Litwinenkos Leiche obduziert

Die Leiche des unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen russischen Ex-Geheimdienstmitarbeiters Alexander Litwinenko ist am Freitag obduziert worden. Chronologie

Es galten besondere Sicherheitsmaßnahmen. Die drei Pathologen schützten sich vor radioaktiver Strahlung, da in dem Körper des 43-jährigen hohe Dosen der Substanz Polonium 210 nachgewiesen worden waren. Von den drei Ärzten repräsentiert einer die britische Regierung, einer wurde von Litwinenkos Witwe Marina beauftragt und der dritte ist ein unabhängiger Experte für kriminalistische Ermittlungen.

In der Affäre um den Gifttod richtet sich der Verdacht unterdessen zunehmend gegen den russischen Geheimdienst. Nach britischen Presseberichten vom Freitag hält es Scotland Yard jetzt für „wahrscheinlich“, dass der Exil-Russe und ehemalige Agent des Geheimdienstes FSB das Opfer eines Komplotts von früheren oder jetzigen FSB-Mitarbeitern wurde. Ein Mordauftrag des Kremls gelte inzwischen als ausgeschlossen.

Die Tageszeitung „The Guardian“ berichtete unter Berufung auf britische Ermittler, Litwinenko könne von „Schurkenelementen“ aus dem russischen Staatsapparat getötet worden sein. Begründet wird der Verdacht damit, dass nur Profis in©Russland Zugang zu staatlichen Nuklearlabors hätten und einen solchen Plan austüfteln könnten. Der Verdacht richte sich gegen eine Gruppe von mindestens fünf Russen, die zum Champions-League-Spiel Arsenal London gegen ZSKA©Moskau am 1. November nach Großbritannien kamen und kurz darauf abreisten. Am selben Tag fand wohl der mutmaßliche Giftanschlag statt. Drei Wochen später starb Litwinenko in einer Londoner Klinik.

Die radioaktive Substanz Polonium 210 kann in Russland nach Behördenangaben nicht illegal beschafft werden. „In Russland sind alle Atom- und Forschungsreaktoren Staatseigentum und stehen unter strenger Kontrolle der Regierung“, sagte der Chef der Atomenergie-Behörde, Sergei Kirijenko, der Regierungszeitung „Rossiiskaja Gaseta“ (Freitagausgabe). Im Land würden pro Monat nur acht Gramm der Substanz hergestellt, die über die einzig autorisierte Handelsfirma Tekhsnabexport in die USA ausgeführt würden.

Nach Informationen des „Daily Telegraph“ lässt sich anhand der gefundenen radioaktiven Spuren in London auch der Weg der mutmaßlichen Täter nachvollziehen. Das Blatt berichtete unter Berufung auf Regierungskreise, dass die Täter vermutlich aus Versehen Polonium auf den Boden ihres Londoner Hotelzimmers fallen ließen. Auch auf Sitzen sowie in den Gepäckfächern einer British-Airways-Maschine, die am 25. Oktober nach London kam, seien Spuren entdeckt worden. Die Ermittlungen haben bisher Spuren radioaktiver Strahlung an zwölf Orten ergeben, darunter zwei Passagierflugzeuge der Fluggesellschaft British Airways, die auf der Strecke London-Moskau eingesetzt wurden. Eine der drei durchsuchten BA-Maschinen war am Dienstag wegen Schlechtwetters in Wien zwischengelandet.

Zwei auf radioaktive Strahlung untersuchte Flugzeuge wurden wieder freigegeben. Nach Angaben der britischen Behörden handelt es sich um eine Passagiermaschine der British Airways sowie einen Jet der russischen Transaero. Die beiden Flugzeuge könnten wieder benutzt werden, weil keine Gefahr bestehe. Wie die BBC-Online am Freitag berichtete, befand sich an Bord eines Flugzeugs, in dem radioaktive Spuren entdeckt worden waren, auch die britische Kultur- und Sportministerin Tessa Jowell sowie der frühere Weltklasse-Leichtathlet und nunmehrige Leiter des Londoner Organisationskomitees für die Olympischen Spiele 2012, Sebastian Coe. Beide flogen am 16. November mit der Maschine nach Barcelona, sagte ein Sprecher der Ministerin sagte laut BBC. Jowell habe die Gesundheitsbehörden kontaktiert, sei aber in keiner Weise gesundheitlich gefährdet und generell „sehr gelassen“.

Die Fluglinie versucht, 33.000 Kunden zu kontaktieren, die mit den drei Maschinen gereist waren, teilte British Airways mit. Die Gesundheitsbehörde hat nach eigenen Angaben 139 Personen vorsorglich untersucht und 24 davon in eine Spezialklinik überwiesen.

Inzwischen gehen die Ermittler dem Verdacht nach, dass auch die Erkrankung des früheren russischen Ministerpräsidenten Jegor Gaidar etwas mit dem Fall Litwinenko zu tun haben könnte. Gaidar erkrankte einen Tag nach dem Tod Litwinenkos. Aus dem Umfeld Gaidars hieß es am Donnerstag, der frühere Regierungschef sei ebenfalls vergiftet worden. Gaidar hat sich kritisch über die Geldpolitik des russischen Präsidenten Wladimir Putin geäußert, stand zuletzt aber nicht im Blickfeld der Öffentlichkeit.

Polonium 210 bei Gesprächspartner Litwinenkos festgestellt

Bei einem der letzten Gesprächspartner des russischen Ex-Spions Alexander Litwinenko, dem italienischen Wissenschaftler Mario Scaramella, ist das radioaktive Gift Polonium-210 festgestellt worden. Das meldete der britische Fernsehsender Sky am Freitag. Scaramella war von Rom nach London gekommen, um sich mit Litwinenko am 1. November in einer Sushi-Bar zur treffen.

An diesem Tag zeigte der frühere Spion die ersten Symptome einer Krankheit, der er am 23. November erlag. Litwinenko machte auf dem Sterbebett den russischen Staat für seinen Tod verantwortlich, die britische Polizei behandelt den Fall bisher als ungeklärte Todesursache. Eine Obduktion sollte am Freitag Aufschluss darüber geben, wie das Polonium-210 in den Körper Litwinenkos kam.

Der italienische Kontaktmann des in London verstorbenen russischen Ex-Geheimdienstmitarbeiters wird laut italienischen Medienberichten indes beschuldigt, Dossiers zu dem italienischen Premierminister Romano Prodi und anderer Mitglieder der in Rom regierenden Mitte-Links-Koalition angelegt zu haben, um diesen durch einen Nachweis möglicher KGB-Verbindungen zu schaden, berichteten italienische Medien.

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