Jüdische Erben streiten mit deutschem Museum

Liebevoll blättert Chaim Haller in Inventarbüchern, deren Seiten die Geschichte der im Dritten Reich verloren gegangenen, damals größten Privatsammlung moderner Kunst erzählen.

In akkurater Sütterlinschrift hatte der jüdische Anwalt und Kunstsammler Ismar Littmann darin seit den 1920er Jahren jeden Kauf eines Kunstwerks aufgelistet. Der kunstbegeisterte Breslauer kaufte damals Werke von Künstlern wie Otto Dix, Max Pechstein, Otto Mueller und Lovis Corinth. Chaim Haller (83) spricht für seine Frau Ruth, das letzte überlebende von vier Kindern Littmanns. Seit der „Berliner Erklärung” von 1999 über die Rückgabe von „Beutekunst” kämpft das Ehepaar aus Tel Aviv um die Restitution von Bildern aus der bedeutenden Sammlung, die etwa 300 Ölgemälde und gut 5.800 Papierarbeiten umfasste.

Besondere Medienaufmerksamkeit erlangte zuletzt ein emotionsgeladener Streit zwischen den Littmann-Erben und dem Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg über ein wertvolles Gemälde von Emil Nolde. Der komplexe Fall um den „Buchsbaumgarten” von 1909 sollte eigentlich als erste Angelegenheit die im Sommer gegründete deutsche Ethik-Kommission zu Nazi-Raubkunst beschäftigen. Das Museum in Duisburg will jedoch nicht vor der Kommission erscheinen, die ihre Verhandlungen nur aufnehmen kann, wenn beide Parteien sie offiziell beauftragen. Nach Darstellung von Chaim Haller hat allerdings die deutsche Kulturstaatsministerin Christina Weiss schriftlich zugesichert, den Fall vor die Kommission bringen zu wollen.

Die Geschichte des leidenschaftlichen Sammlers Littmann endete tragisch. „Seine Riesensammlung wurde von den Nazis zu ’entarteter Kunst’ degradiert und war damit fast wertlos”, erzählt Haller. Nachdem Littmann zudem Berufsverbot erhielt, stand er vor dem Ruin. „Er hatte sein ganzes Vermögen in Bildern angelegt und war nun ein armer Bettler.” 1934 nahm Littmann sich aus Verzweiflung das Leben.

Seine Witwe sah sich gezwungen, Bilder zu sehr niedrigen Preisen zu verkaufen, um die Familie zu ernähren und die Emigration zu finanzieren. 1935 kam die Witwe nach England, wo sie fünf Jahre lang auf die notwendigen Papiere zur Weiterreise in die USA warten musste. Sie konnte kein einziges Bild mitnehmen.

Dutzende von Kunstwerken aus der Sammlung wurden von der Gestapo beschlagnahmt. Das besagte Ölbild Noldes wurde im Februar 1935 auf einer Auktion in Berlin für 350 Reichsmark versteigert, „ein Pappenstiel”, wie Haller meint. Käufer war ein ebenfalls jüdischer Sammler, der Bankier Heinrich Arnold. Seine Witwe nahm das Bild bei ihrer Auswanderung mit in die USA. 1956 kehrte das Bild dann nach Deutschland zurück, nachdem das Duisburger Museum es bei einer Kunsthandlung in Stuttgart kaufte.

Die Littmann-Erben sehen das Recht auf ihrer Seite. Sie sprechen von einem verfolgungsbedingten Zwangsverkauf durch die Witwe Littmann, der laut Beschluss der Stiftung Preußischer Kulturbesitz von 1999 einer „Beschlagnahme durch die Gestapo gleichgestellt” sei. Museen in Emden, Köln und Berlin hatten den Hallers in den vergangenen Jahren drei aus der Littmann-Sammlung stammende Werke von Otto Mueller und ein Ölgemälde von Alexander Kanoldt freiwillig zurückerstattet und dann durch Rückkauf wieder rechtmäßig erworben.

Das Museum in Duisburg lehnt jedoch ein ähnliches Verfahren hinsichtlich des Nolde-Bildes ab. Museumsdirektor Christoph Brockhaus erklärt, der Nolde sei 1935 von einem jüdischen Käufer „redlich” erworben worden. Man dürfe „nicht ein jüdisches Schicksal gegen ein anderes ausspielen”. Das Museum habe das Bild „rechtmäßig, gutgläubig und ohne Kenntnis der Vorgeschichte” gekauft und sei daher nicht verpflichtet, es zurückzugeben. Brockhaus wirft den Erben vor, eine „Drohkulisse aus Politik und Medien” inszeniert zu haben.

Es geht bei dem Streit nicht nur um Moral, sondern auch um viel Geld. Der Wert des Gemäldes wird inzwischen auf eine halbe Million Euro geschätzt. Einige Museumsdirektoren fürchten nach der „Berliner Erklärung” einen Dammbruch für ähnliche Restitutionsforderungen. Viele Museen haben gar nicht die finanziellen Mittel, die geforderte Provenienzforschung zu leisten.

Haller will solche Argumente jedoch nicht gelten lassen. „Wir haben immer wieder gehört, es gibt kein Geld, aber dann findet sich doch ein Mäzen.” Auch am Ende des Streits um den Nolde wird vermutlich eine finanzielle Einigung stehen. Immerhin hat das Kuratorium des Museums in Duisburg die Leitung beauftragt, „mit der Erbengemeinschaft zu einer Verständigung zu kommen”.

APA/dpa) – Liebevoll und wehmütig blättert Chaim Haller in zwei alten Inventarbüchern, deren vergilbte Seiten die Geschichte der im Dritten Reich verloren gegangenen, damals wohl größten Privatsammlung moderner Kunst erzählen. In akkurater Sütterlinschrift hatte der jüdische Anwalt und Kunstsammler Ismar Littmann darin seit den 1920er Jahren jeden Kauf eines Kunstwerks aufgelistet. Der kunstbegeisterte Breslauer kaufte damals Werke von Künstlern wie Otto Dix, Max Pechstein, Otto Mueller und Lovis Corinth. Chaim Haller (83) spricht für seine Frau Ruth, das letzte überlebende von vier Kindern Littmanns. Seit der „Berliner Erklärung” von 1999 über die Rückgabe von „Beutekunst” kämpft das Ehepaar aus Tel Aviv um die Restitution von Bildern aus der bedeutenden Sammlung, die etwa 300 Ölgemälde und gut 5.800 Papierarbeiten umfasste.

Besondere Medienaufmerksamkeit erlangte zuletzt ein emotionsgeladener Streit zwischen den Littmann-Erben und dem Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg über ein wertvolles Gemälde von Emil Nolde. Der komplexe Fall um den „Buchsbaumgarten” von 1909 sollte eigentlich als erste Angelegenheit die im Sommer gegründete deutsche Ethik-Kommission zu Nazi-Raubkunst beschäftigen. Das Museum in Duisburg will jedoch nicht vor der Kommission erscheinen, die ihre Verhandlungen nur aufnehmen kann, wenn beide Parteien sie offiziell beauftragen. Nach Darstellung von Chaim Haller hat allerdings die deutsche Kulturstaatsministerin Christina Weiss schriftlich zugesichert, den Fall vor die Kommission bringen zu wollen.

Die Geschichte des leidenschaftlichen Sammlers Littmann endete tragisch. „Seine Riesensammlung wurde von den Nazis zu ’entarteter Kunst’ degradiert und war damit fast wertlos”, erzählt Haller. Nachdem Littmann zudem Berufsverbot erhielt, stand er vor dem Ruin. „Er hatte sein ganzes Vermögen in Bildern angelegt und war nun ein armer Bettler.” 1934 nahm Littmann sich aus Verzweiflung das Leben.

Seine Witwe sah sich gezwungen, Bilder zu sehr niedrigen Preisen zu verkaufen, um die Familie zu ernähren und die Emigration zu finanzieren. 1935 kam die Witwe nach England, wo sie fünf Jahre lang auf die notwendigen Papiere zur Weiterreise in die USA warten musste. Sie konnte kein einziges Bild mitnehmen.

Dutzende von Kunstwerken aus der Sammlung wurden von der Gestapo beschlagnahmt. Das besagte Ölbild Noldes wurde im Februar 1935 auf einer Auktion in Berlin für 350 Reichsmark versteigert, „ein Pappenstiel”, wie Haller meint. Käufer war ein ebenfalls jüdischer Sammler, der Bankier Heinrich Arnold. Seine Witwe nahm das Bild bei ihrer Auswanderung mit in die USA. 1956 kehrte das Bild dann nach Deutschland zurück, nachdem das Duisburger Museum es bei einer Kunsthandlung in Stuttgart kaufte.

Die Littmann-Erben sehen das Recht auf ihrer Seite. Sie sprechen von einem verfolgungsbedingten Zwangsverkauf durch die Witwe Littmann, der laut Beschluss der Stiftung Preußischer Kulturbesitz von 1999 einer „Beschlagnahme durch die Gestapo gleichgestellt” sei. Museen in Emden, Köln und Berlin hatten den Hallers in den vergangenen Jahren drei aus der Littmann-Sammlung stammende Werke von Otto Mueller und ein Ölgemälde von Alexander Kanoldt freiwillig zurückerstattet und dann durch Rückkauf wieder rechtmäßig erworben.

Das Museum in Duisburg lehnt jedoch ein ähnliches Verfahren hinsichtlich des Nolde-Bildes ab. Museumsdirektor Christoph Brockhaus erklärt, der Nolde sei 1935 von einem jüdischen Käufer „redlich” erworben worden. Man dürfe „nicht ein jüdisches Schicksal gegen ein anderes ausspielen”. Das Museum habe das Bild „rechtmäßig, gutgläubig und ohne Kenntnis der Vorgeschichte” gekauft und sei daher nicht verpflichtet, es zurückzugeben. Brockhaus wirft den Erben vor, eine „Drohkulisse aus Politik und Medien” inszeniert zu haben.

Es geht bei dem Streit nicht nur um Moral, sondern auch um viel Geld. Der Wert des Gemäldes wird inzwischen auf eine halbe Million Euro geschätzt. Einige Museumsdirektoren fürchten nach der „Berliner Erklärung” einen Dammbruch für ähnliche Restitutionsforderungen. Viele Museen haben gar nicht die finanziellen Mittel, die geforderte Provenienzforschung zu leisten.

Haller will solche Argumente jedoch nicht gelten lassen. „Wir haben immer wieder gehört, es gibt kein Geld, aber dann findet sich doch ein Mäzen.” Auch am Ende des Streits um den Nolde wird vermutlich eine finanzielle Einigung stehen. Immerhin hat das Kuratorium des Museums in Duisburg die Leitung beauftragt, „mit der Erbengemeinschaft zu einer Verständigung zu kommen”.

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