Hollywood-Regisseur Peter Sellars inszenierte "Othello" in Wien

LeRoy McClain, Saidah Arrika Ekulona und Philip Seymour Hoffman
LeRoy McClain, Saidah Arrika Ekulona und Philip Seymour Hoffman ©EPA
Star-Regisseur Peter Sellars inszenierte am Wiener Theater Akzent Shakespeares "Othello". Sellars vergleicht den "schwarzen Mann inmitten vieler weißer Männer" mit Barack Obama.

Befehle werden via Handy übermittelt, Erkundigungen ebenso am Mobiltelefon eingeholt. Doch während der nächste Krieg am Horizont auftaucht und rasch näher kommt, räkelt sich der General mit seiner frisch Angetrauten auf einem aus 45 Bildschirmen kunstvoll zusammengebauten Bett. In den ersten Minuten von Peter Sellars’ viereinhalbstündiger “Othello”-Inszenierung, die gestern, Sonntag, Abend im Wiener Theater Akzent Premiere feierte, wähnt man sich in einer etwas oberflächlichen Aktualisierung des vor 400 Jahren geschriebenen Bühnenklassikers. Doch diese englischsprachige Wiener Festwochen-Produktion zielt im Gegenteil auf Grundsätzliches, und das die Bühne dominierende “Screen-Bed” erweist sich mehr als Kunstinstallation denn als Informationsträger.

Der mit US-Schauspielern hoch besetzten Inszenierung eilten hohe Erwartungen voraus. Die Wahl von Barack Obama sei für Sellars “Anlass, das Stereotyp vom schwarzen Mann als Bedroher der weißen Frau, das seit vier Jahrhunderten dazu herhalten muss, Wahlen zu gewinnen und Gefängnisse zu (über)füllen, zu überprüfen, neu zu denken und hoffentlich zu entschärfen”, hieß es in der Ankündigung. Auf der Bühne scheint man jedoch bereits in einer Post-Obama-Zeit zu halten: Fragen der Hauptfarbe spielen keine Rolle mehr. Othello ist ein Latino (John Ortiz), der Doge (Gaius Charles) ist ebenso Afroamerikaner wie Cassio (LeRoy McClain) oder Montano, Othellos Vorgänger als Gouverneur auf Zypern, der zudem von einer Frau gespielt wird (Saidah Arrika Ekulona). “Mohr” ist hier nahezu jeder – nur Desdemona (Jessica Chastain) und Jago (Philip Seymour Hoffman) sind WASPs, White Anglo-Saxon Protestants.

Rassismus spielt in diesem “Othello” so wenig Rolle wie Politik. Hier geht es um ebenso niedere wie ewige menschliche Triebe und Gefühle, um Liebe, Begehren und Eifersucht. Sellars hat den Fokus deutlich auf die psychologischen Tiefen und die wunderbare Sprache gelegt. Auf das flimmernde Screen-Bett, auf dem immer wieder kunstvolle Einblendungen ablenken und das als keuscher Präsentierteller der ehelichen Freuden dient, hätte man dagegen ebenso verzichten können wie auf die US-Navy-Offiziersuniformen (Bühne: Gregor Holzinger, Kostüme: Mimi O’Donnell). Diese Inszenierung hätte vielleicht sogar mehr Sprengkraft entfaltet, hätte sie sich mit den wenigen auf der Bühne stehenden Klappsesseln und dem privaten Probendress begnügt, das offenbar dem Star des Abends zugestanden wurde.

Oscar-Preisträger Philip Seymour Hoffman (“Capote”) schlurft nämlich inmitten der schmucken Hemd- und Uniformträger als Jago in Zivil über die Bühne, im bequemen Lieblings-Pulli, die Hände immer wieder gemütlich im Hosensack. Die Vorgeschichte, die Militärkarriere dieses vermeintlichen Schlaffis und die Umstände, mit denen der Fähnrich das unbedingte Vertrauen von General Othello erwerben konnte, bleiben im Dunkeln, muss man sich zusammenreimen. Die Gegenwart ist jedoch höchst aufregend. Denn dieser seltsam unbeteiligt wirkende, außenseiterische Jago ist eindeutig das Gravitationszentrum dieser Aufführung. Geradezu bedächtig schmiedet er seine Ränke, wirkt vertrauenswürdig und harmlos und ist dennoch ein Oberfiesling. Mit wenigen Gesten, ganz konzentriert (dabei nicht immer textsicher) auf die Wirkung der Shakespeare’schen Verse, gelegentlich polternd und unbeherrscht, führt er die Intrige, ohne je seine Beweggründe offen zu legen. Dabei ist es wahrlich kein leichtes Unterfangen, die schöne Desdemona madig zu machen, denn so freizügig, wie es das im Programmheft abgedruckte Probentagebuch nahe legt (“Desdemona liebt natürlich Othello, aber vorher hatte sie etwas mit Cassio”), gestaltet Jessica Chastain ihre Figur keineswegs. Im Gegenteil: Als reine Liebende ist sie so pur und unverstellt, dass der Grat zwischen zu Herzen gehender Wahrhaftigkeit und kitschiger Rührseligkeit immer wieder schmal wird.

Sellars lässt sich für die Intrigen Zeit, viel Zeit. Während man sich dort immer wieder Straffung wünschen würde, führt er das Drama schließlich rasch und szenisch wenig überzeugend zu Ende. Desdemona stirbt in Othellos fester Umarmung, mit ungedeuteten Schüssen stürzen die Helden, Liebenden und Intriganten. Viel Jubel für eine nicht durchgängig begeisternde, doch außergewöhnliche Aufführung, die trotz aller Längen den gefürchtet nüchternen Spielort im Theater Akzent vergessen ließ und von Wien nach Bochum und New York gehen wird.

“Othello” von William Shakespeare im Theater Akzent
Inszenierung: Peter Sellars
Bühne: Gregor Holzinger
Kostüme: Mimi O’Donnell
Mit: Julian Acosta – Roderigo, Gaius Charles – Der Doge von Venedig, Lodovico, Gratiano, Jessica Chastain – Desdemona, Liza Colón-Zayas – Emilia, Saidah Arrika Ekulona – Bianca / Montano, Philip Seymour Hoffman – Jago, LeRoy McClain – Cassio, John Ortiz.
Weitere Aufführungen: 16., 17., 18., 19. Juni, 19 Uhr, 20. Juni, 13 und 19 Uhr, Publikumsgespräch am 16. Juni im Anschluss an die Vorstellung.
Karten: 01 / 589 22 22

Web: http://www.festwochen.at

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