Langsamer Abschied von "Medienalbanien"

Symbolfoto &copy Bilderbox
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Als solches musste sich Österreich lange Jahre beschimpfen lassen. Grund für die wenig schmeichelhafte Bezeichnung war das Monopol des ORF auf die terrestrische Verbreitung von TV-Signalen.

Erst mit dem Privatfernsehgesetz 2001 wurde mit der Antenne empfangbares Privat-TV überhaupt legal. Mit Puls TV geht nun der letzte noch ausständige Private on air. Im Folgenden eine Chronologie des langen Weges zu Privat-TV in Österreich:

  • 1989: Warnende Worte des damaligen ORF-Generalsekretärs, späteren ORF-Generalintendanten und nun Chefs des privaten TV-Riesen RTL Group, Gerhard Zeiler: Die Aufhebung des ORF-Monopols brächte zwangsläufig die Aufgabe „des kulturellen Bewusstseinsstandes in Österreich mit sich“.
  • Anfang der 90er Jahre: „Krone“-Chef Hans Dichand ist für eine Privatisierung eines ORF-Kanals. Die FPÖ – zu dieser Zeit in Opposition – präsentiert einen Gesetzesentwurf für Privat-TV. Der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) äußert 1993 Überlegungen „in Richtung der Öffnung eines dritten Fernsehkanals für Private“: Er „spüre, dass ein beachtliches Interesse für Privat-TV vorhanden ist“.
  • November 1993: Paukenschlag aus Straßburg. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt Österreich wegen eines Verstoßes gegen die Menschenrechtskonvention. Anlass: Klagen von verhinderten Privatradiobetreibern sowie zu Privatfernsehen.
  • 1996: Zumindest die österreichischen Kabelnetze werden freigegeben, es dürfen „bewegte Bilder“, aber keine Werbung gesendet werden.
  • 1997: Wien 1, Vorläufer von ATV und ATVplus, geht auf Sendung. Im terrestrischen Bereich gibt es unterdessen eine hypothetische Diskussion um Privat-TV-Varianten: National, regional oder als Fenster? Die österreichischen Verlagshäuser melden ebenfalls Interesse an privaten Fernseh-Aktivitäten an.
  • 1998: Bundeskanzler Viktor Klima (SPÖ) präsentiert ein Konzept für ein Privat-TV-Gesetz, die deutschen Privatsender starten unterdessen Österreich-Werbefenster.
  • 1999: Experten-Hearing im Parlament zum Thema, eine Einigung der Koalitionspartner SPÖ und ÖVP bis zur Wahl im Oktober 1999 bleibt aber aus.
  • 17. Jänner 2000: Wien 1 positioniert sich neu, wird in ATV umgetauft und ist österreichweit in Kabelnetzen zu empfangen.
  • Anfang 2000: Die erste Auflage der ÖVP-FPÖ-Koalition nimmt sich den Dauerbrenner in ihrem Regierungsprogramm vor. Gleichzeitig mit der Novellierung des ORF-Gesetzes wird das Privat-TV-Gesetz verabschiedet und tritt mit 1. August 2001 in Kraft.
  • 6. August 2001: Die Medienbehörde KommAustria schreibt drei regionale und eine bundesweite Privat-TV-Lizenz aus. Sieben Anträge für die bundesweite Zulassung langen ein. Nicht alle scheinen aber von Ernsthaftigkeit geprägt, im Rennen bleiben schließlich vier Kandidaten.
  • 1. Februar 2002: Die Medienbehörde vergibt die österreichweite Privat-TV-Lizenz an ATV. Die Konkurrenten berufen gegen diese Entscheidung, die Instanzen bestätigen aber die KommAustria.
  • Frühling 2002: Die größte Hürde scheint geschafft, doch ein terrestrischer Sendebetrieb braucht mehr als die Lizenz. ATV und ORF streiten erbittert über die Bedingungen für die Nutzung der ORF-Sendeanlagen. Schließlich wird die Behörde angerufen.
  • Juli 2002: Die KommAustria legt die Bedingungen für die Sendermiete fest. Beide Kontrahenten legen Berufung ein.
  • 30. Juli 2002: Die Medienbehörde vergibt die regionalen Privat-TV-Lizenzen für Wien, Salzburg und Linz.
  • Oktober 2002: Der Bundeskommunikationssenat bestätigt den Behördenbescheid zur Sendermiete. Bis Mai muss der ORF die Anlagen zur Verfügung stellen, so der Senat.
  • Dezember 2002: Franz Prenner, langjähriger früherer Werbechef des ORF und danach kurze Zeit Chef des Werbefestivals Cannes, kommt als Vorstand zu ATV. Co-Vorstand Tillmann Fuchs verlässt das Unternehmen im März 2003.
  • 1. Juni 2003: ATVplus startet mit neuen Namen und leicht geändertem Logo als „neues Fernsehen für Österreich“ den terrestrischen Sendebetrieb.
  • Juli 2003: Ein österreichischer Medienlegionär kehrt nach Wien zurück: Helmut Brandstätter, früherer langjähriger ORF-Redakteur und von 12997 bis 2003 Chef von n-tv, übernimmt die Geschäftsführung von Puls City TV. Der Vorarlberger Medienunternehmer Eugen A. Russ zieht sich von dem TV-Projekt zurück.
  • Dezember 2003: Mit der Gewista kommt Puls City TV, das mittlerweile schlicht als Puls TV firmiert, der zweite große Gesellschafter abhanden. Das Unternehmen wandert in den Besitz des Managements.
  • 26. Jänner 2004: Brandstätter startet den Sendebetrieb, wenn auch noch nicht mit „seinem“ Sender: Für ProSieben Austria produziert man die Nachrichtensendung „Austria Top News“.
  • 17. Juni 2004: Puls TV startet als Wiener Ballungsraumsender auf dem Kanal 34, vorerst mit Info-Trailern. Den Kanal teilt man sich mit dem ORF, dessen „Wien heute“-Sendung weiterhin als „Fenster“ zu sehen sein wird. Bei den Bedingungen für die „Wohngemeinschaft“ auf dem Kanal 34 waren wieder Behörde und Bundeskommunikationssenat gefragt, da man sich nicht einigen konnte. Auch kurz vor dem Start kommt es zu Misstönen zwischen „Zwerg“ und „Riese“ (Brandstätter). Da der ORF den Kanal 34 bereits am 14. Juni lahm legte und Informationen zum „Umschalten“ brachte, beschloss Puls TV, früher als beabsichtigt zu starten. Man einigt sich: Ab 17. Juni präsentiert sich Puls TV mit Programminfos, der ORF sendet zwei Trailer pro Stunde. Der reguläre Programmstart soll am 21. Juni stattfinden.

    Link:–> Start des neuen Wiener Senders PULS TV

    Redaktion: Claus Kramsl

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