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#MeToo: Beschwerden wegen sexueller Belästigung in Österreich angestiegen

Laut Gleichbehandlungsanwaltschaft ist die Zahl der Beschwerden in Österreich seit der #MeToo-Debatte angestiegen.
Laut Gleichbehandlungsanwaltschaft ist die Zahl der Beschwerden in Österreich seit der #MeToo-Debatte angestiegen. ©APA/AFP/MARK RALSTON
Die #MeToo-Debatte hat im letzten Jahr einige Veränderungen in Österreich gebracht. Beispielsweise wurden mehr Fälle sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gemeldet, außerdem werden Beratungsangebote stärker in Anspruch genommen.

Seit Beginn der internationalen #MeToo-Debatte hat sich auch bei österreichischen Beratungsstellen einiges geändert: So gab es verstärkt Beschwerden an die Gleichbehandlungsanwaltschaft. “Wir haben im vergangenen Jahr auf jeden Fall Veränderungen bemerkt”, sagte Gleichbehandlungsanwältin Sabine Wagner-Steinrigl, “und diese halten auch an.”

Ein Jahr #MeToo: Zahl der Beschwerden in Österreich angestiegen

“Im ersten Halbjahr 2017 wurden der Gleichbehandlungsanwaltschaft 104 Fälle sexueller Belästigung in der Arbeitswelt gemeldet. Im ersten Halbjahr 2018 waren es 172, wobei die Daten für 2018 noch nicht endgültig sind”, erklärte Wagner-Steinrigl im Gespräch mit der APA. Auch bei den von ihr angebotenen Veranstaltungen verzeichnete die Gleichbehandlungsanwaltschaft eine deutlich stärkere Nachfrage. “Das betrifft vor allem Schulungen und Workshops. Im ersten Halbjahr 2017 hatten wir drei zu sexueller Belästigung, im ersten Halbjahr 2018 waren es 22 Veranstaltungen.” Die Firmen schicken etwa Führungskräfte, um sie zu schulen, wie sexueller Diskriminierung vorgebeugt werden kann.

Häufiger komme es mittlerweile vor, dass mehrere Personen aus einem Unternehmen gemeinsam eine Beschwerde vorbringen. “Dabei geht es dann mehr um die vorhandenen Strukturen innerhalb der Firma als bei Einzelpersonen”, sagte Wagner-Steinrigl. Als eine neue Gruppe seien die Zivildiener hinzugekommen, von denen es zuvor kaum Meldungen gegeben habe. “Mit dem Bereich Kunst und Kultur gibt es jetzt sogar eine ganz neue Branche, wo Beschwerden gemeldet werden. Da ist offenbar etwas aufgebrochen, denn früher gab es da praktisch nichts”, schilderte die Anwältin.

Stärkere Wahrnehmung der Beratungsangebote

Außerdem würden Unternehmen nun vermehrt eigene Stellen zum Umgang mit sexueller Belästigung einrichten und möchten diesbezügliche Beratung, sagte Wagner-Steinrigl. Dazu gehöre etwa die Akademie des Österreichischen Films. “Wir bieten hier beispielsweise Workshops zu rechtlichen Grundlagen an.”

Im Parlament nahm im September eine Anlaufstelle für Frauen und Männer bei sexueller Belästigung und Machtmissbrauch ihre Arbeit auf, die Betroffenen “mit Rat und Hilfe zur Seite stehen” und gegebenenfalls an andere Stellen wie etwa die Gleichbehandlungsanwaltschaft verweisen soll. Die Clearingstelle will auch Bewusstsein schaffen und Aufklärung zu den Themen betreiben, hieß es vonseiten des Parlaments. Ihre bis September provisorische Leiterin wurde gleichzeitig durch zwei andere Psychotherapeuten ersetzt. Diese war zuvor kritisiert worden, weil sie bei einer TV-Diskussion gemeint hatte, Frauen sollten sich bei sexueller Belästigung “elegant” wehren.

“Mit Reden findet Sensibilisierungsarbeit statt”

Bei der Arbeiterkammer (AK) habe es im vergangenen Jahr keine steigende Zahl an Beratungen oder Anfragen zu Sexismus am Arbeitsplatz gegeben, teilte Sprecherin Miriam Koch auf Anfrage mit. Es gebe allerdings noch keine konkreten Zahlen, hielt sie fest. Sehr wohl sei aber auffällig, dass “mehr darüber gesprochen wird”, meinte Bianca Schrittwieser vom Bereich Frauen und Familie in der AK.

“Das ist extrem wichtig, denn mit dem Reden darüber findet eine Sensibilisierungsarbeit statt. Die Thematisierung am Arbeitsplatz stärkt die Menschen durch Vernetzung und Austausch. Die Unternehmen müssen Signale setzen, dass das nicht geht und für ein respektvolles Arbeitsumfeld sorgen.” Die Debatte müsse außerdem genutzt werden, um damit weiterzuarbeiten.

Einige prominente Fälle in Österreich

Auch in Österreich hat sich die #MeToo-Debatte medial präsent in den Bereichen Politik, Kultur und Sport gezeigt. Mehrere Fälle wurden hierzulande seit den Berichten über sexuelle Übergriffe des US-Filmproduzenten Harvey Weinstein im Oktober 2017 öffentlich gemacht und hielten die Diskussionen über Sexismus und Machtmissbrauch am Laufen.

November 2017: Die ehemalige Skirennläuferin Nicola Werdenigg geht mit Missbrauchsvorwürfen an die Öffentlichkeit. Die Olympia-Abfahrtsvierte von 1976 berichtet von weitverbreiteter “sexualisierter Gewalt” im österreichischen Skisport der Siebzigerjahre. Als Täter erwähnte sie “Trainer, Betreuer, Kollegen und Serviceleute”. Sie selbst sei als 16-Jährige von einem Teamkollegen vergewaltigt worden. Der Zeitpunkt, über den Missbrauch zu reden, sei ihr nun wegen der #MeToo-Kampagne in den sozialen Medien günstig erschienen. Mit dem von ihr gegründeten Verein #WeTogether will Werdenigg eine Anlaufstelle für Betroffene sein, und auch Impulse im Bereich der Vorbeugung und Forschung setzen. Ihr Buch zur Thematik erscheint im März 2018.

November 2017: Der langjährige Parlamentarier Peter Pilz zieht bereits kurz nach der Nationalratswahl im Herbst Konsequenzen aus Vorwürfen der sexuellen Belästigung gegen ihn und nimmt sein Nationalratsmandat nicht an. Nach Medienberichten hat sich eine ehemalige Assistentin von Pilz Ende 2015/Anfang 2016 mit protokollierten verbalen und körperlichen Belästigungen an die Gleichbehandlungsanwaltschaft gewandt. Körperliche Übergriffe streitet Pilz vehement ab. Dann werden Anschuldigungen publik, wonach Pilz 2013 beim Forum Alpbach eine Mitarbeiterin der Europäischen Volkspartei in betrunkenem Zustand vor Zeugen begrapscht haben soll. Pilz gibt zunächst an, sich nicht daran erinnern zu können und bestreitet die Vorwürfe dann. Nach mehreren Personaländerungen innerhalb seiner “Liste” ist Pilz nun aber wieder in den Nationalrat zurückgekehrt.

Mai 2018: Die ehemalige Grünen-Abgeordnete Sigrid Maurer macht obszöne Nachrichten an sie öffentlich und beschuldigt darin einen Wiener Biergeschäft-Besitzer als Verfasser. Im September muss Maurer sich vor Gericht wegen übler Nachrede und Kreditschädigung verantworten, sie wird von dem Mann auf insgesamt 60.000 Euro geklagt. Sie habe keine andere Möglichkeit gesehen, sich zu wehren, erklärt Maurer. Auf die Frage des Richters, ob sie ihr Handeln bereue, meint die erklärte Feministin: “Nein, wir leben im Jahr 2018.” Der Prozess wird auf 9. Oktober vertagt.

September 2018: Die ÖVP trennt sich von ihrem Nationalratsabgeordneten Efgani Dönmez. Der frühere grüne Politiker, der vor der vergangenen Nationalratswahl bei den Türkisen von Sebastian Kurz angeheuert hatte, wurde wegen eines sexistischen Tweets gegen die deutsche SPD-Politikerin Sawsan Chebli aus dem Parlamentsklub geworfen. Parteiobmann Kurz und Klubchef August Wöginger erklären, dass “sexistische, beleidigende Entgleisungen nicht akzeptabel sind”. Dafür gebe es in der neuen ÖVP keinen Platz.

(APA/Red)

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