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Johannes Paul II. reist nach Muster

Zum 100. Mal reist Papst Johannes Paul II. am Donnerstag von Rom ins Ausland. Die Reise mit der runden Zahl ist umso bemerkenswerter, als sie ins 25. Amtsjahr des Papstes fällt.

Sie ist damit im doppelten Sinn eine Jubiläumsreise. Bereits bei der 99. Reise im Mai nach Spanien durchbrach er eine weitere statistische Grenze: Mit 1.157.721 zurückgelegten Kilometern hat er die Entfernung von der Erde zum Mond mehr als drei Mal hinter sich gebracht. Von den 194 Staaten der Erde hat er 129 besucht. Hinzu kommen noch 142 Reisen in Italien und 301 Pfarrbesuche in seiner Diözese Rom.

Nicht zu beziffern ist die Zahl der Menschen, die ihn auf Reisen live bei seinen insgesamt 2.393 Ansprachen gehört haben. Allein zu seinem größten Gottesdienst in Manila 1995 kamen fast vier Millionen Menschen, und bei Polenreisen brachte er binnen einer Woche bis zu zehn Millionen auf die Beine.

Trotz dieser beeindruckenden Zahlen ist die Reisetätigkeit des Papstes keineswegs beliebig. Es gibt erkennbare Muster und Vorlieben. Polen besuchte er acht Mal, die USA sieben Mal, Frankreich sechs Mal, Mexiko und Spanien je fünf Mal. Vier Mal war er in Brasilien sowie in Portugal. Mit dieser Liste sind auch die wichtigsten katholischen Kraftzentren der Welt aus der Sicht des Papstes benannt. Österreich und Deutschland liegen mit bisher drei Reisen im „Mittelfeld“, zusammen mit Ländern wie Tschechien, Kanada, Guatemala oder Kenia.

In den vergangenen vier Jahren wurden nach einem ökumenischen Durchbruch in Rumänien zahlreiche Länder erstmals als Ziele ausgewählt, in denen die Ostkirche tonangebend sind. Dazu zählen Georgien, Griechenland, die Ukraine, Kasachstan, Armenien und Bulgarien. Um das Heilige Jahr 2000 herum konzentrierte sich der Papst auf das Ursprungsgebiet des Christentums im Nahen Osten und bereiste Ägypten, Syrien, Jordanien und Israel, das Heilige Land. Aus politischen Gründen immer noch unerreichbar sind für ihn Russland, China und einige islamische Staaten.

Schon als der Papst aus Polen im Jänner 1979 drei Monate nach seiner Wahl die erste Auslandsreise (in die Dominikanische Republik und nach Mexiko) wagte, wurde klar, dass er eine andere Reisestrategie entwickeln würde als sein Vorgänger Paul VI. Dieser hatte in den 15 Jahren seiner Amtszeit ganze neun Reisen unternommen, die ihn auf alle Kontinente sowie zu wenigen symbolisch wichtigen Orten der Erde, etwa zur UNO in New York oder ins Heilige Land führten. Johannes Paul II. reiste von Beginn an anders. Er suchte den Kontakt zum Volk, die großen Massenauftritte und scheute nicht die Auseinandersetzung mit brennenden gesellschaftlichen Fragen.

Schon in Mexiko hatte seine Reise unmittelbare politische Folgen:
Die bis dahin unterdrückte katholische Kirche erhielt viele ihrer Rechte wieder, die jahrzehntelange Herrschaft der antiklerikalen Regierungspartei PRI zeigte erste Risse.

Noch deutlicher waren die politischen Auswirkungen der zweiten Reise, die ihn fünf Monate später ins heimatliche Polen führte. Millionen von Menschen strömten auf die Plätze, um ihren Papst zu hören, als er um eine „Erneuerung“ des Landes betete. Wenige Monate später entstand die vom Vatikan unterstützte Massenbewegung „Solidarnosc“ (Solidarität), die in einem jahrelangen, zähen Kampf den Kommunisten die Macht entrang und damit das Ende des Staatssozialismus in Osteuropa einleitete. Ähnliche politische Erdbeben löste er später in Chile, Paraguay, Haiti und auf den Philippinen aus.

Seine Reisen folgten bis Mitte der neunziger Jahre einem gewissen Muster: Während er bei seinen Überseezielen meist fünf oder mehr Länder in einer Mammutreise zusammenlegte, bereiste er in Europa in der Regel nur ein einzelnes Land. Die Ziele in Europa machen daher mehr als zwei Drittel der 100 Papstreisen aus. Dies hat logistische Gründe, bringt aber auch die besondere Bedeutung zum Ausdruck, die Johannes Paul II. dem Alten Kontinent als Stammgebiet der Kirche bis heute beimisst – und das trotz der Zuwächse in Lateinamerika, Afrika und Teilen Asiens.

In den letzten sieben Jahren ist die durchschnittliche Dauer der Reisen als Folge von Alter und Krankheit des Papstes deutlich zurückgegangen. Seit er sichtlich an Parkinson leidet, mutete er sich und seinem Begleittross aus Vatikanpersonal und Medienleuten nur noch bei den Polenbesuchen 1997 und 1999 jeweils mehr als zehn Tage Reisedauer zu. Ansonsten liegt die durchschnittliche Reisedauer jetzt bei zwei bis drei Tagen. Dass er sich für seine 100. Auslandsreise – sie führt ihn zum dritten Mal nach Kroatien – fünf Tage Zeit nimmt, ist deshalb besonders bemerkenswert. Damit unterstreicht der 83-jährige auch seine Entschlossenheit, allen körperlichen Behinderungen zum Trotz weiter in aller Welt das Evangelium zu verkünden.

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