Hillary Clintons diplomatische Meisterleistung

Es war ein Diplomatenkrimi, wie er spannender kaum vorstellbar ist: Die Außenminister der Weltmacht USA, Russlands und Frankreichs sowie der Chefdiplomat der EU im Wartestand in der schwer bewachten Universität von Zürich. Drei Stunden hingehalten von der Delegation Armeniens.

Sie alle warteten auf die Unterzeichnung zweier Protokolle, die nach 16 Jahren Eiszeit zwischen der Türkei und Armenien wieder etwas Normalität und einen Krisenherd weniger auf der Erde bringen sollte. Es war schließlich US-Außenministerin Hillary Clinton, die es durch stundenlange Telefondiplomatie ermöglichte, dass über ein Jahr Schweizer Vermittlungsarbeit nicht umsonst war. Die Dokumente wurden unterzeichnet – Applaus von allen Seiten.

Schon die Vorbereitung der Zeremonie ließ darauf schließen, dass die Einigung nicht einfach werden würde. Noch bis zum späten Freitagabend gab es keine offizielle Bestätigung der Schweiz, dass das Treffen auch stattfindet. Dabei waren Koffer der Chefdiplomaten bereits gepackt, Clinton auf dem Weg zu einer Europareise und zunächst mal Richtung Schweiz. Der Schweizer Außenministerin Micheline Calmy-Rey sah man dann am Samstag in Zürich die Anspannung an, als sie ihre Kollegen Bernard Kouchner (Frankreich), Sergej Lawrow (Rusland) sowie EU-Chefdiplomat Javier Solana mit Küsschen begrüßte. Vor zwei Jahren hatten die Türkei und Armenien in der Schweiz angeklopft, ob Bern die heikle diplomatische Aufgabe übernehmen könne. Ein Jahr harter diplomatischen Kleinarbeit folgte.

Dann die Vorbereitungen für die Zeremonie in der völlig abgesperrten und von allen Studenten und Mitarbeitern geräumten Universität Zürich. Erst waren fast alle da, doch die Armenier fehlten. Clinton ließ ihr Auto wenden und fuhr zurück ins unweit gelegene gelegene Luxushotel Dolder hoch über Zürich. Dort soll sie nach Beobachtungen von Reportern eine Stunde lang aus dem Auto telefoniert haben, während ihre diplomatischen Mitarbeiter mit den Delegationen Armeniens und der Türkei berieten. Es folgten Einzelgespräche Clintons – schließlich erfolgreich.

Die armenische Seite, unter starkem Druck der Opposition im Land und in der Diaspora, stieß sich an Passagen der vorbereiteten Reden, die nach der Unterzeichnungszeremonie gehalten werden sollten. Der Kompromiss lautete schließlich: Es werden keine Reden gehalten. Die Unterschriften folgten drei Stunden später als geplant, die Dokumente wurden besiegelt. Ohnehin müssen die Abkommen über die Aufnahme der seit 1993 eingefrorenen diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern noch von den Parlamenten ratifiziert werden.

Die Schweiz jedenfalls hatte zwei Wochen nach der Verhaftung des Starregisseurs Roman Polanski endlich einmal eine gute Nachricht aus Zürich für die Weltpresse. Die Blamage, dass einige der mächtigsten Diplomaten der Welt um ein Haar umsonst zu den Eidgenossen gereist wären, blieb ihr nun erspart.

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