Kampusch: "Im Keller war ich Bibiana"

Das Buch erscheint laut Medienberichten in elf Ländern
Das Buch erscheint laut Medienberichten in elf Ländern ©EPA
Natascha Kampusch, deren Autobiografie "3096 Tage" unmittelbar vor der Veröffentlichung steht, hat über ihre Erlebnisse während ihres achteinhalbjährigen Martyriums im Verlies gesprochen und erste Auszüge ihres Buches veröffentlicht.
Lesung in Thalia-Filiale
Kampusch kommt ins Kino

 ”Er ließ mich hungern, damit ich auch keine Kraft mehr habe zum Zurückschlagen.” Natascha Kampusch, deren Autobiografie “3096 Tage” unmittelbar vor der Veröffentlichung steht, hat in den Tageszeitungen “Kurier” und “Kronen Zeitung” (Montagsausgaben) noch einmal über ihre Erlebnisse während ihres achteinhalbjährigen Martyriums im Verlies ihres Peinigers Wolfgang Priklopil in Strasshof in Niederösterreich gesprochen und erste Auszüge ihres Buches veröffentlicht. Kampusch sprach dabei offen und direkt über den Alltag mit Priklopil, aber auch über einschneidende Momente wie ihre erste Regel, Misshandlungen und ihren Widerstand gegen den Entführer.

Kampusch: “Es war irgendwie unfassbar”

“Als würde der Krieg ausbrechen und Sie würden alles, was Sie je gehabt haben, auf einmal verlieren. Als würden alle bösen Vorahnungen und Vermutungen und Ängste Realität werden”, beschreibt Kampusch den Moment ihrer Entführung. Doch die heute 22-Jährige beleuchtet in ihrem Buch nicht nur die Gefangenschaft, sondern auch die Zeit davor: “Ich hatte mit der Trennung meiner Eltern die Fixpunkte meiner Welt verloren und konnte auf die Personen, die bis dahin immer für mich dagewesen waren, nicht mehr bauen. Dazu kam eine alltägliche Form von Gewalt – nicht brutal genug, um als Misshandlung zu gelten, und doch so voll nebensächlicher Missachtung, dass sie mein Selbstwertgefühl langsam zerstörte. Es war diese fatale Mischung aus verbaler Unterdrückung und ‘klassischen’ Ohrfeigen, die mir zeigte, dass ich als Kind die Schwächere war.”

“Im Keller war ich Bibiana. Sie war duldsamer” beschreibt Kampusch im “Kurier”-Interview wie Priklopil ihr im Alter von elf Jahren einen neuen Namen gab: “Damit hat er mir einerseits meine Kraft genommen, weil mein Vorname ist doch sehr kräftig – das ist ein ausdrucksstarker, intensiver Vorname. (…) Der Name hat mir damals auch geholfen. Ich wurde eine andere Person.” Beim Schildern ihres Martyriums berichtet Kampusch von Schlägen, Brandwunden und Würfen mit einem Stanleymesser. “Über ein Mikrofon hat er Befehle ausgegeben. Wie im Spital oder in chinesischen Restaurants, wo oben so ein Lautsprecher ist, und man kann nichts machen, man muss sich das anhören”, schilderte sie im “Kurier”.

Durch die Veröffentlichung des 284-Seiten starken Buches werden nun erstmals die Details ihres Martyriums bekannt. Kampusch: “Habe ich geschrien? Ich glaube nicht. Und doch war alles in mir ein einziger Schrei. Er drängte nach oben und blieb weit unten in meiner Kehle stecken: ein stummer Schrei, als wäre einer dieser Alpträume wahr geworden, in denen man rennen will, aber die Beine bewegen sich wie in Treibsand. Habe ich mich gewehrt? Habe ich versucht, seine perfekte Inszenierung zu stören? Ich muss mich gewehrt haben, denn am nächsten Tag hatte ich ein blaues Auge. An den Schmerz durch den Schlag kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern, nur an das Gefühl lähmender Ohnmacht”, so eine Textpassage aus der Autobiografie in der “Kronen Zeitung”.

Im “Kurier”-Interview resümierte Kampusch ihre niedergeschriebenen Erlebnisse. Den Satz “Ich fühlte mich lebendig konserviert wie in einem unterirdischen Tresor” analysierte das Entführungsopfer folgendermaßen: “Man wird so wertlos, man merkt, dass man eigentlich nicht wirklich wichtig ist für die Welt. Oder für den Fortbestand der Welt. Gerade als Kind ist man sich selbst ja sehr wichtig. Und dann beginnt man erst, so ein Gefühl für ein großes Ganzes zu entwickeln. Und irgendwann kommt dann so eine Resignation, dass man eh nichts dagegen machen kann, wenn man dort erstickt oder verhungert.”

Das Buch erscheint laut Medienberichten in elf Ländern -  Österreich, Deutschland, in der Schweiz, Großbritannien, Irland, Frankreich, in den Niederlanden, Belgien, Kanada, Neuseeland und Australien. Am kommenden Mittwoch wird “3096 Tage” offiziell in den allgemeinen Handel kommen. Einen Tag später wird die 22-Jährige unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen in der Wiener Thalia-Buchhandlung in Wien-Landstraße aus ihrem Buch lesen.

  • VIENNA.AT
  • Wien
  • Kampusch: "Im Keller war ich Bibiana"
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen