Jugend & Gewalt: Mehr Anzeigen - weniger Verurteilungen

Gewalt: Mehr Anzeigen, weniger Verurteilungen
Gewalt: Mehr Anzeigen, weniger Verurteilungen © bilderbox.at
Seit 1988 haben sich bei Jugendlichen die Meldungen von Körperverletzung verdreifacht, von sexueller Gewalt versechsfacht und von Raub verzehnfacht. Zur genaueren Analyse halten Kriminalsoziologen allerdings "Dunkelfeld-Messungen" für notwendig.

Bei diesen Zahlen handelt es sich jedoch nicht um Verurteilungen, betonte der Rechts- und Kriminalsoziologe Arno Pilgram am Mittwoch anlässlich der Tagung “Jugend und Gewalt” des wienXtra-Instituts für Freizeitpädagogik. Er wies darauf hin, dass diese Zahlen daher nicht als gegeben genommen werden dürften.

Der Experte erläuterte, dass bei einem gleichzeitigen Anstieg von 1.585 Körperverletzungsanzeigen im Jahr 1988 auf 5.098 in 2007 die Verurteilungen von 23 auf elf Prozent gesunken sind. Weiters fehle es hierzulande an sogenannten “Dunkelfeld-Messungen”. Mit repräsentativen Umfragen wie “Victim Surveys” (“Opfer-Befragungen”, Anm.) sei etwa in den USA von 1973 bis 2005 ein Rückgang der Jugendkriminalität um 49 Prozent festgestellt worden. Gleichzeitig stieg die Zahl der Anzeigen laut Pilgram auf plus 66 Prozent. Diese Erhebungsmethode ist dem Experten zufolge bei Sicherheitsbehörden angesehen und werde in Form einer europaweiten Regelung wohl künftig auch in Österreich Anwendung finden, wie er vermutete.

Der türkischstämmige Integrationsexperte Kenan Güngör attestiert beim Thema Jugendgewalt vor allem männlichen Teenagern aus zugewanderten Familien “ein erhöhtes Täter- und Opferrisiko”. Migranten mit meist ländlicher Herkunft träfen auf eine völlig neue Form der Gesellschaft und stünden neuen Rollenverhältnissen, Normen und einem veränderten Wertesystem gegenüber. Er erklärt sich Gewalt als ein Phänomen von Desintegration und partieller Integration.

Den Ursprung für die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen in brutalen Medienangeboten zu sehen, ist nach Ansicht der Medienpädagogin Anu Poyskö nicht die Lösung. Es sei zwar wichtig, mit Kindern und Heranwachsenden über die Medienerlebnisse zu sprechen, um somit eine Übertragung auf das reale Leben zu verhindern. Das Hauptproblemfeld bei Teenagern sieht sie jedoch bei psychischer Gewalt. Über Webanwendungen verfassen Jugendliche Texte und laden Fotos hoch, mit denen Mitmenschen verletzt werden. Hier muss laut der Expertin Bewusstsein über ihre Handlungen bei den Heranwachsenden geschaffen werden.

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