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Kunsthistorisches Museum "schottet" sich ab

Demnächst im Kunsthistorischen Museum: 2,20 Meter hohe Mauer, aber spezielle EURO-Werbung, 75 Stillleben ab Juli auf Japan-Tournee: "Bilder kommen und gehen" und Anubis bewacht Völkerkundemuseum.

2,20 Meter Höhe misst jene Mauer, die während der EURO 08 das Kunsthistorische Museum umschließen wird. Doch abhalten will das Haus nahe der Fanzone, auf der täglich bis zu 100.000 Menschen erwartet werden, die Fußballfans nicht. Während etwa das Burgtheater seine Pforten schließt, will das Museum mit durchaus ironischen Werbesujets die Faszination am Sport auf die Kunst übertragen. Mit dem Aushängeschild “Tutanchamun” scheint ein guter Grundstein dafür gelegt. 200.000 Tickets wurden seit der Eröffnung am 9. März verkauft, 500.000 sollen es bis Ende September werden. Doch Werbung macht man nicht nur hierzulande: Ab dem 2. Juli schickt KHM-Direktor Wilfried Seipel 75 Stillleben auf eine Tournee durch Japan.

Unter dem Motto “Wir sind Europameister” hofft man mit zahlreichen Sonder-Führungen im Kunsthistorischen Museum mit schrägen Titeln, die Aufmerksamkeit der Fans zu erlangen: “Sex – ein süßer Sport”, “Gerüstet für’s Turnier” oder “Die schönsten Fouls der Kunstgeschichte” nennen sich die Themen, “KHM-Fussballtickets” sollen das Ihre tun. So etwa das “KHM-Elferticket” (11 Mann kommen, nur 9 zahlen), ein “KHM-Ladiesticket” (Damen zahlen die Hälfte) oder das “KHM-Halbzeit-Ticket” (in 45 Minuten durch das KHM).

Dass die KHM-Werbung für die EURO, durch die man sich ein Mehr an Museumsbesuchen erwartet, durchaus auch für Verwirrung sorgen kann, zeigte kürzlich die Beschwerde eines Besuchers: Wie der “Kurier” berichtete, befindet sich ausgerechnet jenes Gemälde, mit dem das Museum für die “schönsten Fankurven” wirbt, derzeit gar nicht in Wien. “Jupiter und Io” des Malers Corregio wurde nach Rom verliehen, wo es in der Galleria Borghese gezeigt wird. Im KHM versteht man die Aufregung nicht. Dass das Gemälde, aus dem ein Ausschnitt auf dem Plakat zu sehen ist, nicht in Wien zu sehen sein wird, wusste man laut Angaben einer Sprecherin bereits, als man das Plakat in Auftrag gegeben hat. “Man sieht nur den Rücken der nackten Dame”, hieß es gegenüber der APA. Dass es sich dabei um “Jupiter und Io” handelt, sei lediglich für Experten ersichtlich. Außerdem gehe es um die Rundungen der Damen an sich, nicht um das Gemälde.

Nicht zu sehen sind bis Juni 2009 auch 75 Gemälde, die unter dem Titel “European Still Lives” in Tokio (The National Art Center, 2. Juli bis 15. September), Sendai, (The Miyagi Museum of Art 7. Oktober bis 14. Dezember), Kobe, (Hyogo Prefectural Museum of Art, 6. Jänner bis 29. März 2009) und schließlich Aomori (Aomori Museum of Art, 11. April bis 14. Juni 2009) zu sehen sein werden. “Bilder kommen und gehen”, heißt es aus dem KHM. Dass von 8.000 Gemälde 75 fehlen werden, werde den Besuchern nicht auffallen, von “leergefegt” sei keine Rede. Schließlich handle es sich bei den verliehenen Bildern, darunter ein Velázquez (“Infantin Margarita Teresa in rosafarbenem Kleid”), ein Rubens (“Cimon und Efigenia”) oder Jan Brueghels d. Ältere “Blumenstrauß in einer blauen Vase” ausschließlich um Stillleben, die nicht die Hauptaufmerksamkeit des Wiener Publikums auf sich ziehen.

Bilder nach Japan zu schicken, ist für das Kunsthistorische Museum offensichtlich wichtig: Immerhin seien 80 Prozent der Besucher aus dem Ausland, Japan rangiere dabei stets auf den Plätzen drei und vier (hinter den Besuchern aus Deutschland und den USA). Ein Großteil von ihnen wird wohl den Museums- mit einem Kaffeehausbesuch verbinden: Im Juni soll um die Statue von Maria Theresia zwischen dem Natur- und dem Kunsthistorischen Museum ein riesiges Kaffeehaus samt Kulturprogramm einen Gegenpol zum lauten Treiben der Fanmeile bieten. “Meinls Kaffeewelt” soll mit 1.000 Sitzplätzen und einem Schanigarten laut Betreibern das “größte Kaffeehaus der Welt” sein.

Im Völkerkundemuseum, wo bei der Ausstellung “Tutanchamun und die Welt der Pharaonen” inklusive Vorbestellungen bisher 200.000 Tickets verkauft wurden (etwa die Hälfte davon über den Online-Verkauf) nimmt man das am Sonntag bevorstehende 80-Jahr-Jubiläum des Museums für Völkerkunde zum Anlass, am Montag einen Zwischenbericht über die seit 2004 stattfindenden Umbauarbeiten abzuliefern und einen Ausblick in die Zukunft zu bieten. Christian Feest, Direktor des Museums für Völkerkunde und zuletzt im “Falter” mit sehr kritischen Anmerkungen zur laufenden “Tutanchamun”-Schau zitiert (“Ich weiß nicht, warum die Ausstellung bei uns stattfindet.”) stellt sein Konzept für die Neupositionierung des Hauses vor. Im Oktober 2008 wird die Abteilung “Südasien , Südostasien und Himalayaländer” als erster Bereich der neuen Schausammlung eröffnet.

Für Sicherheit während der EURO sorgt übrigens nicht nur der Zaun: Seit Mitte letzter Woche wird die “Tutanchamun”-Schau auch vom ägyptischen Gott Anubis, Begleiter und Beschützer der Toten, bewacht. In Form einer mehr als 7,5 Meter hohen Statue ist er als Botschafter für die Ausstellung vor dem Museum für Völkerkunde an der Ringstraße aufgebaut worden. Bis Ende September 2008 soll der Gott, der den Kopf eines Schakals trägt, über die Ausstellung wachen und die Besucher willkommen heißen. Dann wird man auch bereits wissen, wer die Geschicke des KHM ab Jänner 2009 lenken wird. In den Medien wurde zuletzt mehrfach Sybille Ebert-Schifferer, die Direktorin der zum deutschen Max Planck-Institut gehörenden Bibliotheca Hertziana in Rom, als mögliche Kandidatin genannt.

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