AA

Kinderarzt zu 17 Jahren Haft verurteilt

Nach 73 Verhandlungstagen wurden am Freitagabend am Landesgericht Klagenfurt die Urteile im bisher längsten Strafprozess in der Kärntner Justizgeschichte verkündet:

Der 21-jährige Thomas H. wurde wegen Mordes zu zwölf Jahren und der bekannte Kinderarzt Franz Wurst (82) wegen Bestimmung zum Mord sowie des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen zu 17 Jahren Haft verurteilt.

Die Urteile sind nicht rechtskräftig – Wurst meldete Nichtigkeit und Berufung an, erster Staatsanwalt Gottfried Kranz gab keine Erklärung ab. Der Vorsitzende des Geschworenensenates, Wilfried Kirchlehner, begründete die Urteile mit dem Wahrspruch der Laienrichter. Zum Strafausmaß meinte er, dass bei Thomas H. – er nahm sein Urteil an – dessen Geständnis und die Rolle als ein mutmaßliches Missbrauchopfers des Arztes Milderungsgründe seien. Der Strafrahmen für Mord beträgt bei einem Jugendlichen bis zu 20 Jahre.

Bei Franz Wurst wiederum wurden keine Milderungsgründe festgestellt. Als erschwerend wurde die Tatwiederholung über viele Jahre angesehen. “Absolut verwerflich ist, dass sich ein Arzt an Kindern vergriffen hatte, welche diesem anvertraut waren”, führte Kirchlehner aus. Nach der Urteilsverkündung wollte sich Wurst an die Geschworenen wenden. “Es ist mir völlig unverständlich”, sagte er, worauf er vom Vorsitzenden sofort unterbrochen wurde: “Sie legen ohnehin Rechtsmittel ein.” Der sexuelle Missbrauch wurde vom Geschworenensenat in allen angeklagten Fälle bejaht.

Am 8. Dezember 2000 war die Kindergartenpädagogin Hilde Wurst, damals 78 Jahre alt, tot in ihrer Villa in Pörtschach aufgefunden worden. Zunächst war von einem Unfall die Rede. Als die Gendarmen auf ein blutbeschmiertes Tuch stießen, wurde Mordalarm gegeben. Zwei Tage später wurde Thomas H., ein Patenkind des Ehepaares, als mutmaßlicher Täter ausgeforscht. Er gab nach anfänglichem Leugnen zu, die Frau erstickt zu haben. Begründung: Sie sei “im Weg gestanden”.

In der Folge belastete der Bursch Franz Wurst massiv. Dieser soll nicht nur zur Tat angestiftet, sondern auch seinen Patensohn über Jahre hinweg sexuell missbraucht haben. Am 19. Dezember 2000 wurde der betagte Arzt festgenommen. In den folgenden Wochen und Monaten meldeten sich bei den Kriminalisten zahlreiche Männer und Frauen, welche angaben, von Wurst ebenfalls sexuell missbraucht worden zu sein. Teilweise lag dies bereits 30 Jahre und länger zurück.

Der Prozess gegen Thomas H. und Wurst wurde am 8. April dieses Jahres eröffnet. Während sich Thomas H. schuldig bekannte, wies Wurst alle Vorwürfe zurück. Im Laufe des Prozesses machte sein Verteidiger Helmut Sommer immer wieder eine Verhandlungsunfähigkeit des im 83. Lebensjahr stehenden Angeklagten geltend. Doch die medizinischen Sachverständigen verneinten diese.

In den achteinhalb Monaten wurden an die 100 Zeugen sowie Gutachten aus den Bereichen Psychiatrie, Kinderneuropsychiatrie und Gerichtsmedizin gehört. Der deutsche Kinderpsychiater Joest Martinius bezeichnete die von den Zeugen beschriebenen “Untersuchungsmethoden” von Wurst an Kindern und Jugendlichen als “sexuell motivierte Handlungen, sofern diese Aussagen auch stimmen”.

Staatsanwalt Kranz hatte in seinem Plädoyer dem Arzt vorgeworfen, seine Untersuchungen “aus pädophilen Motiven” vorgenommen zu haben. Auch die Anstiftung zum Mord sah er als erwiesen an. Mehr noch: Auf Grund des gerichtsmedizinischen Gutachtens ist davon die Rede, dass Hilde Wurst nicht erstickt, sondern erwürgt worden sei, erklärte der Ankläger und stellte in den Raum, dass “der Herr Professor bei seiner Frau selbst Hand angelegt” habe.

Wursts Verteidiger Helmut Sommer hatte für seinen Mandanten “einen Freispruch in allen Anklagepunkten” gefordert. Er sprach davon, dass der Bursche den Mord “allein geplant und ausgeführt” habe. Bezüglich der Missbrauchsfälle bezweifelte Sommer die “Glaubwürdigkeit der Zeugen”. Der Anwalt von Thomas H., Gerhard Brandl, hatte an die Geschworenen appelliert, den Burschen “nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer von Wurst” zu sehen.

  • VIENNA.AT
  • Chronik
  • Kinderarzt zu 17 Jahren Haft verurteilt
  • Kommentare
    Die Kommentarfunktion ist für diesen Artikel deaktiviert.