"Kommissar Bellamy"

"Glück" ist das fehlende Wort in jenem Kreuzworträtsel, das der schnaufende, stark übergewichtige Kommissar Paul Bellamy (Gerard Depardieu), auf seiner Couch lümmelnd, bearbeitet. Glück ist auch das zentrale Thema, dem sich Claude Chabrol in seinem Film "Kommissar Bellamy" widmet (ab Freitag in den österreichischen Kinos). | Trailer Wann und wo im Kino

Es ist die erste Kooperation des französischen Starschauspielers und des renommierten Regisseurs, der in 50 Jahren 58 Filme gemacht hat – ein melancholischer, schwarzhumoriger Streifen über die Beliebigkeit des Schicksals und so verzweifelte wie zum Scheitern verurteilte Versuche, dieses zu ändern.

Schnell zusammengefasst ist die Thematik in einem Sprichwort: Das Glück is a Vogerl. Das fast unheimliche Eheglück der Bellamys etwa (Marie Bunel versprüht als Francoise stille Erotik und Liebe), das sich nicht zuletzt in permanent lustvollen Betatschungen durch den Gatten auch nach langen Jahren der Ehe äußert. Oder das fehlende Glück des jüngeren Halbbruders des Kommissars (Clovis Cornillac als Jacques Lebas), der dauerblau und zornig beständig irgendwelchen Lebensfantasien nachhängt, die ihn vom Nimbus des Versagers befreien sollen. Oder jenes ferne und unerreichbare Glück, das ein Pärchen aus dem Urlaubsort in Südfrankreich, wo Bellamy eigentlich entspannen wollte, mit einem missglückten Versicherungsbetrug zu erzwingen versucht.

Der skurril-tragische Kriminalfall rund um Noel Gentil (in gleich drei Rollen: Jacques Gamblin), der den fast übernatürlich inspirierten Ermittler Bellamy dann gewissermaßen im eigenen Garten auflauert, dreht sich um verzweifelte Affären, den Verlust von Identität, um entblößende Leidenschaft. Eine Frage bleibt lange offen – wer denn eigentlich dabei ums Leben gekommen ist. Gentil hat jemand umgebracht, beteuert er. Nur ganz offensichtlich nicht jene verkohlte Leiche, die am Fuß einer Klippe neben Gentils verunfalltem Auto liegt.

Chabrol nimmt sich viel Zeit, obwohl der Film vor allem im Schnitt eine formale Dringlichkeit suggeriert, malt mit dicken Pinselstrichen vielleicht allzu offensichtliche Bilder (so sind allein die Namen von Leprince bis Bonheur allzu nah am Klischee). Doch das eigentliche Geschehen findet im Hintergrund statt. Alles Wichtige passiert vor oder zwischen den Szenen, etwa wenn dann doch die Eifersucht in die Beziehung des Kommissars einbricht, wenn plötzlich eine Leiche überm Balkongeländer hängt oder letztendlich ein Anruf der Polizei alles klar macht, noch bevor man die schlechte Nachricht hört, die dabei überbracht wurde.

Der Kriminalfall ist dabei nebensächlich, ein Vehikel für Fragen nach der Fairness und der Beliebigkeit von Schicksalen und Lebensläufen. Er habe zu viel Glück gehabt in seinem Leben, sagt Bellamy fast verzweifelt. Das Leben ist nicht fair, das müssen im Laufe des stillen Films, der die detektivischen Puzzlespiele vieler “Columbo”-Folgen mit der für Chabrol typischen Hinterfragung von moralischen Fassaden vereint, alle erfahren.

Dabei dreht sich alles um Depardieu, der mit Trauer im Blick, viel Schwermut und auch im Leibesumfang in andere Kategorien vorgerückt ist als gewohnt. Zweimal hatte Chabrol bereits mit Depardieu arbeiten wollen, beide Projekte haben sich zerschlagen. Nun wollte er laut Presseunterlagen zum Film “eine Art Porträt” von Depardieu zeichnen; aber dabei auch ein Selbstporträt: im Bellamy finden sich auch Elemente von Chabrols eigenem Charakter. Thematisch zentral sind auch der Schriftsteller Georges Simenon und der Chansonnier Georges Brassens. Ein Song von letzterem, in überraschendem Kontext gesungen, verleiht dem Film zuletzt einen dezidiert märchenhaften Charakter. Mit einem Schönheitsfehler: Nicht alle leben glücklich bis an ihr Ende.

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