser Insassen zwangsweise, um zu verhindern, dass sie verhungern. Alle Häftlinge werden täglich überwacht und man erwägt, alle, die neun aufeinander folgende Mahlzeiten auslassen, zwangsweise mit Nahrung zu versorgen.

Auf Kritik stößt dieses Vorgehen nicht nur bei der britischen Menschenrechtsorganisation Reprieve, die die Zwangsernährung in Guantanamo als „vorsätzlich brutal“ bezeichnet. Jalabi spricht davon als einer schmerzhaften Prozedur, „etwas, das man sich nicht ausmalen“ könne: „Seit zwei Jahren werden Ahmed und ich wie Tiere behandelt“, heißt es in Aufzeichnungen seines Anwalts. Auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und Ärzte von Menschenrechtsorganisationen haben ernsthafte Bedenken. „Wir denken, dass der Wille des Gefangenen respektiert werden muss“, sagt Rot-Kreuz-Sprecher Simon Schorno.

Schon seit Jänner 2002 kommt es in Guantanamo immer wieder zu Hungerstreiks. Für Aufsehen sorgte jedoch vor allem ein Massenprotest im August 2005. Auch damals wurden die streikenden Gefangenen zwangsernährt. Jedoch erbrachen sich viele absichtlich und verloren so stetig an Gewicht. Dies habe dazu geführt, dass im Dezember 2005 mindestens 19 von 29 verbleibenden Streikenden ernsthaft unterernährt und einem hohen Risiko ausgesetzt gewesen seien, an Infektionen zu erkranken oder permanente Organschäden davonzutragen, heißt es in einer schriftlichen Aufzeichnung des ehemaligen Klinikleiters Stephen Hooker.

Seit Januar 2006 kommt daher in Guantanamo ein Sessel zum Einsatz, auf dem die Gefangenen mit Armen und Beinen festgeschnallt werden, während ihnen Nahrung zwangsweise zugeführt wird. Unfähig, sich gegen die Prozedur zu wehren, müssen die Hungerstreikenden dann anschließend so lange sitzen bleiben, bis die ihnen zugeführte Nahrung verdaut ist. So will man sie daran hindern, sich zu erbrechen. Seit diese Methode der Zwangsernährung eingeführt wurde, haben nach Angaben des US-Militärs alle Streikenden wieder ihr Idealgewicht erreicht, nachdem viele kurzzeitig sehr stark abgemagert waren.

Auch der 32-jährige Jalabi soll nach Angaben seiner Anwältin Julia Tarver Mason zufolge derzeit gesünder erscheinen als noch 2005, als er „dünn und ausgemergelt“ gewesen sei. Jedoch sehe er sehr alt aus. Wenn ich ihn woanders sehen würde, würde ich ihn für über 50 halten“, sagt Mason.

Experten zufolge hat eine richtig ausgeführte Zwangsernährung zwar keine negativen Auswirkungen auf die Versorgung der Gefangenen mit Nährstoffen. Jedoch seien physische und psychische Schädigungen nicht auszuschließen. Die zwangsernährten Häftlinge klagen beispielsweise über Verletzungen, die ihnen durch das wiederholte Einführen und Entfernen der Schläuche zugefügt wurden. Nach Militärangaben sollen Gleitmittel und lokale Betäubungen diesen Schmerz mindern.

Die US-Regierung betont, die Zwangsernährung von festgeschnallten Häftlingen sei nicht deswegen eingeführt worden, um ihren Willen zu brechen und sie dazu zu bringen, ihren Hungerstreik zu beenden. Dennoch war die Zahl derer, die ihre Nahrung verweigerten, kurzzeitig auf zwei zurückgegangen – Jalabi und Ahmed. In letzter Zeit hat jedoch die Zahl der Hungerstreikenden wieder zugenommen – nach Angaben von Anwälten offenbar aus Protest gegen „Camp 6“, den neuesten Teil des Gefangenenlagers. Dort verbringen die Insassen den größten Teil des Tages alleine in fensterlosen Zellen.

Die Streitkräfte zeigen sich indes unbeeindruckt von den Hungerstreiks. „Ich sehe nicht, was sie dadurch erreicht haben“, sagt der neue Kommandant des Lagers, Admiral Mark Buzby. „Sie sind lebend und gesund, und wir werden dafür sorgen, dass sie es bleiben, solange sie hier sind.“

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