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Lochner: In Wien muss auch Platz für die Schwächsten sein

Das Betätigungsfeld des Wiener Drogenkoordinator Lochner ist groß.
Das Betätigungsfeld des Wiener Drogenkoordinator Lochner ist groß. ©APA/DANIELA KLEMENCIC
Ewald Lochner ist Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen. Sein Betätigungsfeld reicht von Alkohlverbotszonen zu illegale Drogen und umfasst auch die ganze Psychatrie.

Ein weites Betätigungsfeld hat der Wiener Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen, Ewald Lochner. Das reicht von den Alkoholverbotszonen zu illegale Drogen und umfasst die gesamte Psychiatrie. "Mir geht es um eine Versachlichung von Diskussionen und eine integrierte Versorgung von Kranken", sagte er jetzt am Rande der Gesundheitsgespräche in Alpbach gegenüber der APA.

Wien: Verkehrsknotenpunkte werden immer wieder diskutiert

Verkehrsknotenpunkte standen in Wien in den vergangene Jahren immer wieder im Brennpunkt von Diskussionen über dort oft verweilende Obdachlose, Verwahrloste bzw. Alkoholkranke. Das führte am Praterstern zur Etablierung einer Alkoholverbotszone. "Wir sehen jetzt eine wesentlich geringere Aufenthaltszeit solcher Personen dort", sagte Lochner. Angebote durch die Sozialarbeit und für medizinische Versorgung hätten dazu genauso beigetragen wie eine hohe Präsenz der Exekutive.

Der Praterstern in der Wiener Leopoldstadt ist aber nur ein Ort. "Wir haben in Wien zwischen 30 und 40 solcher Verkehrsknotenpunkte identifiziert. Sie sind sehr unterschiedlich. Am Stephansplatz sieht man fast ausschließlich nur zwei Gruppen - Menschen, die zur Arbeit fahren oder Touristen. Am Franz-Jonas-Platz verbringen Männer aus der Floridsdorfer Umgebung viele Stunden, auch mit Alkohol", sagte Lochner. Die Szenerien seien jeweils sehr unterschiedlich.

Lochner will Versachlichung der Diskussionen

Der Wiener Psychiatriekoordinator - schließlich sind auch alle Suchterkrankungen psychische Leiden - will vor allem eines: "Wir wollen eine Versachlichung allfälliger Diskussionen. Deshalb haben wir einen Indikatorenkatalog erstellt. Da fließen Frequenz, Diversität der Nutzer, Nutzungskonflikte, Beschwerden und polizeiliche Anzeigen ein." In manchen Medien würden auftretende Diskussionen und Konflikte hochgespielt, wenn sozial Schwache und womöglich Kranke beteiligt seien.

"Die Wiener wollen vor allem helfen"

Aber: "Ein Großteil der Wiener will einfach helfen. In zwei Drittel der 'Beschwerden', die wir erhalten, merkt man, dass man Unterstützung für die Betroffenen haben will", sagte Lochner. Überhaupt müsse man sagen: "Eine Stadt, in der nicht auch Platz für die Schwächsten der Gesellschaft sei, ist keine lebenswerte Stadt mehr."

Für Erwachsene, Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankung wird an der Verstärkung der Einrichtungen für eine integrierte medizinische Versorgung gearbeitet. Gemeinsam mit der Wiener Ärztekammer soll ein System gestaltet werden, in dem Kranke mit spezifischen Bedürfnissen jeweils die für sie beste Stelle ansteuern können sollen: niedergelassene Ärzte, Ambulatorien, Spitalsambulanzen und stationäre Einrichtungen. Hier geht es um eine effiziente und optimale Aufgabenverteilung.

Beim Ausbau der Kinder- und Jugendpsychiatrie am richtigen Weg

"In der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind wir mit dem Ausbau auf dem richtigen Weg. Wir haben aber das Problem, dass wir keine ausgebildeten Ärztinnen und Ärzte finden", sagte Lochner. Zum Teil liegt das auch an dem derzeit geltenden Ausbildungsschlüssel, wonach ein Primar für Kinder- und Jugendpsychiatrie drei angehende Fachärzte ausbilden darf, ein Oberarzt aber nur jeweils einen. Bei typischen Abteilungen mit einem Vorstand und zwei Oberärzten kommt man auf einen Schnitt von eins zu zwei. "Das ist zu wenig. Die Ausbildung zum Kinder- und Jugendpsychiater dauert ja rund sechs Jahre", betonte Lochner.

Unterstützung hat man sich bereits beim Gesundheitsministerium geholt, um für zwei Ausbildungszyklen soweit zu kommen, dass ein fertig ausgebildeter Facharzt vier junge Kollegen ausbilden darf. "Damit hätten wir gegen 2030 dann den Bedarf in Wien gedeckt", erklärte der Psychiatrie-Koordinator.

Neues Kinderpsychiatrie-Ambulatoriums

Ein Ambulatorium für Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt es neben den Einrichtungen an Spitälern in Wien-Landstraße. Noch in diesem Jahr soll eines hinzukommen, wobei eine enge Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendhilfe (MAG11) angestrebt wird. Die acht Ambulatorien für Erwachsenenpsychiatrie sollen in den kommenden Jahren an die Bevölkerungsentwicklung in den Regionen Wiens angepasst werden.

Österreich: Diskussion über Cannabis notwendig

In Sachen Drogenkonsum meint Lochner, dass Österreich ernsthaft mit einer Diskussion über Cannabis beginnen sollte: "Da wird unsere Position, wonach wir Konsum bzw. Besitz einfach bestrafen, bald nicht mehr haltbar sein. Deutschland hat sich für ein offenes System entschieden. Italien für ein halb offenes. Da sollte es einen breiten Diskurs über die medizinische Verschreibbarkeit geben, in der in manchen Indikationen auch die Krankenkassen dafür aufkommen. Und wer sonst Cannabis konsumiert, sollte genauso wissen, was da drinnen ist."

Das ließe sich nur über den medizinisch-pharmazeutischen Sektor abwickeln. Gleichzeitig müsste man Grenzmengen vorschreiben und die Straßenverkehrsordnung novellieren. "Ob jemand fahruntüchtig wegen Alkohol- oder Cannabiskonsum ist, macht eigentlich keinen Unterschied", sagte Lochner. Beides sei schlecht und müsse verhindert werden. Hier sei aber auch Rechtssicherheit gefragt. Dies gelte auch für den Nachweis eines Drogenkonsums. Laut den Zahlen machten illegale Drogen im Vergleich zum Alkohol auch in Wien weiterhin nur einen geringen Teil der Anzeigen aus.

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