Matinée zum 80er für Adam Zielinski: "Erst leben!"

Anton Zielinski in Wien
Anton Zielinski in Wien ©APA
Der Autor Adam Zielinski erhielt den Manes-Sperber-Würdigungspreis pünktlich zum 80. Geburtstag. Sein Rat für gute Literatur: "Erst leben, dann erzählen". Der gebürtige Pole bekannte sich zur europäischen Idee.

Trotz der großen Schar an Gratulanten im heillos überfüllten Barocksaal des Alten Rathauses erlebte der Autor Adam Zielinski heute, Sonntag, Vormittag, in Wien eine intime, herzliche Festmatinee anlässlich der Verleihung des “Manès-Sperber-Würdigungspreises für Leben und Werk”. Morgen, Montag, feiert er seinen 80. Geburtstag, im Vorfeld ließen ihn Freunde und Weggefährten wie Jirí Grusa, Präsident des internationalen P.E.N.-Clubs, der Verleger Lojze Wieser oder der ehemalige österreichische Vizekanzler Erhard Busek bei Vodka, Fingerfood und zahlreichen emotionalen Ansprachen hochleben.

“Wenn man einen Sohn hat, der 60 ist, kann man nicht mehr sehr jung sein”, eröffnete Sohn Christoph Zielinski die Würdigung an seine Eltern, die heuer beide ihren 80. Geburtstag feiern. “Wann ist man erwachsen? Bei meinen Eltern glaube ich, das auch noch mit 80 bezweifeln zu können.” Adam Zielinski sei ein “Mensch, der in einer Vielzahl von Welten gelebt hat und leben könnte. Allein das Überleben in all diesen politischen Welten ist eine Künstlerschaft an sich”, so der Sohn, Chef der Onkologie an der MedUni Wien, sichtlich bewegt.

Mit einer literarischen Hommage würdigte Jirí Grusa seinen Kollegen: “Man sucht sich nicht die Zeiten aus, in der man zu leben hat. Schon die Chinesen, mit denen Du ja sehr verbunden bist, pflegten zu sagen: ‘Ich wünsche Dir, Freund, nicht in interessanten Zeiten zu leben'”, so Grusa. “Wenn einen die interessanten Zeiten erwischen, muss man reagieren. Und Interesse bedeutet ja im Wortsinn: Mittendrin zu existieren.” Zielinski habe die letzten Sonnenstrahlen Mitteleuropas miterlebt, als “die Leute noch glaubten, dass die selben Rechte für jeden gelten sollten.”

Darauf folgte die Zeit, in welcher der Mutterleib entscheidend über den Wert eines Menschen war. Grusa weiter: “Nicht die Menschen, sondern die Übermenschen sollten herrschen. Blut bedeutete alles. Die Welt hat geblutet. Man machte aus Perspektiven schwarze Löcher.” Besonders Polen, Zielinskis Heimat, sei nach dem Krieg ein Beispiel für “das nur halb Gewonnene” gewesen. Zielinski habe alle Herausforderungen individuell beantwortet, “obwohl auch die Kommunisten Individualität gehasst haben.” Aber: “Du warst rechtzeitig fähig, dieses Wien zu finden. Das einst die mitteleuropäische Chance verspielt hat und nun wieder verkörpert”. Und nach einer langen, erfolgreichen Karriere kam erst spät das Schreiben hinzu: “Du wusstest: Zuerst wird gelebt, dann erzählt.”

Erhard Busek wollte “grundsätzlich, aber auch emotional zu Adam und Sophie Stellung nehmen”. Er würdigte Zielinskis “Eigenschaft, zum richtigen Zeitpunkt unangenehme Fragen zu stellen.” Auch beherrsche er die Gabe, neben Geschichte und Geschichten auch “Geschichterln” zu erzählen. Zielinski ließ in seiner Dankesrede seinen Blick zurückschweifen und fragte sich, wie “der einstige Knabe aus einem Schtetl in Osteuropa in so einen würdigen Saal” gekommen ist und erinnerte an seinen Vater, der von den Nazis ermordet worden war und ihm auf den Weg mitgegeben hatte, über “alles zu berichten, was ich sehe. Und wie leicht die Menschen Wölfe werden können.”

“Ich danke, dass das Schicksal mir gestattet hat, in Freiheit zu leben. Wir alle wissen viel von der Freiheit, aber nicht, was es bedeutet, ohne diese Freiheit zu leben. Wir müssen die Freiheit schützen, egal, wie viel wir dafür opfern müssen.” Im Gespräch mit dem Ö1-Journalisten Michael Kerbler sprach Zielinski auch die derzeitige Situation in Österreich an: “Ich würde meinen Freunden, die neu ins Land kommen, derzeit abraten, sich in Wien zu bewegen. Jeder Siebente in dieser Stadt wählt rechtsradikal. Es ist heute sehr schwierig, hier einzuwandern.”

Auch mit der derzeitigen Europäischen Union sei er noch unglücklich. Zwar sage er immer: “Ich bin gebürtiger Pole, lebe in Österreich, fühle mich aber als Europäer”, der Nationalismus in der EU sei jedoch ein Hindernis. “Europa ist noch immer nicht, was ich geträumt habe. Es geht nicht nur um dieselbe Währung und den Pass, sondern ich will mich überall als Europäer fühlen können. Wir müssen eine neue Kultur schaffen. Eine der Freundlichkeit, Toleranz und des Verständnisses. Wir müssen gegen Nationalismus antreten, damit nicht wieder eine Katastrophe wie damals passiert.”

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