Irak: US-Luftangriff auf Falluja

Die US-Armee hat am Dienstag einen weiteren Luftangriff auf die Widerstandshochburg Falluja durchgeführt, der einem Unterschlupf des Al-Kaida-Verbündeten Abu Mussab al Zarqawi gegolten haben soll.

Dabei sind vier Menschen getötet worden. Sechs weitere Menschen wurden verletzt, wie der Leiter des städtischen Krankenhauses mitteilte. Bei den Opfern habe es sich um Beschäftigte eines Restaurants gehandelt. Wie ein AFP-Reporter berichtete, wurde das Lokal im Zentrum der Stadt komplett zerstört. „Nach dem Beschuss waren weitere Explosionen zu hören. Dies zeigt, dass es dort sehr wahrscheinlich ein Lager von Waffen und Sprengsätzen gab“, teilte die US-Armee mit.

Terroristen hätten von diesem Gebäude aus häufig Angriffe und Attentate geplant, darunter auf die irakische Übergangsregierung, die irakischen Sicherheitskräfte, US-Koalitionskräfte und unschuldige Zivilisten. Auf diese Weise hat die US-Armee auch die vorhergehenden gezielten Angriffe auf Gebäude in der Stadt 50 Kilometer westlich von Bagdad begründet.

Im Fernsehen waren Bilder von Menschen zu sehen, die die Trümmer des Gebäudes durchsuchten. „Zarqawi kommt nicht hierher“, sagte ein Einwohner. „Wo ist Zarqawi? Wir haben Zarqawi nie gesehen!“ Zarqawis Gefolgschaft hat sich zu zahlreichen Attentaten bekannt. Seine Anhänger haben zudem mehrere ausländische Geiseln entführt und getötet. Bei US-Luftangriffen auf Falluja starben nach Angaben irakischer Ärzte seit Juni mindestens 200 Menschen.


Anschläge schrecken Iraker vom Dienst ab

Salah Abbas hat die Warnungen seiner Familie in den Wind geschlagen. Schließlich muss er fünf Kinder ernähren. Der Iraker wollte sich im vergangenen Monat für den Dienst bei der Nationalgarde bewerben. Jetzt liegt Abbas verletzt im Krankenhaus. Ein Selbstmordattentäter hatte sich in der Nähe des Rekrutierungszentrums in die Luft gesprengt. Nach diesem Anschlag, bei dem sechs Iraker ums Leben kamen, hat Abbas seine Meinung geändert. Er wolle der Nationalgarde nicht mehr beitreten, sagt er. „Lieber esse ich nur trockenes Brot.“

Immer wieder verüben Extremisten im Irak blutige Anschläge auf die Sicherheitskräfte. Polizisten und Nationalgardisten werden von Aufständischen als Kollaborateure der Amerikaner angesehen. Wie viele von ihnen bisher Terrorakten zum Opfer fielen, ist nach Angaben des irakischen Innenministeriums nicht offiziell registriert worden. Ein Mitarbeiter des Ministeriums, Generalmajor Samir al Waeli, gibt die Zahl der seit April 2003 getöteten Polizisten mit knapp 1.000 an. Nicht mitgezählt seien diejenigen, die bei Anschlägen vor Rekrutierungszentren ums Leben kamen, ebensowenig Angehörige anderer Sicherheitskräfte, etwa der Nationalgarde.

Iraker, die sich um eine Stelle bei Polizei oder Nationalgarde bemühen, sind ein vergleichsweise leichtes Ziel für Attentäter. Die Behörden rufen nun Bewerber auf, nicht alle am gleichen Tag zu erscheinen. Außerdem sollten sie nicht in einer Schlange warten, sondern in den angrenzenden Straßen. Dieser Rat wurde auch den Männern gegeben, die sich ebenso wie Abbas am 22. September registrieren lassen wollten. Doch die Extremisten passen ihre Strategie an: Die Autobombe, die Abbas verwundete, explodierte nicht direkt vor dem Rekrutierungszentrum, sondern ein Stück entfernt, wo die Bewerber Dokumente kopierten, Eis aßen oder sich die Wartezeit mit Gesprächen vertrieben.

„Sie sind besser organisiert als früher“, sagt Nationalgardist Anwar Mohammed Amin über die Aufständischen. „Sie warten auf eine Gelegenheit, kundschaften Ziele aus und sammeln genaue Informationen.“

Trotz der Anschläge reißt der Strom der Bewerbungen nicht ab. Einige Polizisten sagen sogar, dass der Terror ihre Entschlossenheit noch verstärke, ihrem Land zu dienen. Diese Einschätzung äußerte kürzlich auch Ministerpräsident Iyad Allawi. Beim Besuch eines Rekrutierungszentrums, das tags zuvor Schauplatz eines Anschlags mit mehr als 40 Todesopfern war, habe er hunderte Freiwillige vorgefunden. „Sie alle sind euphorisch. Sie sind fest entschlossen, den Terrorismus und die Aufständischen zu besiegen“, sagte Allawi.

Doch angesichts weit verbreiteter Arbeitslosigkeit scheint der monatliche Gehaltscheck oft der wichtigste Beweggrund für eine Arbeit bei den Sicherheitskräften. Wer seinen Dienst bei der Nationalgarde antritt, kann mit umgerechnet rund 160 Euro monatlich rechnen, zuzüglich fünf Euro Essenszuschuss pro Tag, wie Generalmajor Amin sagt.

Dass dieser finanzielle Anreiz meist der Auslöser für eine Bewerbung ist, nährt Zweifel an der Loyalität mancher der Männer. Es gebe Polizisten und Nationalgardisten, die in der Manier von Doppelagenten sowohl für die Regierung als auch für die Aufständischen arbeiteten, sagt Scheich Nayef al Jaburi, Mitglied des Provinzrates von Kirkuk. Kürzlich verhafteten US-Soldaten einen Offizier der Nationalgarde, der Extremisten in Kirkuk mit Munition, Geld und Informationen versorgt haben soll.

Auch US-Soldaten äußern hinter vorgehaltener Hand Misstrauen an ihren irakischen Kollegen – ein Gefühl, das durchaus auf Gegenseitigkeit beruht. „Die Amerikaner wollen keine Armee im Irak. Sie wollen keine Stabilität. Sie wollen keine Sicherheit“, sagt Abbas. „Sie wollen die Zerstörung, damit sie bleiben können.“

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