Inside America

Zwischen rührender Inszenierung und harter Doku: Das Langfilmdebüt von Barbara Eder zeigt Porträts von sechs Schülern in Texas - Authentizität statt High-School-Klischees. Ab 11. Februar im Kino.
Zum Trailer
Eine reiche Schönheitskönigin, ein arbeitsloser Gang-Junge, eine von Obdachlosigkeit bedrohte Pflegetochter: Was hier nach Klischees klingt, ist in Barbara Eders Langfilmdebüt “Inside America” eine überraschend authentische Mischung berührender, vielseitiger Charaktere. Basierend auf ihren Erlebnissen als Austauschschülerin inszenierte Eder mit Laiendarstellern die Geschichten sechs Jugendlicher in ihrem letzten Jahr an der Hanna High School in Brownsville, einer texanischen Grenzstadt zu Mexiko. Seine Premiere feierte der Film bei der Diagonale 2009, seitdem war er auf internationalen Filmfestivals von Toronto bis Sarajevo zu sehen und ist nun als einziger österreichischer Beitrag im Wettbewerb des 32. Filmfestivals Max Ophüls Preis vertreten. Am 11. Februar startet “Inside America” regulär im Kino.

An der Hanna High School wird jeden Morgen vor dem Schulgebäude die amerikanische Flagge gehisst, in den Klassenräumen der Treueschwur aufgesagt. Auf dem Lehrplan stehen der Amerikanische Traum, Mutterschaft und Patriotismus. Beim Eintritt in die Schule werden die Taschen auf Drogen und Waffen kontrolliert. Tatsächlich stehen diese nach dem Unterricht auf der Tagesordnung. Manni (Raul Juarez) gehört einer Gang an, arbeitet Nacht für Nacht bei einem Fast-Food-Laden, um sich über Wasser zu halten. Seine Freundin Patty (Patty Barrera) kümmert sich indes um ein Ei, das ihr von der Lehrerin zur Eltern-Übung als Baby anvertraut wurde. Geht es nach ihren Großmüttern, ist das die einzige Möglichkeit einer Frau auf eine gute Zukunft: einen anständigen Mann finden und Kinder bekommen.

Ohne Familie kommt indes Zuly (Zuleyma Jaime) aus. Ihre Pflegefamilie muss sie bald verlassen, weil sie 18 wird. Dann steht sie auf der Straße, ihre biologische Mutter will sie nicht aufnehmen. Allein trotz Elternhaus ist wiederum Cheerleaderin Aimee (Aimee Lizette Saldivar). Deren ehrgeizige Mutter drängt sie zu Schönheitswettbewerben, die ein Sprungbrett zu einer besseren Zukunft sein können. Obwohl Aimee mexikanischer Abstammung ist, wird sie aufgrund ihres Reichtums und ihrer hellen Haut als Weiße angesehen. So will auch ihr Freund Carlos (Carlos Benavides) wahrgenommen werden. Dafür bringt er sich in der Militärklasse ein, verbringt seine Freizeit im Waffenladen, hat immer eine Pistole bei sich. Weiß und amerikanisch, und deshalb Außenseiter, ist wiederum der junge Ricky (Luis De Los Santos), der nur dann in Kontakt mit seinen Mitschülern und Nachbarn kommt, wenn er eingeschüchtert von Tür zu Tür geht, um Kekse zu verkaufen.

Authentisch, behutsam und glaubwürdig zeichnet “Inside America” das Porträt sechs Jugendlicher, die aufgrund ihrer Herkunft, ihres sozialen Standes und der Vernachlässigung durch Eltern und Schulsystem scheinbar keine Zukunft haben. Die Kamera ist nah dabei, wenn sich Situationen hochschaukeln, Gewalt in der Luft liegt, Drogen und Fluchen an der Tagesordnung stehen. Schnell taucht der Gedanke an blutige Amokläufe an High Schools auf, die in jüngster Vergangenheit durch die Nachrichten gegangen sind. Trotz Drehbuch und Inszenierung wirken die Geschichten stark dokumentarisch. Das rührt vor allem daher, dass die Darsteller allesamt Charaktere spielen, die ihnen naheliegen, oder die sie selbst aus ihrem Umfeld kennen. Sie benutzen ihre eigene Sprache, kleiden sich wie sonst auch, sind dadurch glaubwürdig.

Allein die überaus dramatische, Percussion-lastige Musik bei Gewaltszenen, die nie überzogen brutal sondern stets ein wenig distanziert gezeigt werden, hätte ausgespart werden können. Die realistische Zeichnung der Charaktere spricht für sich allein. Durch Cliquen getrennt, wachsen die Geschichten der sechs Protagonisten langsam zusammen. Neid, Feindschaft oder Abhängigkeit verbindet sie alle miteinander. Dokumentarisch muten vor allem die Szenen in den Klassenräumen an, in denen jungen Mädchen beigebracht wird, wie sie sich für Männer schminken sollen, während Buben in der Militärklasse lernen, zu salutieren.

Der Film kommt dabei ohne jeglichen Kommentar aus. So wie die Regisseurin Barbara Eder selbst eine Beziehung zu den Darstellern aufgebaut hat, hat der Zuseher das Gefühl, mittendrin dabei zu sein. “Inside America” ist ein authentisches Werk, das auf Klischees und überzogene Dramatik verzichtet und eine interessante Abwechslung zu typisch amerikanischen High-School-Filmen bietet. Mit grober Inszenierung erlaubt er einen spannenden Handlungsrahmen, der über das Dokumentarische hinausgeht und trotz allem einen realistischen Einblick in das Leben der Schüler in Brownsville gibt.

www.insideamerica-themovie.com

Kommentare
Kommentare
Grund der Meldung
  • Werbung
  • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
  • Persönliche Daten veröffentlicht
Noch 1000 Zeichen