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Martin Kusey: Burgtheater als "ideelle Basis" für Veränderung

Martin Kosej im Interview mit der APA.
Martin Kosej im Interview mit der APA. ©APA/Roland Schlager
Der neue Burgtheaterdirektor Martin Kusey wollte beim APA-Interview noch keine Namen oder Stücktitel vor seiner ersten Spielplanvorstellung bekannt geben.

Im APA-Interview skizziert er aber die großen Linien seiner Intendanz: Neue Regiehandschriften und Ensemblemitglieder, mehr Sprachenvielfalt und mehr Risiko, das Burgtheater als “eine große ideelle Basis, für die, die verändern wollen”.

APA: Herr Kusej, Ihr Vorvorgänger Matthias Hartmann hat bei seinem Antritt gemeint: “Sie wollten das Beste, und Sie kriegen es auch”…

Martin Kusej (unterbricht): Können wir diese Zeit einfach ausblenden und darüber nicht weiter reden, bitte?

APA: Das können wir, wenn Sie möchten – denn die Frage, die ich damit verbinden wollte, lautet: Was kriegen die Wiener mit Ihnen?

Kusej: Das werde ich bei meiner Pressekonferenz Anfang Juni im Detail erzählen. Es kann aber nicht wirklich völlig überraschend sein. Erstens kennt man meine Arbeit in Wien, zweitens kann man sehen, was ich in München gemacht habe. Das Residenztheater ist auch ein ziemlich großes Theater, das ich acht Jahre geleitet habe. Ich glaube, das ist recht erfolgreich und gut gelungen. Jetzt geht es vielleicht noch einen kleinen Schritt, eine halbe Treppe höher. Das ist für mich eine große Herausforderung und eine große Ehre. Und eine Chance, auch für mich selbst noch einmal einen Schritt weiterzugehen. Ich möchte Dinge ausprobieren, von denen ich glaube, dass man sie jetzt tun muss, neue Richtungen und Ästhetiken suchen, den üblichen Mainstream verlassen und mich noch einmal einem gewissen Risiko aussetzen. Mein Münchner Programm nahtlos nach Wien zu übertragen, kann ich mir nicht vorstellen. So habe ich mich bemüht, neue Regisseurinnen und Regisseure zu engagieren, deren Arbeiten mir neu waren, und die man vor allem auch in Wien noch nicht kennt. Insofern ist das eine ziemlich aufregende und durchaus riskante Perspektive für mich.

APA: Was wird anders am Burgtheater?

Kusej: Vor allem werden es eben diese neue Regiehandschriften sein. Sie kommen aus ganz Europa. Davon kann man gerne ableiten, dass mich der europäische Gedanke vor allem im theatralischen, künstlerischen Zusammenhang interessiert. Ich erlebe, dass sich Wien zu einer unglaublich lebendigen und spannenden Metropole entwickelt hat – das muss sich im Theater widerspiegeln. Es ist eine vielsprachige und vielkulturelle Stadt, was mir unglaublich gut gefällt. Also durchaus eine Herausforderung für ein adäquates, zeitgemäßes Programm. Ich selbst spreche einige Sprachen – aber in Wien passiert es mir mittlerweile oft, dass ich Worte und Sätze, die ich höre, nicht mehr einordnen kann. Wien ist definitiv mehr als nur Deutsch oder Österreichisch.

APA: Soll diese Vielsprachigkeit künftig nicht nur vor dem Burgtheater oder im Zuschauerraum, sondern auch auf der Bühne zu hören sein?

Kusej: Das kann ich mir durchaus vorstellen. Das Burgtheater ist eines der größten und wichtigsten Theater, vor allem was die Sprache und die Qualität der Schauspieler betrifft. Alles, was dort passiert, kann nur in absoluter Top-Qualität stattfinden. Ich habe bei meinen Inszenierungen, die ja in ganz Europa stattgefunden haben, immer wieder Schauspielerinnen und Schauspieler kennengelernt, die so gut und so faszinierend waren, dass sie einen Platz auf den Bühnen des Burgtheaters einnehmen könnten. Und es würde mich nicht stören, wenn ihr Deutsch einen Akzent hätte. Oder dass sie gar ganz in einer anderen Sprache spielten. Stellen Sie sich etwa vor, dass John Malkovich den Hofreiter in Schnitzlers “Weitem Land” auf Englisch spielt – ich bin sicher, dass die Bude voll wäre und alle würden es verstehen.

APA: Sie sind nicht der Einzige, der das Risiko sucht. Ihr Kollege Milo Rau etwa hat für sein Theater in Gent zehn Thesen aufgestellt, in denen radikale Forderungen erhoben werden: Neben Vielsprachigkeit betrifft das etwa Öffnung der Proben, Einbeziehung von Laien, Arbeit in Krisen- und Kriegsgebieten. Lässt sich diese Radikalität auch in einem Theater von der Größe und Bedeutung des Burgtheaters umsetzen?

Kusej: Grundsätzlich lässt sich das sehr wohl umsetzen, man muss halt das Burgtheater als Überbegriff für das gesamte Konglomerat aus vier Bühnen, die wir haben, betrachten. Es gibt eine wichtige und momentan etwas unterbelichtete Spielstätte, die sich “Kasino” nennt. Eine Art “Filetstück” am Ring, das im finanziellen Tauziehen in der Konsolidierungsphase heiß umkämpft war. Karin Bergmann hat es wenigstens geschafft, diese Bühne im Verbund zu behalten, und ich glaube, dass sie sehr viel Potenzial hat – gerade für sehr weitgehende, offene Formen und auch avantgardistische Konzepte. Momentan ist das Kasino vom Budget und von der Manpower her unterdotiert – das möchten wir verbessern und verändern. Dann könnte das ein aufregender, polarisierender Ort sein, der hoffentlich auch so angenommen wird. Dagegen wird man am großen Tanker Burgtheater Veränderungen oder diverse “Kurswechsel” sehr viel langsamer bemerken können. Mein innerer Zeitplan für das Burgtheater ist sowieso ein langfristiger – nicht dass ich jetzt jahrzehntelang hierbleiben möchte, aber die Weichenstellung für die mittelfristige und längere Zukunft möchte ich schon demnächst einleiten.

APA: Wie war denn das Tauziehen um Ihr Budget – ein ziemlicher Kampf, oder haben Sie von Ihren Träumen etwas umsetzen können?

Kusej: Nein, von Träumen kann hier keine Rede sein. Ich habe ein Budget vorgelegt bekommen, das sich im Fluss befindet und für das in diversen Aufsichtsratssitzungen Limits und Linien festgesetzt werden. Für mich ist das Gesellschaftsrecht insgesamt Neuland, denn in München gab es eine andere Organisationsform für mein Theater. Ich finde es in Wien überraschend knackig. Entgegen landläufiger Meinungen kann man wirklich nicht sagen, dass hier irgendein Geld locker sitzt, ganz im Gegenteil. Es wird genau kontrolliert und hinterfragt, und das ist gut so. Hochprofessionelles, betriebswirtschaftlich abwägendes Denken und Agieren! Zum Träumen komm ich da vorerst überhaupt nicht.

APA: Für das Kinder- und Jugendtheater hatten Sie einen besonderen Schwerpunkt angekündigt. Es wurden dafür sogar Fühler nach einer neuen Spielstätte ausgestreckt.

Kusej: Da wurde mit der “Offenen Burg” schon sehr gute Arbeit geleistet, daran kann man durchaus anknüpfen. Dazu haben wir in München in diesem Bereich Hervorragendes geleistet. Anja Sczilinski, die aktuell das Junge Residenztheater leitet, wird den Bereich in Wien übernehmen. Hier gibt es noch viel Potenzial, denn die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bedeutet Arbeit an unserem zukünftigen Publikum.

APA: Aufsehen erregt haben Ihre Kündigungen im Burgtheater-Ensemble. Sie haben davon gesprochen, von 65 Ensemblemitgliedern 20 auszutauschen. Wer kommt mit Ihnen nach Wien?

Kusej: Es sind 19 Nicht-Verlängerungen, die ich ausgesprochen habe – ein moderater Schnitt, wie ich denke. Vor neun Jahren war ich da in München radikaler; auch mein jetziger Nachfolger in München handhabt das so. Im Prinzip ein normaler Vorgang, der für die Betroffenen sicher nicht einfach ist. Aber eine gewisse, auch in Wien gewollte Veränderung bringt das eben mit sich. Vom Residenztheater werde ich zehn, elf Schauspieler nach Wien mitbringen, der Rest wird aus anderen Ensembles kommen. Die Theaterlandschaft ist insgesamt gerade sehr in Bewegung. Ein paar Spielerinnen und Spieler kommen – wie gesagt – gar nicht aus dem deutschen Sprachraum – aus Island, aus Italien oder Israel… Was gibt’s noch an Ländern mit I? (lacht)

APA: Der häufigen Kritik, dass sich die Vielfalt der heutigen Gesellschaft nicht mehr am Theater abbildet, werden Sie also nicht nur inhaltlich, sondern auch personell begegnen?

Kusej: Ja, das ist aber nicht so einfach. Ich kann für gewisse Quoten nicht die Qualität sausen lassen. Deshalb ist der Suchprozess sehr kompliziert.

APA: Auf welche Autorinnen und Autoren werden Sie besonders setzen? Gibt es Hausautoren oder bereits vergebene Stückaufträge?

Kusej: Da möchte ich noch nicht zu viel verraten, weil die Dinge noch in einem gewissen Entwicklungsprozess sind. Vor allem im Kasino wollen wir uns der jungen Dramatik zuwenden. Man kann sich aber sicher auf die eine oder andere unerwartete Neuentdeckung freuen.

APA: Sie starten Ihre Intendanz mit “Nathan der Weise” in der Inszenierung von Ulrich Rasche?

Kusej: Ich bestätige gerne, dass es dieses Gerücht gibt.

APA: Was werden Sie in der ersten Saison inszenieren? In Ihrer Münchner Abschiedsinszenierung von “Der nackte Wahnsinn”, die Sie nach Wien mitnehmen, hat der Regisseur “Martin K.” gerade seine Vorproben in Wien. Dort inszeniert er “Richard III.” und “Hamlet”…

Kusej: Diese Inszenierungen liegen lange in der Vergangenheit. Damals schon habe ich beschlossen, Shakespeare nicht mehr zu inszenieren – höchstens als Abschiedsinszenierung den “Lear” in 20 Jahren oder so. Was mein erstes Stück in Wien wird? Lassen Sie sich überraschen.

APA: In “Der nackte Wahnsinn” haben Sie auch einiges an aktuellen gesellschaftlichen Debatten eingearbeitet, die auch den Theaterbetrieb beschäftigt haben: sexuelle Belästigung, angstfreies, wertschätzendes Arbeiten, Geschlechterparität… Wie wichtig sind Ihnen diese Themen?

Kusej: Solange ich arbeite und denke – nicht nur als Künstler, sondern auch als Mensch und Chef -, sind das für mich Grundregeln. Ich finde die Debatte so lange berechtigt, wie es offensichtlich immer noch konkrete Vorkommnisse und Gepflogenheiten gibt – wie man etwa jetzt in Wien mit dieser Ballettgeschichte an der Oper sieht. Ich würde den Tag fürchten, an dem irgendetwas in meinem Theater aufpoppt, von dem ich nicht wusste, dass es existiert. In meiner bisherigen Leitungsarbeit habe ich, wenn sich Dinge wie sexuelle Belästigung ereignet haben, sehr rasch und sehr konsequent darauf reagiert.

APA: Unter Claus Peymann war das Burgtheater Stadtgespräch – unter anderem, weil er sich immer politisch positioniert hat, und das nicht nur auf der Bühne. Wie wird das unter Ihrer Leitung sein?

Kusej: Ich glaube, dass diese Zeit in Wien zu sehr verherrlicht wird. Das ist lange her und war berechtigt. Peymann hat dafür seinen Platz in der Geschichte, aber die politische Situation ist heute etwas anders und komplexer. Alleine Positionen wie recht und links könnte ich so nicht mehr definieren wie seinerzeit. Aber es gibt einen ganz simplen Codex, an dem man sich orientieren kann: Demokratie, Menschenrechte, Humanismus, Empathie, Caritas. Dort steht auch ganz groß: “1,50 Euro Stundenlohn ist unmenschlich.” Da gibt es keine Diskussion. Ich wundere mich, dass in Österreich überhaupt jemand so einem Schwachsinn zuhört. Und dass das offensichtlich Wählerstimmen bringt. Es sind in Österreich in dieser Richtung so viele Dinge vorgefallen, dass man schier verzweifeln könnte. Dazu sage ich selbstverständlich meine Meinung – aber nicht als Burgtheaterdirektor, sondern als Bürger dieses Landes, der halt eine öffentliche Funktion hat. Die werde ich wahrnehmen.

APA: Sie sehen das Burgtheater künftig auch als Agora, als eine Plattform für Auseinandersetzung?

Kusej: Natürlich. Ich wünsche mir sehr, dass zum Beispiel jeder künstlerisch tätige Mensch in diesem Land die Gewissheit hat, am Burgtheater andocken zu können. Ob mit seiner Arbeit oder mit seinen Fragen. Vielleicht auch als eine Art Heimat oder Zufluchtsort. Es soll eine große ideelle Basis sein, für die, die verändern wollen oder auch die, die Orientierung suchen.

APA: Wechseln wir von der Politik zu den Politikern: Wie ist Ihre Gesprächsbasis mit Kulturminister Gernot Blümel?

Kusej: Die ist ausgezeichnet. Aus Bayern, wo ja die CSU regiert, bin ich gewohnt, mit dem zuständigen Minister ein gutes Einvernehmen zu haben. Im übrigen bin ich selbstverständlich Demokrat und akzeptiere die Verhältnisse, wie sie sich durch freie Wahlen ergeben haben. Dennoch sehe ich mich als jemand, der seine Kritik abgeben wird – freie Meinungsäußerung und Diskurs definieren ja Demokratien und liberale Gesellschaften. So weit ich weiß, leben wir immer noch in einer solchen!

APA: Kulturpolitiker können vor allem bei zwei Dingen mitreden: bei Personalentscheidungen und beim Budget. Da werden Sie schon bald wieder am Verhandlungstisch sitzen. Laut Bundestheater-Holding-Chef ist der Spielbetrieb nur noch bis einschließlich 2020/21 gesichert.

Kusej: Ich muss zugeben, dass das ein unseliges Modell ist. Die Basisabgeltung sollte die Indexanpassung inkludieren. Das ist hier offensichtlich immer ein Grund für einen Verhandlungsmarathon. Für mich ist das ungewohnt, denn in Bayern wird mit der Subvention die jährliche Tariferhöhung mitgenommen. Es war seinerzeit ein fataler Fehler, das nicht mitzuberücksichtigen – ob bewusst oder nicht. Der Ausgleich für diese Tariferhöhungen ist für uns lebenswichtig. Das Burgtheater hat ja in den vergangenen fünf Jahren gigantische Schulden ausgeglichen. Jetzt ist Ende, denn es gibt kein Tafelsilber mehr zu verkaufen.

APA: Unter Martin Kusej wird also nicht eingespart, sondern ausgeben werden?

Kusej: Einsparen geht definitiv nicht mehr. Das wäre Lähmung. Da hat keiner was davon. Aber ich bin auch ein vernünftiger Direktor, der zusammen mit seinem kaufmännischen Geschäftsführer das Beste aus dem machen wird, was wir zur Verfügung haben.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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