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Letztes Pokerspiel vor einem Irak-Krieg

Die UNO darf wieder nach Massenvernichtungswaffen im Irak forschen. Aber ihre Arbeit könnte durch das Misstrauens der Kriegsparteien erfolglos bleiben.

Ganz sicher ist eines. Der Irak hat chemische und bakterielle Waffen hergestellt und eingesetzt. Die Bilder von 1988 aus den Kurdendörfern mit den Leichen der Bewohner sind bekannt. Seit dem Golfkrieg 1991 ist der Irak durch eine UNO-Resolution verpflichtet, keine chemischen und biologischen Waffen zu besitzen. Aber die Waffeninspektoren der UNO fanden auch später noch mehr als eine Fabrik, die eifrig erzeugte. Und dies, obwohl der Irak mit Tricks und Täuschung und Schikanen die Arbeit behinderte. Was entdeckt wurde, wurde vernichtet. Das ist auch sicher.

Dennoch brodelt die internationale Gerüchteküche gewaltig wegen der Giftküchen des irakischen Machthabers Saddam Hussein. Die Waffeninspektoren, die nun erstmals nach 1998 wieder einreisen dürfen, haben ein weites Feld vor sich.

Heimlich wieder aufgebaut

Da gibt es als ein Beispiel die früheren Giftfabriken in Daura südöstlich von Bagdad, 1996 entdeckt und zerstört. Laut britischer Regierung hat der Irak sie heimlich wieder aufgebaut. Die Ruinen würden noch stehen, um gutgläubige Besucher täuschen zu können. Nach irakischer Darstellung ist daran kein Wort wahr. Dieses Problem und einige Dutzend ähnliche können die Waffeninspektoren lösen, wenn sie vor Ort wirklich nachschauen dürfen.

Schwieriger wird es bei der Frage der Transportgeräte für die Kampfstoffe. Nach amerikanisch-britischer Meinung verfügt der Irak über Raketen bis zu 1000 Kilometer Reichweite. Das geht bis Israel. Fachleute, die nicht diesen Regierungen angehören, sind hier vorsichtiger. Mehr als 800 Raketen seien zerstört worden. Der Irak habe keine nachbauen können und keine einkaufen können. Aber die Briten entdeckten durch Zufall in einer nach einem Bombenangriff abgedeckten Lagerhalle unbemannte Fluggeräte, so genannte Drohnen tschechischer Herkunft. Das war im Dezember 1998. Die Drohnen hatten Tanks und Sprühdüsen. Es wird angenommen, dass sie nicht für die künstliche Bewässerung von Baumwollfeldern vorgesehen waren. Ein Dutzend Drohnen lassen sich leicht und gut verstecken. Der Irak ist etwa fünfmal so groß wie Österreich.

Sehr schwierige Suche

Noch schwieriger ist die Suche nach Kampfstoffen, die schon produziert sind. Die Paläste von Saddam Hussein eignen sich als Versteck für manche Stoffe ebenso wie Sanddünen und Garagen und Höhlen. Bakterien sind auch in großer Zahl klein im Volumen. Die berühmten Lastkraftwagen, die aus Fabriken und anderen Orten rasch wegfuhren, während die Waffenkontrolleure am Eingangstor mit Ausweiskontrolle und vielen anderen Vorwänden aufgehalten wurden, sind in bester Erinnerung. Saddam hat dieses Spiel ausgereizt. Nicht zufällig verlangen die USA daher im UNO-Sicherheitsrat Fristen und handfeste Drohungen für den Fall, dass sich das wiederholen sollte. Nicht zufällig will der Irak keine Verschärfung der UNO-Resolution in diesen Fragen.

Selbst wenn die Waffeninspektoren tatsächlich frei nachforschen dürften, gibt es keine Sicherheit, dass alle Lager und alle Maschinen entdeckt werden. Viele Produktionsanlagen sind leicht umzurüsten. Was heute harmlose Pflanzenschutzmittel erzeugt, kann in Monaten wieder Giftstoffe produzieren. Hier kann die Kontrolle nur Momenterfolge bieten. Dazu kommt, dass der Irak nachweislich die Fachleute hat, um die „Atombomben“ des kleinen Mannes zu erzeugen, nämlich chemisch-bakterielle Waffen. Die industrielle Technik ist auch einfach. Auch nach jeder Kontrolle kann der Irak erneut B-und C-Waffen erzeugen, wenn er will. Saddam Hussein hat bisher bewiesen, dass er will. Wer zu Saddam Hussein Vertrauen hat, ist selber schuld.

Die Gefahr, die deshalb von ihm ausgeht, ist dennoch differenziert zu sehen. Hussein setzte das vorhandene Giftgas gegen die Amerikaner im Golfkrieg 1991 nicht ein. Sie hätten zurückschlagen können. Eine Gefahr „für die ganze Welt“ sind Saddams gefährliche Waffen wohl nicht.

Horror-Propaganda

Aber die Furcht davor lässt sich gut vermarkten. Dazu gehören die propagandistischen Horrorszenarien von Milzbrand, Pocken und Pest, von Ebola-Viren bis Nervengas. Das Polit-Hollywood schlägt zu. Es gibt nichts, das weggelassen werde müsste, wenn man mit Argwohn in die dunklen Kellerlabors der Macht blickt. Gerade die Amerikaner wissen, wovon sie reden. Sie haben B-und C-Waffen. Sie kennen sich damit aus.

Die Furcht vor irakischen Atomwaffen, die London und Washington auch als Motiv für den Krieg gegen Hussein verwendeten, hat nach Ansicht der meisten Fachleute wenig Verbindung zur Wirklichkeit. Die Israelis haben durch ihre Luftangriffe die Atomanlagen ausreichend zerstört, die Waffeninspektoren beseitigten bis 1998 die Reste.

Wie gefährlich Saddam Hussein in seinem Machtwahn ist, können die besten Inspektoren nicht beantworten. Seit der Niederlage im Golfkrieg 1991 beschränkte sich Saddams Terror auf die Iraker. Aber das Schicksal der Iraker hat in der Diskussion bisher nur wenig Stellenwert gehabt. Jenseits des Irak ist Saddam Hussein gut eingedämmt. Dieser Zustand ließe sich fortschreiben. Aber die USA wollen einen Sturz Saddams. Deshalb haben sie mit den Inspektoren wenig am Hut. Da sind sie vermutlich mit dem Irak einer Meinung. Die Inspektionen dürften daher nicht über Krieg und Frieden entscheiden, sondern sie dürften nur das letzte Pokerspiel vor dem geplanten Krieg werden.

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