Irak: Blutbad in Hotel markiert Wendepunkt

Das Blutbad im Hotel „Jabal Lubnan" markiert einen Wendepunkt in der Strategie der Terroristen und Aufständischen, die im Irak Angst und Chaos verbreiten.

Denn bisher folgten die Anschläge einer bestimmten Logik. Sie trafen vor allem Besatzungssoldaten, irakische Polizisten, amerikanische Zivilisten und jene, die der Zusammenarbeit mit der US-Verwaltung verdächtigt wurden. Dazu zählten auch irakische Politiker sowie Übersetzer und Mitarbeiter ausländischer Firmen, die im Auftrag der Amerikaner im Irak beschäftigt sind.

Aus dieser Logik heraus erklärt sich auch der Tod von drei irakischen Journalisten, die am Donnerstag nach Angaben des arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera in Bakuba nördlich von Bagdad erschossen wurden. Sie arbeiteten für das unter amerikanischer Aufsicht gegründete neue irakische Fernsehen. Weshalb am Donnerstagabend ein fast ausschließlich von Arabern bewohntes Hotel als Ziel ausgewählt wurde, kann sich im Irak dagegen niemand so recht erklären.

Aus Hilflosigkeit und weil die Hintergründe der Tat im Dunkeln lagen, gaben viele Iraker am Donnerstag den Amerikanern die Schuld. „Die amerikanischen Soldaten haben das Hotel aus der Luft bombardiert, um das Chaos im Land zu vergrößern, damit sie einen Vorwand haben, um länger im Irak zu bleiben”, meint ein Mann, der bei den Bergungsarbeiten in den Trümmern des Hotels zusah. Andere beschuldigten pauschal „Araber, die unser Land ins Elend stürzen wollen”.

Einige wenige Iraker meinten, das eigentliche Ziele der Attentäter vom Mittwoch sei das nahe gelegene Al-Jazeera-Büro gewesen. Die Amerikaner haben dem Sender wiederholt vorgeworfen, er rufe zu Gewalt gegen die Besatzungsmacht auf. Zum Teil kritisierten auch irakische Schiiten Al Jazeera wegen seiner aus ihrer Sicht zu positiven Darstellung der Operationen der mehrheitlich sunnitischen Widerständler.

Allgemein gilt es als möglich, dass die Zahl der Angriffe auf Ausländer und US-Soldaten in den vergangenen Tagen zugenommen hat, weil die Terroristen und Guerillakämpfer zum Jahrestag des Kriegsbeginns am kommenden Samstag zeigen wollen, wozu sie fähig sind. Auf jeden Fall aber hat der neue Anschlag endgültig gezeigt, dass Ausländer jeder Nationalität im Irak gefährdet sind. Am Dienstag hatten Unbekannte in der Nähe von Kerbala bereits zwei Ingenieure einer deutschen Pumpenfirma, einen Deutschen und einen Niederländer, erschossen. Beobachter im Irak glauben, dass auch die beiden Männer nur deshalb getötet wurden, weil sie als Ausländer zu erkennen waren.

Außer Frage steht für Irak-Beobachter auch, dass das jüngste Blutbad in Bagdad den Wiederaufbau des Landes zusätzlich erschweren wird. Denn je weniger die Sicherheit ausländischer Firmenvertreter im Irak gewährleistet werden kann, desto langsamer kommen die Arbeiten an der zerstörten Infrastruktur voran. Viele Geberländer hatten bereits zuvor angekündigt, sie wollten wegen der chaotischen Zustände im Irak mit der Auszahlung der von ihnen zugesagten Kredite und Hilfsgelder abwarten.

Ausländische Firmenvertreter, Journalisten und Helfern, die noch in Bagdad ausharren, diskutieren nun verstärkt, wie man sich am besten vor Anschlägen schützen kann. Ist es in Hotels gefährlicher als in Privathäusern? Helfen Betonsperren, Überwachungskameras und bewaffnete Wächter, oder sollte man sich besser möglichst unauffällig „unters Volk mischen”?

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