Jazz kreativ, fetzig und sexy

Der Brite Jamie Cullum entstaubt Jazzrhythmen gründlich und bietet ein Feuerwerk an Improvisation - rock-gewürzter neuer Jazzsound entsteht.  

Ich war sehr klein und sehr schüchtern. Ich hatte keine Chance bei den Frauen. Also musste ich anfangen, Musik zu machen“: Über 800.000 verkaufte Alben später ist der junge Brite Jamie Cullum zur hüftschwingenden und headbangenden Hoffnung des Jazz avanciert und macht für die Genüsse der Improvisationsmusik ähnliches wie sein Vornamensvetter Jamie Oliver für Speis und Trank: Hip statt verzopft, sexy statt satt, kreativ statt nach Rezept kocht Cullum fetzige Versionen alter Standards und seine eigenen Songs zu einer rock-gewürzten neuen Jazz-Mischung ein.

Auftritt in Wien begeisterte


Damit überzeugt er „selbst Eminem-Fans“ auf Pop-Festivals vom heutigen Potenzial des Jazz. Am Donnerstag hat der Pianist, Gitarrist und Sänger sein Album „Twentysomething“ (Universal) und sein Entertainer-Talent in Wien präsentiert, wo er am 13. Juli im Rahmen des Jazz Fest Wien am Rathausplatz spielen wird.


Vor allem hat er in Wien seine Stimme vorgestellt, die – ähnlich wie bei seinem weiblichen Counterpart Joss Stone – eine Reife und Ausgewogenheit weit jenseits seines Twentysomething-Alters birgt. Schnell war Cullum zum neuen Wunderkind des Jazz hochgehypt – aber er selbst fühlt sich eigentlich nicht jung für einen Jazz-Musiker. „Junge Musiker haben immer Jazz gespielt“, so Cullum vor dem Wiener Konzert zur APA. „Nur ist diesmal die Plattenindustrie aufmerksam geworden.“ Und wie: Universal Classics & Jazz UK hat im Vorjahr eine Million Pfund in die Hand genommen, um Cullums Album zu produzieren und zu promoten. Was sich ausgezahlt hat: Im letzten Drittel des Jahres 2003 hat Cullum im Königreich mehr Alben verkauft als etwa Kylie Minogue oder Pink.


Dass bei solchen Verkaufszahlen – Cullum wurde der am schnellsten verkaufende Jazzmusiker der britischen Geschichte – neues, junges Publikum im Spiel sein muss, ist klar. Und den überernsten alten Jazz-Freaks im Anzug macht Cullum es auch abseits seiner Auftritte auf Pop-Festivals ohnehin nicht leicht: Als Teenager hat er lieber Kurt Cobain als John Coltrane gehört – „hätte ich in der Schule gesagt, dass ich Jazz höre, wäre ich soundso vermutlich zusammengeschlagen worden“, so Cullum mit einem Lächeln.

Jazz rockig, groovy und voll Swing


Doch dann begann er, seinen musikalischen Geschmack in die Vergangenheit zu richten – „und plötzlich schien mir Cobain altmodisch. Jazz war neu“. Diesen Vibe des Neuen will Cullum, der in seinen neuen Versionen glücklicherweise weit abseits des Jazz-Rocks ohne verzerrte Gitarren auskommt, beibehalten: „Wenn ich einen Standard spiele, soll er klingen, als wäre er vorgestern geschrieben worden“. So singt Cullum live nicht gerade taufrische Sachen wie „Singin’ in the Rain“ ohne Mikro auf dem Klavier stehend (was wohl jedes laut schwatzende Jazz-Club-Publikum zur Ruhe bringt), verwendet sein Klavier als Percussion-Instrument, groovt, rockt und swingt, bis jeder verstanden hat: Der Jazz ist tot, lang lebe der Jazz.


Diesen propagiert Cullum nicht nur in Europa, er will ihn auch in sein Heimatland zurückbringen: Die erste längere US-Tour steht kurz bevor, „die Menschen dort scheinen die ’Britischheit’ meiner Musik zu mögen“, so Cullum. Anzüge, das Erkennungszeichen des „wirklichen Jazzers“, trägt er bei seinen Auftritten keine („So wie ich performe, würde mir viel zu heiß werden! Ich könnte mich durch einen Anzug umbringen!“), und in seinem Publikum will er nicht „nur alte Männer“ sehen – „das ist zu unsexy“.


Jetzt ist sein Publikum zur Hälfte unter 20, sein nächstes Album sollen die Hip-Hop-Übermeister Neptunes produzieren und mit seinem Bruder remixt er seine Songs zu Dance-Versionen. Was oft gar nicht nötig wäre: Neben dem mitreißenden Titel-Track versehen Cullum und sein Trio etwa „I Could Have Danced All Night“ aus „My Fair Lady“ mit einem sehr heutigen Bass-Drums-Beat. „Ich wollte den Song für die Extasy-Generation neu erfinden“, schmunzelt Cullum. Das könnte er ohne weiteres für all that Jazz schaffen.

Tipp: Alben von Jamie Cullum gewinnen
Link: www.jamiecullum.com

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