Kampusch-Entführung: "Neuinformation macht innere Neuordnung nötig"

"Was-wäre-wenn"-Fragen werden wieder gestellt, wieder muss ein Abschluss gefunden werden, mit dem man weiterleben kann: Natascha Kampusch habe nach ihrer Befreiung aus der Gefangenschaft eine intensive Zeit hinter sich gebracht.

“Es wirkt, als habe sie mittlerweile zu einem Abschluss gefunden, mit dem sie etwas leben kann”, sagte Helga Kernstock-Redl vom Berufsverband Österreichischer Psychologen (BÖP). “Eine Neuinformation (wie die nun bekanntgewordenen Vorwürfe, Anm.) verlangt aber wieder eine innere Neuordnung.”

Die Frage “was anders hätte laufen können” werde sich Kampusch in ihrer Verarbeitung schon öfters gestellt haben, meinte die Psychologin. “Jetzt ist wieder so ein Punkt.” Es sei “die große Kunst”, mit etwas fertig zu werden, bei dem es im Endeffekt keine Gerechtigkeit geben könne und trotz allem weiterzuleben: “Diese Ungerechtigkeit begleitet Opfer sehr lange und es braucht jetzt ein neues Stück Arbeit, das wieder zu verarbeiten”, meinte Kernstock-Redl. “Es war so, wie es war – sich wieder neu damit auseinandersetzen und sich wieder neu darauf einstellen – die Kunst, mit der Frage erneut abzuschließen.”

Bis sich herausstellt, ob sich die Vorwürfe bewahrheiten oder nicht, sei die Situation eine verschwommene, ungeklärte – wobei Unklarheit meist der schlimmste Zustand sei, meinte die Psychologin. In der Regel sei es für Gewaltopfer wichtig, ob sich ein Verdacht als Wahrheit entpuppe oder nicht: “Wenn keiner da ist, der schuld sein kann, dann wird auch das Gefühl nicht so arg sein, weil die Betroffenen das in ihrem Verarbeitungsprozess schon einmal hinter sich gebracht haben”, so die Expertin.

Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten sollten, müsse vom Opfer im Prinzip Trauerarbeit geleistet werden: “Man hat eine Möglichkeit verloren, einem wurde eine Chance genommen”, erklärte Kernstock-Redl. “Es hätte anders laufen können – das macht Zorn und Wut. Dann kommt: Es ist aber nicht so gelaufen – das macht traurig. Das steht Natascha Kampusch vielleicht bevor.” Bei der Trauerarbeit könne aber auch das Umfeld unterstützen: Zuhören, für das Opfer da sein.

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