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Intensivmediziner warnen vor experimentellen Coronavirus-Therapien

Die Intensivmediziner warnen vor experimentellen Coronavirus-Therapien.
Die Intensivmediziner warnen vor experimentellen Coronavirus-Therapien. ©Pixabay.com (Sujet)
Die Autoren einer Studie der RISC-19-ICU-Kohorte, einer Untersuchung mit schwerstkranken Intensivpatienten in Europa, warnen vor der vorschnellen Anwendung experimenteller Coronavirus-Therapien. Wirkstoffe wie Chloroquin und Co. haben bisher statt Wirkung eher Nebenwirkungen gezeigt.

Die Autoren der Open-Access-Publikation auf dem EClinical Medicine-Portal des "Lancet" untersuchten bei 639 schwerkranken Covid-19-Patienten von zahlreichen Intensivabteilungen in Europa Faktoren, welche bei Aufnahme der Kranken in die Intensivstation für einen schwereren Verlauf und erhöhte Mortalität sprachen. Die Patientengruppe mit normierten Datensätzen und Analysen aller beteiligten Kliniken erlaubte laut Erstautor Pedro David Wendel Garcia von der Universitätsklinik Zürich praktisch online die Auswertung aktueller Daten. Zu der Untersuchung beigetragen haben auch Ärzte von der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin der Johannes Keppler Universitätsklinik in Linz und der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde am Wiener AKH (MedUni Wien). Mit 22. April waren 398 der ursprünglich aufgenommenen Kranken wieder aus der Intensivabteilung entlassen worden oder verstorben.

Mortalität um Coronavirus

Die Mortalität war bei den Schwerstkranken auf der Intensivstation mit 24 Prozent relativ gering, wie die Wissenschafter schreiben. Das deckt sich mit Beobachtungen, wonach die Mortalität schwerstkranker Covid-19-Patienten auf Intensivstationen bei höchsten Standards an die 30 beträgt. Die Verstorbenen waren im Mittel 71 Jahre alt, die Überlebenden im Mittel 63 Jahre alt. Die mittlere Verweildauer auf der Intensivstation lag bei zwölf Tagen. 74 Prozent der Kranken wiesen ein akutes Lungenversagen (ARDS) auf.

Natürlich wurde vor allem in der Anfangsphase der Covid-19-Problematik auch viele bereits bekannte Therapien mit potenziellem Nutzen in individuellen Heilversuchen abseits der eigentlichen Zulassung verwendet. Das war bei zwei Drittel der Patienten der Fall.

Binnen sieben Tagen wiesen jedenfalls die Kranken mit dem schwersten Krankheitsverlauf deutlich höhere Blutwerte beim c-reaktiven Protein (Entzündungsmarker), D-Dimer (stärker aktivierte Blutgerinnung), Kreatinin (beeinträchtigte Nierenfunktion), Troponin (Labortest auf Herzmuskelschäden), Laktat und bei den Zahlen der neutrophilen weißen Blutkörperchen auf. Erhöhtes Kreatinin, D-Dimer, Laktat, Kaliumwerte und eine schlechte Sauerstoffbilanz der Lunge waren Messwerte, welche für eine höhere oder niedrigere Mortalität sprachen.

Aussagen über experimentelle Corinavirus-Medikamente

Wichtig sind die Aussagen in der Studie über die experimentell verwendeten Medikamente ohne Zulassung für Covid-19. Zwei Drittel der Kranken in der Auswertung bekamen solche Therapien: fast 60 Prozent Chloroquin oder Hydrochloroquin, zwei seit langem bekannte Anti-Malaria-Substanzen, welche auch von US-Präsident Donald Trump "gehypt" wurden. Das Aids-Medikament Lopinavir/Ritonavir (Protease-Hemmer) erhielten 28,1 Prozent, den Interleukin-6-Rezeptorblocker Tocilizumab 17,8 Prozent, Cortison 16,6 Prozent (darunter fiele auch Dexamethason). Das einzige mittlerweile für die Covid-19-Therapie direkt zugelassene Medikament, Remdesivir, bekamen nur 5,8 Prozent der Kranken.

Tocilizumab, ein monoklonaler Antikörper, wird derzeit in einer großen klinischen Studie auf seine Wirksamkeit bei SARS-CoV-2-Patienten untersucht. So wie Dexamethason - dieses mit ganz anderem Mechanismus - soll damit die bei Kranken mit schwerem Covid-19-Verlauf überschießende und die Lunge zerstörende Immunreaktion gebremst werden.

Studie zeigt eher negativen Effekt

In der Studie allerdings zeigten die experimentell verwendete Arzneimittel offenbar eher einen negativen Effekt: 89 Prozent der Patienten, bei denen zusätzlich zu Covid-19 auch noch schwere bakterielle oder Pilzinfektionen auftraten, hatten experimentelle Therapien erhalten. Die invasiven bakteriellen Infektionen betrafen 66 Kranke (16,6 Prozent), acht Patienten wiesen schwere Pilzinfektionen auf.

Die Ergebnisse unterstreichen laut den Wissenschaftern die Notwendigkeit eines sehr vorsichtigen und zurückhaltenden Gebrauch von nicht ausreichend erprobten Medikamenten bei Covid-19 ohne entsprechende Zulassung. Dies gelte speziell auch für Cortison und Tocilizumab. Die immunschwächende Wirkung der beiden Substanzen könnte also nicht nur positive Wirkung auf eine schwere Covid-19-Erkrankung haben.

Intensivmediziner fordern Vorbereitung auf Herbst

Österreich gehört laut den Intensivmedizinern zu jenen Ländern, die sich in der bisherigen Bewältigung der globalen Corona-Pandemie besonders gut geschlagen haben. Doch jetzt sollte sich das Land - speziell die Verantwortungsträger - auf mögliche kritische Entwicklungen ab kommenden Herbst vorbereiten, fordert die Österreichische Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI).

"Österreich hat durch große gemeinsame Anstrengungen die Corona-Pandemie bisher auch im internationalen Vergleich hervorragend bewältigt. Uns allen muss aber auch bewusst sein, dass die globale Entwicklung mit aktuell rund 13 Millionen bestätigen SARS-CoV-2-Infektionen besorgniserregend bleibt", erklärte ÖGARI-Präsident Klaus Markstaller (MedUni Wien/AKH Wien).

"Als intensivmedizinische Fachgesellschaft sehen wir alle Verantwortlichen in der Politik und im Gesundheitssystem gefordert, in ihren jeweiligen Aufgabenfeldern und Verantwortungsbereichen für eine angemessene und ausreichende Vorbereitung für die weitere Entwicklung der pandemischen Situation Sorge zu tragen. Was wir jetzt brauchen sind keine Spekulationen, sondern professionell-sachliche, seriöse Vorbereitungen für mögliche kritischere Konstellationen im kommenden Herbst und Winter", fügte der Experte in einer Aussendung hinzu.

Steigender Bedarf an stationärer und intensivmedizinischer Betreuung

Es sei notwendig, Vorsorge für ein erhöhtes Aufkommen an SARS-CoV-2-Infektionen zu treffen, auch in Kombination mit anderen Infektionserkrankungen, im späteren Verlauf des Jahres und auf einen damit verbundenen steigenden Bedarf an stationärer und intensivmedizinischer Betreuung.

Für die Intensivmediziner selbst bedeute SARS-CoV-2 auch ein hohes Maß an zusätzlicher Aus- und Fortbildung. Markstaller: "Mehr als 31.000 wissenschaftliche Publikationen verzeichnet die Datenbank PubMed per Mitte Juli zum Thema SARS-CoV-2, viele davon betreffen anästhesiologische, notfall- oder intensivmedizinische Fragestellungen. Hier bedarf es großer Anstrengungen für alle Beteiligten, auf dem aktuellen Stand des Wissens zu bleiben."

Die Österreicher - so der ÖGARI-Präsident - hätten in jener Phase, in der die exponentielle Entwicklung der SARS-CoV-2-Infektionen sehr besorgniserregend gewesen wären, durch ein weit verbreitet umsichtiges und rücksichtsvollen Verhalten einen entscheidenden Beitrag zur gelungenen Krisenbewältigung geleistet, so der ÖGARI-Präsident. "Mit dieser gemeinsamen Einstellung müssen wir jetzt auch den weiteren Entwicklungen begegnen. Es gilt jetzt, dass weiterhin alle Beteiligten mit der gleichen Professionalität wie bisher auf die weiteren Entwicklungen reagieren."

(APA/Red.)

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