Mit neuem System zu spielerischem Glanz

Mit einem neuen System hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Donnerstagabend bei der EURO 2008 überzeugt. Flick als Coach

Die Truppe von Joachim Löw setzte beim 3:2-Viertelfinalsieg gegen Portugal auf eine 4-2-3-1-Formation und begeisterte damit sowohl Fans als auch Kritiker. “Das System wurde klasse umgesetzt. Die Mannschaft hat strukturiert und konzentriert gespielt und die Raumdeckung war hervorragend. Wir haben viele Stärken der Portugiesen aus dem Spiel genommen”, resümierte der DFB-Coach, der das Spiel aufgrund seiner Sperre von der Tribüne verfolgen hatte müssen.

Schon nach dem schwachen Österreich-Spiel hatte sich Löw, der auf der Bank von Hansi Flick vertreten wurde, gemeinsam mit seinem Trainerteam darauf festgelegt “kleinere Korrekturen” vorzunehmen. Um die Portugiesen in den Griff zu bekommen wurde das Zentrum mit der neuen “Doppel-Sechs” Thomas Hitzlsperger und Simon Rolfes verstärkt, dazu spielte Kapitän Michael Ballack (“Er hat läuferisch enorm viel Potenzial”) diesmal etwas vorgezogen im Mittelfeld. “Wir haben die Portugiesen genau analysiert und wussten, dass wir im Zentrum und auf den Außenpositionen gut besetzt sein müssen”, sagte Löw, der deshalb einen zweiten Stürmer zugunsten eines fünften Mittelfeldspielers geopfert hatte.

Die neuen, fitten Spieler machten ihre Sache dabei sehr gut, sowohl Torschütze Bastian Schweinsteiger, als auch Rolfes und Hitzlsperger wurden von Löw lobend erwähnt. “Es war ein spannendes, tolles Spiel. Wille und Leidenschaft waren auf beiden Seiten da, und das Spiel war auf einem sehr hohen spielerischen Niveau”, fasste der 48-Jährige zusammen. Seine Elf habe mental und psychisch gezeigt, dass sie auf das Spiel fokussiert war und von Beginn an gezeigt, dass sie es gewinnen wollte. “Außerdem haben wir gezeigt, dass wir fußballerisch auf einem sehr hohen Niveau spielen können”.

Löw selbst hatte die Partie in einem Raum auf der Tribüne mitverfolgt, da er ja nach seiner Verbannung auf die Zuschauerränge im Österreich-Spiel von der UEFA für ein Match gesperrt worden war. “Es war völlig ungewohnt, das Spiel aus dieser Distanz zu erleben”, wies der Ex-Austria-Coach hin. Er sei deutlich mehr angespannt gewesen, als sonst auf der Bank. “Es waren dramatische 90 Minuten. Nach dem 2:3 kurz vor dem Spielende habe ich mir schon Gedanken darüber gemacht, dass sich das Blatt vielleicht noch wenden kann”, verriet Löw.

Der 48-Jährige hatte sich in besonders spannenden Momenten zur Beruhigung eine Zigarette angezündet. Nach dem Spiel war die Erleichterung und Freude verständlicherweise groß. Und die Konzentration gilt bereits der nächsten Aufgabe. “Wir haben gezeigt, dass wir bei diesem Turnier eine Rolle spielen”, betonte Löw. Ziel sei es natürlich jetzt auch ins Finale einzuziehen. “Es gilt sich nicht zu lange über das Portugal-Spiel zu freuen”, merkte Löw an. Wie schon vor dem Österreich- sowie dem Portugal-Spiel versprach Löw auch diesmal auf der Pressekonferenz, dass seine Mannschaft eine Runde weiterkommen wird.

Mit welchem System der Aufstieg am Mittwoch in Basel gegen die Türkei oder Kroatien gelingen soll, steht noch nicht fest. Die Portugal-Variante sei nämlich keinesfalls jetzt ein neues “Allheilmittel”. “Es ist wichtig, dass man auch anders spielen kann, man flexibel ist, damit sich die Gegner nicht so leicht auf einen einstellen können”, sagte Löw. Basissystem sei nach wie vor das davor stets praktizierte 4-4-2. “Wir haben in Deutschland gute Stürmer, zwei Angreifer bringen mehr Wucht nach vorne”, strich Löw die Vorzüge des “alten” Systems hervor.

Die Spieler, die laut Lukas Podolski “auch ein bisschen für ihren Trainer gespielt hatten”, sahen jedenfalls auch im Systemwechsel den Schlüssel zum Erfolg. “Wir waren vielleicht zu statisch im alten System, da hat eine kleine Veränderung einmal richtig gutgetan”, meinte Ballack. Man habe gezeigt, dass man auch anders spielen könne. “Und man hat gesehen, was in der Mannschaft steckt, wenn sie befreit aufspielen kann”, fügte der 31-Jährige hinzu.

Ballack war nachdem er diesmal etwas weniger Defensivaufgaben erledigen musste, weitaus besser zur Geltung gekommen. “Es war ein weiterer wichtiger Schritt. Die Mannschaft hat jetzt gesehen, dass wir das Zeug dazu haben, gegen sehr gute Mannschaften zu bestehen”, sagte Ballack. Der Chelsea-Regisseur ist überzeugt, dass seine Elf durch den Sieg Rückenwind bekommt, gleichzeitig warnte er aber auch vor allzu großer Euphorie.

“Wir waren weg von der Favoritenrolle, jetzt haben wir aber gegen einen sehr guten Gegner einen Sieg gefeiert und sind daher wieder in einer anderen Position”, so der Routinier. Aber auch damit müsse die Mannschaft umgehen können. “Ich denke, wenn du im Halbfinale stehst, gibt es nur schwere Gegner. Wir brauchen uns nicht verstecken, aber auch nicht denken, dass es ein Selbstläufer wird”, so Ballack.

Lob bekam die deutsche Elf für ihre Darbietung jedenfalls auch von “Kaiser” Franz Beckenbauer, der erklärte: “Ich habe schon lange die deutsche Mannschaft nicht mehr so konstruktiv gesehen. Wenn sie das durchhalten, ist das Endspiel sicher drin, und im Endspiel ist sowieso alles drin.”

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