Kinderthemen vom sozialen Rand - Autorin R. Welsh wird 70

Eigentlich müssten die jungen Leser von damals heute aufgeklärte Erwachsene sein.

Oft Jahre bevor Themen wie Integration von Einwanderern oder Restitution von jüdischen Kulturgütern zur öffentlichen Tagesordnung gehörten, schrieb die österreichische Kinderbuchautorin Renate Welsh kindergerecht und vorausblickend über Einzelschicksale, an denen sich wenig geändert zu haben scheint. Am 22. Dezember feiert die vielfach ausgezeichnete Autorin von Büchern wie “Ülkü, das fremde Mädchen” (1970), “Vamperl” oder “Johanna” (beide 1979) ihren 70. Geburtstag.

Den kommerziell größten Erfolg landete Welsh, seit 2006 Präsidentin der IG Autorinnen und Autoren, mit “Das Vamperl”, der Geschichte über einen kleinen Vampir, der den Menschen das Gift aus der Galle saugt. Zu ihren politisch engagierten Büchern zählt unter anderem “Ülkü, das fremde Mädchen”: Vor fast 30 Jahren beschrieb Welsh das schwierige Leben eines eingewanderten türkischen Mädchens, das sich nach einiger Zeit in Österreich hier mehr zu Hause fühlt, als in ihrer Heimat – was aber nicht das Ende der Probleme bedeutet.

Angesprochen auf den “Fall Arigona” meinte Welsh kürzlich in einem “Falter”-Interview: “Wer andere so massiv aussperrt, der sperrt sich selbst ein.” Als langjährige Autorin weiß sie auch um die massiven gesellschaftlichen Veränderungen, denen sich Kinderbuchautoren gegenüber sehen: “Damals musste man immer die Frage stellen: Darf man das Kindern zumuten?”, so Welsh in der “Furche”, “Inzwischen hat sich doch die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Realität Kindern ganz andere Dinge zumutet, als ihnen die ‘böseste’ Kinderliteratur jemals zumuten könnte.”

In dem Buch “Dieda oder Das fremde Kind” erzählt sie von ihrer eigenen Kindheit am Ende des Zweiten Weltkrieges. “Besuch aus der Vergangenheit” heißt das Buch, in dem es um die Restitution geraubten jüdischen Eigentums geht, “Drachenflügel” ist die Geschichte eines Mädchens und ihres behinderten Bruders. Der bekannte Roman “Johanna” ist ein einfühlsamer Text über die unehelich geborene Magd Johanna, die sich in der Zwischenkriegszeit aus einem erniedrigenden und nahezu rechtlosen Dienstbotendasein befreien kann.

Welsh, geboren am 22. Dezember 1937 in Wien, begann schon als Kind zu schreiben, “um mich durchzusetzen”. Mit 15 ging sie mit einem Stipendium für ein Jahr nach Portland (USA). Nach der Matura in Wien studierte sie Englisch, Spanisch und Staatswissenschaften, brach ihre Ausbildung aber bald ab und heiratete. Danach arbeitete Welsh freiberuflich als Übersetzerin. Seit 1970 (“Der Enkel des Löwenjägers”) verfasst sie Kinder- und Jugendbücher. Vorwiegend erzählt die Autorin von Außenseitern, die erst lernen müssen, sich zu behaupten.

1980 erhielt sie den Deutschen Jugendliteraturpreis, 1992 wurde Welsh der Österreichische Würdigungspreis für ihr Gesamtwerk sowie der Berufstitel “Professorin” verliehen. Weiters erhielt die Autorin mehrfach den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis (zuletzt 2003) sowie den Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien (zuletzt 2003) sowie das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien. Im Jahr 2004 war Welsh sogar für den hoch dotierten Astrid-Lindgren-Preis nominiert.

Welsh lebt in Wien und veranstaltet neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit seit mehreren Jahren Schreibwerkstätten für Behinderte und Randgruppen. Vor zwei Jahren wählten 142.812 junge Leser bei der Aktion “LESERstimmen” ihr Lieblingsbuch, Renate Welsh und ihr Buch “Katzenmusik” gingen dabei als Sieger hervor. Im Februar 2006 wurde Welsh zur Präsidentin der IG Autorinnen und Autoren gewählt, im selben Jahr erhielt sie den mit 11.000 Euro dotierten Würdigungspreis des Landes Niederösterreich für Literatur. Weiters verfasst die Autorin Hörspiele und Theaterstücke.

In seiner Laudatio anlässlich des 70. Geburtstags schrieb Gerhard Ruiss: “Als es in der IG Autorinnen Autoren erste Überlegungen gab, Renate Welsh als neue Präsidentin und Nachfolgerin des verstorbenen Präsidenten Milo Dor vorzuschlagen, haben nicht nur ihre Haltung und ihre Reputation als Schriftstellerin für sie gesprochen, sondern es war von vornherein auch als Leseempfehlung gedacht, vor allem derjenigen Bücher von ihr, die zum Glück zwar für Jugendliteratur gehalten werden können, aber genau deshalb nicht von Erwachsenen gelesen werden und endlich genauso zur Erwachsenenlektüre gehören sollten wie die von ihr von vornherein nur für Erwachsene geschriebenen Bücher. Gerade wenn oder weil die Protagonistin eines solchen Buches ein Kind ist.”

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