Jede 5. Frau in Österreich ist Gewaltopfer

Für Frauen zwischen 16 und 45 Jahren ist es weltweit gesehen wahrscheinlicher, von ihrem Lebenspartner oder einem Verwandten getötet zu werden, als durch Krieg und Terrorismus ums Leben zu kommen.

Schlagen, bespucken, mit Füßen treten, würgen, an die Wand drücken oder auf den Boden werfen – für Frauen zwischen 16 und 45 Jahren ist es weltweit gesehen wahrscheinlicher, von ihrem Lebenspartner oder einem Verwandten getötet zu werden, als durch Krieg und Terrorismus ums Leben zu kommen. Jede fünfte Frau in Österreich ist Gewaltopfer. Anlässlich des internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen am 25. November haben sich Experten bei einer Pressekonferenz in Wien für die Enttabuisierung des Themas engagiert.

“Ich bringe dich um, wenn du mich verlässt!”, “Dich finde ich überall!” – hinter den Androhungen von gewalttätigen Männern steckt ein “kleines gekränktes Selbst, das nach Zuwendung und Nähe schreit”, sagte Reinhard Pichler, Leiter des Wiener Krankenhauses der Barmherzigen Brüder. Gewalt in der Familie ist immer noch ein Tabuthema. Aber erst wenn das Schweigen gebrochen wird, sind Wege aus der Gewaltspirale möglich. 

Gewalt dulden aus Angst

“Uns ist klar, dass Menschen, die unter Druck gesetzt werden, Angst haben und Gewalt dulden”, sagte Wilfried Ilias, Vorstand der Abteilung für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie bei den Barmherzigen Brüdern. Betroffene haben häufig Angst vor den Konsequenzen, wenn sie das Schweigen brechen, und sehen in der Erduldung der Taten den “einfacheren” Ausweg, sagte Ilias. Sie würden die Täter oft aus Scham und Angst sogar noch schützen.

Gewalt in der Familie, am Spielplatz oder am Arbeitsplatz ist prägender, als wir dachten, betonte der Mediziner. “Wir sind im Krankenhaus darauf aufmerksam geworden, dass viele Menschen mit psychischen Problemen an chronischen Schmerzen leiden.” Zwischen 35 und 50 Prozent der chronischen Schmerzpatienten waren in ihrer Vergangenheit Opfer von Missbrauch, Misshandlungen oder emotionaler Gewalt.

Schüler als wichtige Zielgruppe

“Gewalt ist nicht Ausdruck von gewissen Schichten. Sie nimmt keine Rücksicht auf Bildungsgrad oder finanziellen Hintergrund”, sagte Ilias. Wichtige Zielgruppe in der Gewaltaufklärung sind Schüler. Familiäre Gewalt “muss Thema sein in Schulen”, sagte die Präsidentin des Wiener Stadtschulrates, Susanne Brandsteidl. “Es gibt Möglichkeiten der Aufarbeitung, damit Kinder später als Erwachsene Gewalt nicht in die eigene Familie weiter tragen”, sagte sie.

Ärztliches und pflegerisches Personal ist für die Aufklärung von Gewalttaten ausschlaggebend. Sie kommen häufig als erste mit Betroffenen in Kontakt und haben dadurch eine Schlüsselfunktion, betonte Gerichtsmedizinerin Andrea Berzlanovich. “Ein einfühlsames ärztliches Gespräch ist Grundvoraussetzung dafür, dass das Opfer Mut fasst und sich öffnet.”

Frauen und Kinder werden meist in der gewohnten Umgebung geschlagen. Das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien-Leopoldstadt beherbergt derzeit die Ausstellung “Hinter der Fassade”. Sie zeigt anhand einer nachgebauten Familienwohnung jenen Ort, an dem Gewalttaten stattfinden.

 

 

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