Kunsthistorisches Museum Wien zeigt neue Ausstellung "Shape of Time"

Im KHM können Besucher eine neue Ausstellung begutachten.
Im KHM können Besucher eine neue Ausstellung begutachten. ©KHM-Museumsverband/Courtesy der Künstler und David Zwirner, London
Die neue Schau "Shape of Time" im Kunsthistorischen Museum zeigt über 200 Jahre Kunstgeschichte. Die Auswahl der Werke sei dabei größtenteils aus der Sammlung des KHM heraus entstanden, und nicht umgekehrt, so Kurator Jasper Sharp.

“Uns fehlen 218 Jahre Kunstgeschichte!”, sagt KHM-Generaldirektorin Sabine Haag etwas wehmütig. Nun ist dem Umstand, dass die Sammlung des Kunsthistorischen Museums nur bis zum Jahr 1800 reicht, die neue Schau “Shape of Time” zu verdanken, die Kurator Jasper Sharp inmitten der Gemäldegalerie verortet, und die mit 19 künstlerischen Paarungen ab Dienstag bisherige Sehgewohnheiten aufrüttelt.

“Hommage” oder “Störfaktor”: “Shape of Time” bildet im KHM Paarungen

Die Gegenüberstellungen spannen Bögen von Tizian zu Picasso, von Velazquez zu Manet, von Rubens zu Lassnig oder von Jan Brueghel d.Ä. zu Steve McQueen. Ausgangspunkt für Sharp, der als Kurator für zeitgenössische Kunst bisher hochkarätige Ausstellungen von etwa Lucian Freud oder Edmund de Waal verantwortete, war George Kublers 1962 erschienenes Buch “The Shape of Time”. Wie dort beschrieben, will man mithilfe von Gegenüberstellungen “die Evolution von Ideen und Bildern über die Jahrhunderte und in unterschiedlichen Kulturen aufzeigen”. Die Kunstgeschichte sei ein Ideenreservoir, aus dem sich die Künstler im Laufe der Zeit immer wieder bedient haben. Also habe er sich frei nach Gauguin gefragt: “Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?”, wie Sharp vor Journalisten erklärte.

Natürlich können die insgesamt 21 vertretenen Werke in 19 Stationen nicht als Ausstellung über 200 Jahre Kunstgeschichte verstanden werden. Auch wolle man “nicht den Eindruck erwecken, dass wir auf dem Trend von Gegenüberstellungen mitschwimmen, sondern wir fragen uns, was es für das Verständnis unserer Sammlung bringt”, so Sabine Haag. “Wie hätte sich die Sammlung weiterentwickelt? Inwiefern waren Werke im Haus Inspiration für späteres Kunstschaffen?”

Auswahl der Werke anhand von Sammlung des KHM

Die Auswahl der Werke sei größtenteils aus der Sammlung heraus entstanden, nicht umgekehrt, versichert Sharp, der sich dafür interessiert, “wie die Kunstgeschichte verdaut wurde”. Die Bandbreite reicht dabei von der “Hommage bis zur Zerstörung”. Gleichzeitig war es für Sharp wichtig, sowohl neue Medien zu integrieren als auch weibliche Künstlerinnen zu zeigen, die nicht nur aus Europa stammen. Auch zwei Auftragswerke hat man vergeben.

Eine der harmonischen Begegnungen bildet das erste Paar: Neben Tizians “Nymphe und Schäfer” (1570/75) hängt – sich farblich hervorragend in geheimnisvollem Graugelb anschmiegend – J.M.W. Turners “Stürmische See” (1840/45). “Beide Werke entstanden in späten Schaffensphasen. Darüber hinaus ist die Auseinandersetzung Turners mit dem Werk Tizians gut dokumentiert”, erklärt Jasper Sharp, der jedoch einräumt, dass er zu Tizians Gemälde “auch 200 Werke hängen hätte können”. Ungleich mehr ein “Störfaktor” ist eine andere Paarung, in der ebenfalls Tizian der Ausgangspunkt war: Neben seinem Porträt des Papstes Paul III., das in seinen warmen Farben dennoch einen “bösen Bastard von einem Papst” (Sharp) zeigt, starrt einem Picassos “La Celestine” aus dem Jahr 1904 entgegen, die in ihrer blauen Kälte einen gewissen Gruselfaktor ausstrahlt.

Einer der Einflüsse für die Ausstellungsarchitektur von BWM Architekten sei die Franz West-Ausstellung im KHM im Jahr 1989 gewesen, daher wollte Sharp “Shape of Time” partizipativ gestalten: So finden sich vor den jeweiligen Werken nun flache, silberne Podeste, von denen aus das Publikum die Arbeiten betrachtet.

Auch heimische Künstler bei “Shape of Time” vertreten

In gewissem Sinne zur Teilnahme regt das Paar “Susanna im Bade” von Tintoretto (1555/56) und “Untitled” von Kerry James Marshall an, das als Auftragsarbeit für die Ausstellung entstand (und danach mangels Ankaufsmöglichkeit auf den Markt kommt). Während Tintoretto die Voyeure in seinem Gemälde darstellt, wird der Betrachter bei dem US-Künstler selbst zum Spanner, der durch ein großes Fenster in einer Großstadt eine afroamerikanische Frau beim Anziehen beobachtet. “Er infiltriert die Ausstellung mit einer starken schwarzen Protagonistin”, so Sharp in Hinblick auf die Darstellung von Schwarzen in der Kunstgeschichte vor 1800.

Auch heimische Künstler haben Eingang in “Shape of Time” gefunden: So hat Sharp ein Werk von Birgit Jürgenssen aus dem Jahr 1991 Coreggios “Jupiter und Io” (1530) gegenübergestellt, das die Künstlerin bei ihren vielen Besuchen im KHM stets besucht habe, so der Kurator. Zwei Frauen finden sich auch in einem erst auf den zweiten Blick eng verwandten Paar: 1554 schuf die italienische Renaissance-Malerin Sofonisba Anguissola ein Selbstporträt, das sie – für damals ungewöhnlich – als selbstbewusste, gelehrte Frau zeigt. An ihrer Seite hängt nun ein 1928-30 entstandenes Selbstporträt der lesbischen französischen Schriftstellerin und Fotografin Claude Cahun. Eine starke Frau findet sich auch bei Rubens “Helena Fourment”, die nunmehr Maria Lassnigs Akt “Iris stehend” aus dem Jahr 1972/73 standhalten muss.

Ausstellung soll Blick auf Werke nachhaltig verändern

Weiters finden sich in der Schau Gegenüberstellungen der pakistanischen Künstlerin Nusra Latif Qureshi und Giorgione, Tullio Lombardo und Felix Gonzalez-Torres, Velazquez und Manet oder Jan Brueghel d. Ä. und Steve McQueen. Während der flämische Meister ein Blumenbouquet schuf, in dem sich Blüten aus unterschiedlichen Jahreszeiten und in verschiedensten Stadien von der Knospe bis zur abgefallenen Blüte finden, filmte der Amerikaner McQueen ein soeben verendetes Pferd und hinterfragt somit die Sichtweise des Menschen auf das stets mit Stärke assoziierte Tier.

Die Verbindung zwischen Rembrandts “Großem Selbstporträt” und einem Werk Mark Rothkos – dem im kommenden Jahr eine eigene Ausstellung gewidmet wird – erschließt sich ebenfalls erst nach längerer Betrachtung, wofür man extra zwei Sitzbänke aufgestellt hat. Apropos Möbelstück: Zwei der Liegen, die Franz West für die KHM-Ausstellung 1989 geschaffen hat, finden sich nun im Dialog mit Caravaggios Rosenkranzmadonna. Und so ist “Shape of Time” eine gelungene, sich zurücknehmende und doch tiefgreifende Ausstellung, die – geht es nach Jasper Sharp und Sabine Haag – auch den Blick auf die Werke aus der Sammlung nachhaltig verändern soll, wenn die Paarungen längst wieder Geschichte sein werden.

(APA/Red)

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