"Hicke" nach 0:1: "Gefährliche Niederlage"

Österreichs Hoffnungen auf einen Viertelfinal-Einzug bei der EURO 2008 haben schon zum Auftakt einen massiven Dämpfer erhalten.  | HarnikIvanschitz | Macho | Pressestimmen | "Sieg muss her"

Nach dem 0:1 am Sonntag in Wien gegen Kroatien benötigt das ÖFB-Team ziemlich sicher zwei Siege in den ausstehenden Gruppe-B-Spielen gegen Polen (Donnerstag) und Deutschland (Montag) zum Aufstieg in die nächste Runde, die gute Leistung in der zweiten Hälfte war da ein schwacher Trost.

Laut Teamchef Josef Hickersberger entsteht durch das Zustandekommen des unglücklichen Resultats sogar eine besondere Bedrohung. “Solche Niederlagen wie gestern sind die gefährlichsten, dessen bin ich mir völlig bewusst. Gut zu spielen und zu verlieren ist so ziemlich das Schlimmste, was einem im Fußball passieren kann”, meinte der 60-Jährige am Montag in Stegersbach. “Mir wäre viel lieber gewesen, die Mannschaft hätte katastrophal gespielt und unverdient etwa durch einen geschenkten Elfer gewonnen.”

Wenig später präzisierte Hickersberger seine Aussagen. Gefährlich sei die Niederlage deshalb, “weil man leicht den Eindruck gewinnen kann, man sei mit der Niederlage zufrieden. Das ist ganz schlimm, weil die Spieler vielleicht zu wenig überlegen, was man noch besser hätte machen können.”

Doch auch Hickersberger erweckte den Eindruck einer gewissen Zufriedenheit nach der Eröffnungsschlappe, immerhin äußerte er sich überwiegend positiv über die Leistung seiner Mannschaft. “Wir sind enttäuscht, weil wir ein wichtiges Spiel vor einer großen Kulisse verloren haben. Trotzdem gebührt der Mannschaft großes Lob.”

In diesem Zusammenhang hob Hickersberger vor allem das Auftreten in der zweiten Hälfte hervor. “Da haben wir nach den Umstellungen das Spiel dominiert, waren besser als Kroatien. Einige Spieler waren zwar nicht in absoluter Bestform, dennoch hat die Mannschaft als Ganzes gut funktioniert.”

Die Steigerung nach der Pause führte der Niederösterreicher in erster Linie auf die gute körperliche Verfassung zurück. “Man hat gesehen, dass wir gut über die 90 Minuten gekommen sind. Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Kroaten noch so frisch waren, als sie in die Kabine gekommen sind. Das zeigt, dass wir mit unserem Vorbereitungsplan richtig gelegen sind”, erklärte Hickersberger, nach dessen Angaben die zweiten 45 Minuten “eine der besten Hälften waren, die eine österreichische Nationalmannschaft in den letzten Jahren gespielt hat”.

Dazu hätten auch die Einwechslungen von Ivica Vastic, Ümit Korkmaz und Roman Kienast beigetragen, auch wenn “Hicke” zu bedenken gab: “Es ist immer leichter, gegen einen Gegner, der schon 60 Minuten gespielt und viel Kraft gelassen hat, reinzukommen. Dennoch möchte ich allen drei Spielern gratulieren. Es wäre das Schönste gewesen, wenn Vastic seinen Kopfball im Tor unterbracht hätte”, sagte der Teamchef, ergänzte allerdings: “Aber deswegen werden nicht alle diese drei Spieler gegen Polen in der Startformation stehen.”

Neben personellen Änderungen machte Hickersberger auch die System-Umstellung für den Aufschwung verantwortlich. Die Frage, warum er nicht schon von Beginn an mehr Risiko nahm und stattdessen mit einer äußerst defensiven 3-5-2-Formation aufkreuzte, ließ der Betreuer nicht gelten. “Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Elfer-Foul nicht passiert wäre, wenn wir mit einer anderen Aufstellung gespielt hätten.”

Bei der Aufstellung ging es laut Hickersberger “um eine Einschätzung der Spielstärke beider Mannschaften. Es geht darum, dass wir uns auf den Gegner einstellen müssen. Wir sind nicht Brasilien, dass sich der Gegner auf uns einstellen muss.” Von seiner Warte her habe die Taktik “durchaus gepasst”, meinte der Teamchef und betonte, er würde wieder die gleiche Startformation aufbieten, hätte er die Möglichkeit, noch einmal gegen Kroatien zu spielen.

Seine Absicht sei es gewesen, die Kroaten durch ein von Vorsicht geprägtes System zu mehr Offensive zu verleiten und dadurch größere Räume zu haben. “Wir wollten tiefer verteidigen, um die kroatische Abwehr näher zur Mittellinie zu locken und schnelle Gegenangriffe einzuleiten”, erzählte Hickersberger, gab aber immerhin zu, dass seine Mannschaft vor allem in der ersten Hälfte die meiste Zeit mit einer Fünferkette agierte. “Die Außenspieler im Mittelfeld haben vielleicht zu viel verteidigt.”

Noch ein weiterer Anflug von Selbstkritik wurde bemerkbar: “Wir haben es nicht geschafft, einige Mittelfeldspieler bei Flanken in den Strafraum zu bringen. Das ist der einzige taktische Vorwurf, den wir uns machen können.”

Die taktischen Pläne seien “nach genausten Analysen der Kroaten” erstellt worden. “Wir haben erwartet, dass Kroatien in den ersten 15, 20 Minuten viel Druck ausüben wird. Dennoch haben wir nicht damit gerechnet, dass ein Schiedsrichter einen gerechtfertigten Elfer nach drei Minuten gegen den Gastgeber gibt.”

Als Kritik am Unparteiischen wollte Hickersberger diese Aussage nicht verstanden wissen, zumal auch Emanuel Pogatetz Glück gehabt hätte, nicht schon nach einer halbe Stunde mit Gelb-Rot vom Platz zu fliegen. “Ich möchte den Schiedsrichter loben. Er hat gezeigt, dass er kein Heimschiedsrichter ist, und das ist das beste, was man über einen Spielleiter sagen kann.” Das Elfer-Foul von Rene Aufhauser “kann passieren, auch wenn ich natürlich nicht besonders glücklich darüber bin. Dennoch zählt er zu unseren Schlüsselspielern in dieser Phase”, erklärte der 60-Jährige, der auch andere Kicker nicht an den Pranger stellen wollte. “Es ist nicht meine Art, Spieler öffentlich zu kritisieren.”

Unmittelbar nach dem Elfmeter sei die Verunsicherung in der ÖFB-Auswahl groß gewesen, gab Hickersberger zu. “Da hatten wir große Probleme, weil wir mit dem Rückstand lange nicht gut umgehen konnten und nicht die richtige Balance zwischen Offensive und Defensive gefunden haben. Es war die Angst im Hinterkopf, dass wir das zweite Tor bekommen und das Spiel dann verloren ist”, analysierte der Nationaltrainer.

Trotz dieser Schwächephase sei es ihm nicht in den Sinn gekommen, schon vorher auf mehr Offensive umzuschalten. “Es war die Frage, behalten wir den Schlachtplan bei oder ändern wir die Marschroute. Nachdem ich nicht erkennen konnte, dass wir irgendetwas außer beim Elfmeter falsch gemacht haben, haben wir sie beibehalten. Das war keine Frage der Taktik, sondern der Erfahrenheit”, betonte Hickersberger.

Trotzdem erachtete Hickersberger das Comeback seiner Schützlinge gegen Ende der ersten Hälfte als lobenswert. “Sie sind mit der Situation gut umgegangen. Wenn wir das 0:2 kassiert hätten, wären wir nicht zurückgekommen.”

Doch auch so blieb am Ende nichts Zählbares für die Österreicher, bei denen der in der Vorbereitung starke Erwin Hoffer nicht eingetauscht wurde. “Seine Einwechslung wäre bei diesem Spielstand nicht die richtige Lösung gewesen, weil er in der Luft weniger gefährlich als Kienast ist, der doch um zweieinhalb Köpfe größer ist.” Hoffer hätte seine Schnelligkeit nicht ausspielen können, “weil das nur bei größeren Räumen gegangen wäre, und die haben wir nicht gehabt”

Auch das Vorziehen von Ronald Gercaliu gegenüber Christian Fuchs, obwohl dieser bei Mattersburg jahrelange Erfahrung mit einem 3-5-2 gemacht hat, rechtfertigte Hickersberger: “Das war eine Frage, über die wir lange nachgedacht haben. Fuchs kennt das System besser, aber Gercaliu war im Training besser drauf, ist in der Defensive stärker. Und wir haben bei den Kroaten mit Corluka und Srna zwei Spieler auf unserer linken Seite vorgefunden, die viel Druck nach vorne entwickeln.”

Für den enttäuschenden Auftritt von Roland Linz zeigte der Teamchef nur bedingt Verständnis. “Natürlich ist es für ihn am besten, wenn wir mit zwei Flügeln spielen und er seine Stärken im Strafraum zu Geltung bringen kann. Nur sind wir gegen starke Mannschaften nicht in der Lage, so zu spielen, wie er sich das wünscht.”

Als kleiner Trost blieb Hickersberger, dass er nach dem Spiel unter anderem vom früheren französischen Spitzentrainer Gerard Houllier und vom kroatischen Kapitän Niko Kovac (“Er hat nicht damit gerechnet, dass wir die Kroaten so unter Druck setzen können”) Lob für die ÖFB-Darbietung einheimste. “Es war natürlich nicht eines der besten Spiele der Kroaten, aber sie haben immerhin eine starke österreichische Mannschaft besiegt”, konstatierte “Hicke”, der nach der Partie dem kroatischen Premier Ivo Sanader zum Erfolg gratulierte.

Der EM-Euphorie im Land werde die Niederlage keinen Abbruch tun, vermutete Hickersberger. “Natürlich ist die Stimmung abhängig von der Leistung und dem Ergebnis. Das Ergebnis war schlecht, aber die Leistung in Ordnung”, sagte der Coach, der sich von der elektrisierenden Atmosphäre im Happel-Stadion begeistert zeigte. “Das war eines der großen Spiele, für die es sich lohnt, Teamchef zu sein.”

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